Tsapold's Tagebuch - Pforte des Grauens
Aktualisiert: vor 7 Tagen

Warum nur, können nicht Taten zählen? Ich habe Könige gerettet, Drachen besiegt, gegen Seeschlagen und Dämonen gekämpft, aber meine Heimat, mein Haus, das Erbe meiner Familie bleibt mir vorenthalten. Alles nur wegen Wortverdrehenden Spitzfindigkeiten meines nichtsnutzigen und dreisten Vetters. Nahezu ein Jahr verbringe ich die Zeit mit Formularen, Anhörungen, ja entwürdigenden Bittstellungen bei Beamten, deren ehrenvollsten Taten darin besteht, beim stempeln von Pergamenten nichts zu verschmieren.
Tseldas Auftauchen in Greifenfurth und ihre beinahe obszöne Gleichgültigkeit ihrer Verantwortung gegenüber der Familie, schlug dem Fass den Boden aus, muss ich sagen. Es ist infam und naiv, dass die Praioskirche gerade sie mit einer Aufgabe höchster Wichtigkeit beauftragt, so ist sie doch eines der durchtriebensten kleinen Biester, die man Schwester nennen muss. Was aus den Niederhöllen hat Ucurian Yago so verblendet? Zum Glück nur, dass er auch Leuenpraios gefunden hat, um dessen Erfahrung und Weisheit, vor Allem aber um dessen Einfluss auf Tselda zu nutzen. Es ist durchaus schade, dass diese kleine Episode, das sehr unterhaltsame Treffen von Freunden im Rondarios getrübt hat.
Wie auch immer, sie ist bereits vor Tagen mit Leuenpraios und Freuden weitergezogen. So sehr sie mich auch zum Kochen bringt, ich wünsche ihr den Erfolg und die Einsicht, das richtige zu tun.
Tage später tauchte sie mit Leuenpraios wieder auf, um ehrlich zu sein, warum, kann ich gar nicht sagen. Der Empfang war ebenso herzlich, wie überflüssig und so erreichte mich ein Brief von Wiedbrück, während wir in Greifendurth standen und uns Nettigkeiten gegen den Kopf warfen. Wiedbrück ist wohl in Tuzak, um einem größeren Komplott auf den Grund zu gehen. Und scheinbar benötigt er meine Hilfe. Als ich von diesem sechsfingerigen Mann gelesen habe, wurde mir übel. Gerade noch in Arras de Mott gesehen, würde er jetzt in Maraskan sein? Was will Borbarad dort?

Wenn der Brief nur ein paar Tage eher eingetroffen wäre, dann hätte ich direkt noch im Rondarios alle zusammentrommeln können. Besonders Minobe sollte mich begleiten, Tuzak ist ihre Heimat. Erst vor Kurzem habe ich gehört, dass sie auf dem Weg nach Punin ist. Dann verliere ich besser keine Zeit. Unsere Kutsche und Boris sind in Trallop, dort nützt sie mir nichts. Ich werde reiten. Zu meiner Überraschung, meldete Tselda an, dass sie ebenfalls nach Punin müsse. Soll sie, aber nicht mit mir. Sie könnte zu Pferde ohnehin nicht mithalten.
In Punin, dauerte es nicht lange, bis ich herausfand, dass Reto und Rondario ebenfalls zu Gegen waren und Gom sollte sowieso hier sein, hab ich gehört. Also trafen wir uns im Einhorn, wo dann auch sehr bald Minobe auftauchte. Sie hatten noch Persephone dabei, die kleine Kopfgeldjägerin, die ich schon im Rondarios gesehen hatte. Das Leopardentatoo ist schon ziemlich... Halt, jetzt nicht! Reto wurde von der Efferdkirche in den Rang eines Hochgeweihten berufen. Mein Stammloka... entschuldigung, der Sündenpfuhl im ehemaligen Efferdtempel in Baliho ist wohl bald Geschichte. Außerdem scheint es, als ob Reto und Minobe als Gezeichnete, sich gegenseitig orten könnten. Nicht genau, aber wie ein innerer Kompass, die die beiden wissen läst, in welcher Himmelsrichtung sie sich gegenseitig befinden. Erstaunlich. Noch erstaunlicher war, dass auch Tselda wenig später im Einhorn auftauchte. Warum? Entweder ist sie zu Verstand gekommen und möchte endlich von mir lernen oder sie hat etwas im Sinn, dessen Bedeutung sich nur ihn ihrem Querkopf enthüllt.
Ich erzähle den anderen gerade von Wiedbrücks Brief, da stubst Tselda Gom an, um ihm mittzuteilen, dass eine blinde Boron Akolythin zu und kommt. Die Begrüßung der beiden war redeelig wie immer. Im Raum war es still, alle Augen ruhten auf der Akolythin und Gom, dennoch vermochten wir alle nichts zu hören. Erst, als sie wieder weg war, Gom sich noch immer Still zu uns umdrehte, und ich glaube Persephone mit der Frage rausplatzte, was die Akolythin Gom denn nun gesagt hätte, bekamen wir die Information, dass uns seine Erhabenheit Braham Nasir, Höchstgeweihter der Boronkirche zu einer Audienz empfängt.
Ich denke, ich spreche für alle, wenn wir gelinde gesagt etwas überrascht waren, aber dies war eine Aufforderung, die man nicht ignoriert. Also machten wir uns nach dem Essen auf zum Borontempel, der, wie ich sagen muss, wirklich sehr beeindruckend ist. Auch hier übernahm Gom unsere Anmeldung, wobei ich hätte auch hier schwören können, dass weder Gom noch der Golgarit vor dem Tor auch nur ein Wort gesprochen haben. Wir fanden uns schnell bei Braham Nasir wieder. Bei ihm Kommandante Andranez, als Vertreiterin des Al'Amfaner Ritus Borons, Gernot von Mersingen, Oberbefehlshaber der Golgariten und eine Person oder Gestalt, deren Bezeichnung "Des Raben linke Hand" ist. Nun, Letzte hätte auch genauso gut eine Statue sein können, denn sie hat sich genau gar nicht bewegt, zu keiner Zeit.
Von seiner Erhabenheit erfuhren wir, das eine Lieferung Endurium in der Gegen um Tuzak abhandengekommen sei, dies aber nicht das erste Mal gewesen ist. Damals bekannten sich die maraskanischen Separatisten zu der Tat, aber dieses Mal schien es wohl nicht so klar. Er beauftragt uns damit, nach Tuzak, um dort der Sache auf den Grund zu gehen. Der Zufall scheint hier unser Begleiter, zu sein. Oder etwa nicht?
Von Gebürstetem Staub und reinem Hass
Was wir von Seiner Erhabenheit Braham Nasir erfuhren, war beängstigend. Gesandte des Boron Kults aus Al'Anfa und KGIA-Agenten wurden auf der Suche nach dem Endurium nicht einfach nur getötet – sie wurden enthauptet. Und schlimmer noch: Ihre Köpfe wurden vor dem Borontempel in Tuzak zur Schau gestellt. Eine Machtdemonstration und eine deutliche Botschaft. Mehr noch, ein ganzes Banner Drachengardisten ist verschwunden. Meiner Erfahrung nach, benötigt es deutlich mehr, als Separatisten, um soetwas zu vollbringen. Der Auftraggeber war klar: Wir sollten nach Tuzak reisen und der Sache auf den Grund gehen. Um ehrlich zu sein, ehrt es mich ungemein, dass Nasir uns damit beauftragt, für Klarheit zu sorgen, allerdings sollte Demut ein Begleiter sein. Wenn Borbarad da mit drinsteckt, dann können uns nur die Götter helfen.
Wir nahmen den Auftrag an, auch weil Wiedbrück scheinbar einer ähnlich Sache auf der Spur ist. 15 Dukaten Handgeld und Pferde für die Reise über den Raschdulswall. Seine Erhabenheit segnete uns alle persönlich – ein Privileg, das man nicht leichtfertig ablehnt. Am nächsten Morgen sollten wir aufbrechen.
Wir ritten früh los und erreichten Then am späten Nachmittag. Eine kurze Rast, aber notwendig. Hinter dem Gebirge beginnen die Tulamidenlande und Dukaten, sind nicht mehr gern gesehen. Tselda bot sich an, in Then einen guten Kurf für uns auszuhandeln. Sagen wir so, wie wird das sicher können, aber allein würde ich sie das dennoch nicht erledigen lassen.
Was dann folgte, war wohl eines der seltsamsten Unterhaltungen, denen ich je beiwohnte.
Tselda ging scheinbar zufällig auf einen Mann in der Taverne zu und begannen ein Gespräch. Allerdings nicht, wie man sich das irgendwo in Aventurien vorstellen könnte.
"Heute hat mir der Morgen die Schuhe geborgt", sagte Tselda.
Der Mann: "Dann hat der Abend jetzt nasse Füße."
"Nur links", sagte sie. "Rechts ist er noch nicht angekommen."
Und so ging es weiter. Gedanken, die aus Ärmeln fallen. Stürme, die sich als Dienstag vorstellen. Münzen, die stehen bleiben. Fische, die beschließen, keine Fische zu sein. Eine Treppe, die seitwärts wächst.
Den Gesichtern aller Anwesenden nach, muss meines einer Attraktion würdig gewesen sein. Ich verstand rein gar nichts, Tselda und der Mann allerdings sehr wohl. Sie nickten an den richtigen Stellen. Sie antworteten sinnvoll auf Unsinn. Und zum Abschluss:
"Wenn der Mond morgen rückwärts geht, werde ich den Staub bürsten", sagte der Mann.
"Dann werde ich die Federn falten", erwiderte Tselda.
"Falte sie vorsichtig."
"Immer."
Sie erhoben sich. Niemand sah Geld. Niemand sah Beutel. Aber das Geschäft war erledigt.
Als Tselda an mir vorbeiging, flüsterte sie: "Man sollte nie mit einer Treppe handeln, die seitwärts wächst."
Der Mann antwortete von hinten, fast flüsternd: "Außer sie hat sieben Schatten."
Ich verstehe nicht, was dort geschah. Aber ich weiß, dass es geschah. Was habe ich da gesehen, fragte ich Tselda? Und Tselda grinste nur und zwinkerte mir zu, als würde sie sagen wollen. "Ja, so machen das die Großen."
Am nächsten Morgen ritten wir weiter über den Raschdulswall - mit Tulamidenwährung und das auch noch zu einen wirklich guten Wechselkurs. Am Abend des 22. Rajah erreichten wir die Quelle des Borbun, kurz vor dem Pass. Der 23. Rahja bestand aus nichts weiter, als Bergen und Tälern, Felsen und brennender Sonne. Am 24. Rajah erreichten wir dann den Passsattel.

Minobe und Rondario geboten zum halten. "Da, schon wieder", riefen sie fast uni sono. Eine einzelne Gestalt, ein paar hundert Meter entfernt. Immer wieder. Immer derselbe Mensch, als würden wir beobachtet. Minobe flog sofort hin. Rondario teleportierte sich hinter ihm. Was folgte, war aufschlussreich und verstörend zugleich. Der Mann hasste uns. Minobe sah es in seinen Gedanken: Reiner, abgrundtiefer Hass. Gegen jeden Einzelnen von uns. Und er war beauftragt worden, uns zu beobachten. Von wem? Das konnte sie nicht sehen. Der Mann selbst antwortete nicht – jeder Frage wich er aus. Mit jedem Ausweichen, kam er dem Abhang näher, bis er schließlich einfach hinuntersprang, sich aber dann einfach in Luft auflöste.
"Transversalis", meinte Rondario – das, was er getade selbst getan hatte.
Tja, ich schätz, dass Borbarad bereits weiß, dass wir auf dem Weg nach Tuzak sind. Arras de Mott steckt ihm vermutlich noch in den Knochen. Ich hoffe nur, dass er im vergangnene Jahr nicht zu sehr an Stärke dazugewonnen hat.
Wir reisen weiter. Erkenstein am 26. Rajah. Durhans Zauberküche – ein Ort voller Seltsamkeiten. Der garethi Dialekt hier ist hanebüchen. Mit Tulamidya ist man hier deutlich besser dran. Reto schlägt vor, nein eigentlich bestimmt er, dass wir uns von nun an auf seinem Medium fortbewegen. Die Pferde verkaufen wir und ab Selicum reisen wir mit dem Floß weiter. Ab Vishid: Flussschiff. Die Flussfahrt nach Samra war lang, aber ruhig.

Am 30. Rajah schließlich erreichten wir Samra am Abend. Aber irgendetwas war anders. Die beiden Gezeichneten – Reto und Minobe – spürten es: Hasspulse. Wellen von Hass auf Borbarad. Wir passierten Zamorrah. Vor etwa 400 Jahren war Borbarad dort aktiv. Sein Wirken hinterließ Narben auf dem ganzen Kontinent, aber hier besonders. Die Gor in der Ferne, der Ort an dem Rohal Borbarad verbandte, macht sie Sache nicht gerade besser.

Morgen beginnen die namenlosen Tage. Dieser Ort scheint alles andere als geeignet zu dieser Zeit. Aber wir sind hier und im Raschdullah-Glauben findet am 1. Tag des Namenlosen Feiertag statt.Zum feiern ist uns allerdings nicht zu Mute. Wir uns um eine Unterkunft hiesigen in der Garnion. Es ist ziemlich ruhig, alle Geschäfte schließen, alles wird veräumt und verschlossen. Hoffentlich ist das nicht die Ruhe vor dem Sturm.
Zamorrah, Gor und Rashdul
Wir verbringen die Nacht zum 1. Tag des Namenlosen in der Garnison. Sie verläuft durchaus ruhig, aber dennoch erhasche ich nicht allzu erholsamen Schlaf. Am nächsten Morgen können wir einen Novadi Kapitän eines Flussschiffes dafür gewinnen, uns nach Raschdul zu fahren. Als Tselda und Persephone das hören, zucken sie etwas zusammen und sehen sich seltsam verstohlen an. Offenbar möchte meine Schwester nicht wirklich darüber reden, nichts anderes habe ich erwartet, Persephone aber auch nicht. Hoffentlich erwartet mich keine böse Überraschung dort.
Die Fahrt verläuft ruhig. Wir passierten die Siedlung Borbra ohne zu halten, immer ist die Gor unser Begleiter - unangenehm. Erst in der Nacht legten wir an, da das Schiff ohne Licht nicht vorankam. Die Novadi, die das Schiff führen, boten uns Speis und Trank. Sie erzählten von den aktuellen Wirren in dieser Region – Unruhen, die wie ein Lauffeuer um sich greifen. Der Kapitän, sie nennen ihn nur Sahib, erklärt uns, dass er in Rashdul einen Tag bleibt, um Waren zu kaufen, dann weiter nach Khunchom möchte.
Wir sind erleichtert, je weiter wir uns von der Gor entfernen. Diese Wüste ist legendär – und böse. Dort fand die letzte Schlacht zwischen Borbarad und Rohal statt. Dort wurde der Borbarad verbannt. Minobe war bereits dort, hatte sich schon einmal gegen Liscom von Fasar behaupten müssen. Dort ist ihr auch Teclador begegnet. Man sagt, dass dort noch immer ein Elf namens Elrith herumirrt, der von einem Totenschädel verfolgt wird. Er war damals mit Minobe in der Gor.
In Rashdul angekommen verliert Gom keine Zeit und marschiert direkt zum Borontempel des Puniner Ritus. Ein Priester grüßt nach "wortreich" Boron-Manier und schaut fragend. Gom ist knapp und präzise wie üblich. Als würde er für jedes Wort zu viel zahlen müssen. "Ich bin im Auftrag der Boronkirche unterwegs und möchte Erkundigungen einholen." Scheinbar genügte dies und er wird hineingeführt. Der Priester berichtet von Unruhen in Sinoba, einer Seeblockade und mehreren Rebellengruppen, die sich zusammenrotten. Nicht viel mehr, als wir ohnehin schon wissen.
Reto wiederum, stattet dem Boron Tempel das Al'Anfaner Ritus einen Besuch ab. Er ist direkt und formell, Reto eben.
"Ich wünsche zehn Minuten Zeit beim Tempelvorsteher."
"In welcher Angelegenheit?"
Reto zeigt sein Emblem, welches wir alle von der Al'Anfaher Geweihten in Punin bekommen hatten. Offenbar mehr als genug und Reto wird direkt zum Tempelvorsteher vorgelassen:
"Was kann ich für Euch tun?"
Reto berichtet: "Die Zwölf sind in Unruhe versetzt. Aus Punin haben wir die Information erhalten, dass Köpfe eurer Spezialeinheiten von Aufständischen vor dem Tempel von Tuzak auf Maraskan drapiert wurden. Habt ihr eventuell Informationen dazu?"
Die Reaktion des Tempelvorsehers ist ernst:
"Maraskan ist in Aufruhr. Nekromantische Aktivitäten verstärken sich dort. Am 22. Ingrimm gab es eine Erschütterung der Sphären – große Besorgnis macht sich breit.".
Das Gespräch ist dann auch beendet. Reto verbleibt im Tempel. Er sendet sein Zeichen mit einer Nachricht zu Rondario. "Es gibt Neuigkeiten".
Persephone und Tselda begeben sich zum Phex-Tempel. Dort angekommen, verschwindet Tselda ziemlich schnell von der Bildfläche und Persephone steht allein da.
Ein Mann kommt auf sie zu: "Was verschlägt Euch hierher?"
"Ich hatte gehofft, etwas über die Unruhen auf Maraskan zu erfahren."
Fünf Dukaten später öffnet sich der Mann. So ist Phex.
Eine strenge Seeblockade. Eine Nachrichtenblockade. Im Untergrund munkelt man, dass jemand im Hintergrund die Fäden zieht. Verstärkte Patrouillen. Menschen werden verhaftet, wenn sie im Verdacht stehen, mit dem Widerstand zu kollaborieren. Aber das Verstörendste: Mehrere Rebellengruppen haben sich vereint. Das passiert nicht von selbst. Und noch mehr: Magische Umtriebe. Verstärkt. Echsen wurden wieder gesichtet. Der Mann verschwindet kurz. Er kehrt zurück und stellt Persephone eine kleine Flasche auf den Tisch. Ein Anti-Gift-Fläschchen, dass wohl gegen die meisten Gift wirken soll. Eine sehr nützliche Mitgift für Maraskan.
Ich selbst mache mich auf zum Rahja-Tempel. Es gibt nichts entspannenderes, als sich dort allen Annehmlichkeiten und vielleicht auch noch etwas mehr hinzugeben. Zudem wird Tselda hier ganz sicher nicht auftauchen. Eher würde sie sich wohl ein Bein abhacken.
Rondario und Minobe begeben sich zur Magierakademie. Das Tor ist verschlossen – aber Rondario hat bereits von Edgenion gehört, dass man sich eines Teppichflugservices bedienen kann.
In der Akademie warten schon ein Adept: "Was ist Euer Begehr?"
"Wir wünschen in die Bibliothek vorgelassen zu werden."
"Wer seid Ihr?"
Rondario stellt sich vor. Minobe folgt. Rondario zeigt sein Magiersiegel. Minobe verleugnet ihre Hexenidentität. Plötzlich – ein halbdurchsichtiger Sturmvogel landet. Die Nachricht von
Reto: "Neue Informationen vom Borontempel. Interessant. Liebe Grüße von Reto."
Der Adept ist überfordert: "Äh, äh, äh – wenn Ihr wollt, informiere ich die Spektabilität."
Rondario: "Ich würde auch gerne eurem Golem gehen."
"Kein Problem."
Rondario grüßt den Golem von Edgenion. Der ist allerdings nur ein Verwandter des Ghins, den Edgenion kennt. Reto kommt nach in die Akademie – die Tore sind für ihn offen. Sie alle betreten ein luxuriöses Schlafgemach mit Labor. Die Spektabilität begrüßt sie persönlich.
Reto berichtet von den Unruhen in Maraskan und fragt: "Weitere Neuigkeiten?"
Die Spektabilität ist deutlich: "Ihr wollt nach Maraskan reisen? Ich würde Euch dringend abraten. Wir haben zwei Magier dorthin gesandt. Beide sind nicht zurückgekommen."
Rondario geht weiter darauf ein: "Was würde eine derartige Erschütterung der Sphären dort hervorrufen?"
"Ein größeres Ritual. Oder die Beschwörung eines wirklich mächtigen Dämons."
"Was würde diesen Dämon abwenden?"
Die Spektabilität antwortet bedacht: "Wenn Euch sein wahrer Name bekannt wäre – das würde Euch große Macht verleihen."
Minobe fragt pragmatisch: "Dürfen wir Eure Bibliothek nutzen?"
"Sicher. Aber es gibt Werke, zu denen Ihr keinen Zugang erhalten werdet."
Sie verlassen die Magierakademie. Wir beschließen gemeinsam: Ein Bad, nun das spare ich mir. Der Rahja Tempel war Bad genug möchte ich meinen. Bei einem guten Essen bin ich allerdings sehr gerne dabei.
Dann eine Nacht auf dem Schiff. Ruhig, solange es noch geht.
Unruhe aller Orten

Kunchom. Die größte Stadt im tulamydischen Reich, wunderschön und über und über mit Brücken versehen. Ein Ort, an dem sich die Welt trifft – Menschen aus aller Herren Länder, Händler, Söldner, Spione. Die Tempel aller zwölf Götter sind vertreten, außer Hesinde. Schlagen, das Symbol Hesindes, bedeuten Böses und Tod. Die Stadt ist voll. Umtriebig. Laut. Hier werden wir die letzten Besorgungen machen.
Wir gehen zur Drachenei-Akademie. Genau der Ort, um mehr über das Suge von Minobe herauszufinden. Am Tor gewährt man uns Einlas, allerdings unter der Bedingung, dass wir unsere Waffen abgeben. Üblich hier, also leisten wir Folge. Die Wache allerdings hatte sich das ein wenig anders vorgestellt, wenn uns wurde eine kleine Kiste gezeigt, in welche wir die Waffen legen sollten. Nun, was sol ich sagen, wir sind nicht erst seit gestern im Geschäft, also waren es am Ende drei dieser Kisten und auch mehr Wachen, denn irgendwer musste das ja alles wegtragen.
Wir spenden überdurchschnittlich viel für die Akademie, denn wir erwarten viel Information. Als wir zu Kadhil Okarim, die Spektabilität der Akademie vorgelasen werden, begrüßen sich Minobe und er zuerst. Sie sind alte Bekannte, ein Grund, warum er uns persönlich empfängt.

Was er uns berichtet, ist nicht neu, aber dennoch durchaus bedrohlich. Bei der Sphärenerschütterung auf Maraskan ist Wasser im pervertierten Sinne zum Tragen gekommen. Dies erinnert uns sofort an Arras de Mott, als Borbarad einen ganzen Berg in Wasser verwandelte. Okarim weiß, dass hier dämonische Unterstützung notwendig ist. Er zählt auf: "Charyptoroth, Nargrach, Agrimoth kommen hierfür in Frage". Vielen von uns ist klar, dass es Charyptoroth sein wird. Es ist nicht das erste Mal. Schockiert sind wir nicht, allerdings von erleichtert könnten ebensowenig weiter entfert sein.. Persephone wirkt ein wenig blass, ob dieser Information, sie scheint dann doch noch nicht so weit herumgekommen zu sein.
Wir erzählen Okarim die ganze Geschichte. Im Norden, von der Zeitmanipulation, den Kraftlinien, von Liscom von Fasar und der Fleischwerdung Borbarads. Von Pardona und natürlich von Minobes beseeltem und rubinenem Auge. Okarim zeigt sich nicht überrascht oder beeindruckt. Das wirkt für mich ich gelinde gesagt schon fast töricht. Entweder unterschätzt er Borbarad oder aber er weiß bereits viel mehr, als er uns sagen möchte. Er versichert uns, dass er allem Um Borbarad sehr ernst nimmt teilt uns mit, dass er, Rankorium Montagunus und eine dritte Person bereits etwas in Planung haben. Damit wir aber im schlimmsten Fall nichts verraten können, gibt er aber auch keine weiteren Informationen heraus. Ich bin mir ehrlich nicht sicher, ob dies eine gute oder schlechte Nachricht ist.
Während wir in der Akademie sind, begibt sich Reto in den Efferd-Tempel. Was dort geschieht, erfahren wir erst später, als wir uns wieder treffen.
Reto hat ein Gefühl der Rastlosigkeit – als sei er für etwas zu spät. Er kann es nicht näher deuten, also begibt er sich ins Gebet. Sobald er eines der Gebetsbecken betritt, bilden sich bei der Berührung des Wassers Nebelschlieren. Ungewöhnlich und ziemlich beunruhigend. Der Nebel wird dunkelgrau, dann schwarz. Um ihn herum wird es dunkler. Der Nebel formt sich zu einer schwarzen Hand mit sechs Fingern. Reto wird sofort klar, dass das ein Zeichen von Borbarad ist. Geistesgegenwärtig taucht er unter. Vielleicht was es die Nähe zu Efferd, aber die Hand löst sich auf.
Als er wieder auftacht, ist alles wieder normal und niemand im Tempel scheint etwas bemerkt zu haben.
Als Reto uns das später erzählt, bin ich nicht nur beunruhigt – ich bin schon fast verärgert. Beunruhigt, weil sich Borbarad sogar unverblümt bis in Tempel hervorwagt, verärgert, weil er uns anscheinend verucht einzuschüchtern. Borbarad mag sehr, sehr mächtig gewesen sein, aber wir sind auch kein Haufen von Vagabunden. Allerdings zeigt dies auch, dass wir uns Heimlichtuerei wohl auch sparen können. Reto sagt, er fühlt sich stolz, dass er sich nicht so einfach von Borbarad einschüchtern lässt. Er hat sich behauptet. Das ist nur allzu wahr und sollte Borbarad ebenso ein Zeichen sein.
Nach dem Efferd-Tempel begibt sich Reto zum Hafen von Kunchom. Dort sieht er eine Frau – eine Matrosin – die ihn beobachtet. Schnell wird klar: Sie ist unsere Kontaktfrau. Yalina des Boron Kults aus Al'Anfa. Sie deutet auf die Perlbeißer. Das Schiff, das uns nach Maraskan bringen soll. Ich hoffe sehr, dass es gut gewappnet ist, für das, was uns erwarten wird.
Reto trifft auch die Tempelvorsteherin des Efferd-Tempels. Sie erzählt ihm, dass die Stürme um Maraskan stark zugenommen haben. Sicher wird Borbarad auch hier seine Finger im Spiel haben. Mehr Informationen, kann er von ihr allerdings auch nicht erhaschen.
Später treffen wir uns im Maraskan-Viertel von Kunchom. Wir essen gut, sehr zur Freude Rondarios, der sich hier einen guten Vorat an allerlei exotischen Gewüzren habhaft macht. Minobe fragt die Einwohner aus, ihr gegenüber sind sie aufgeschlossener. Sie wissen viel, aber nicht genug und schicken uns zum zum Tempel von Rur und Gror. Dort erfahren wir von den Rebellengruppen. Die Hanariad ist die größte und mächtigste. Aber alle Allianzen sind brüchig. Alles ist in stetigem Wandel. Es ist ein Pulverfass, das nur darauf wartet, gezündet zu werden. Der Überfall auf Sinoba war wohl für alle ziemlich überraschend. Das war aber nur der Anfang.
Im Tempel weiß man: 1014 BF. An der Quelle des Rohab wurden Schriftrollen von den Beni Roech gefunden. Darin wird die Rückkehr Borbarads vorhergesagt. Eine Prophezeihung, die sich unglücklicherweise ziemlich genau bewahrheitet hat. Die Tempelvorsteher hier kennen auch den Überfall auf die Enduriummine, wirklich mehr, erfahren wir hier aber auch nicht.
Nun, wir stehen vor dem Tempel. Die Sonne geht unter über Kunchom. In wenigen Tagen werden wir in Maraskan sei - hoffentlich, Herr Efferd, geleite uns sicher.
Die Ruhe nach dem Sturm
Während sich der Rest der Gruppe mit Yalina trifft und die letzte Instruktionen erhält, bin ich anderweitig, sagen wir involviert. Die Sultanei Nahema ist das erste Haus am Platz, und ist berühmt und berüchtigt für den angenehmen extra Service der geboten wird. Ich buche mir ein Einzelzimmer – zwei Dukaten die Nacht. Ein kleiner Preis für die Sorte Ruhe. Der Rest teilt sich ein Zimmer. Gom zahlt neun, Rondario einen Dukat. Nun, ich glaube, dass möchte ich nicht verstehen.
Später erfahre ich von den anderen, was Yalina ihnen mitgeteilt hat. Wir sind zu auffällig und müssen uns verkleiden. Der Plan ist,. dass wir Crew der Perlbeißer werden An Bord warten bereits dschungeltaugliche Rüstungen, Kräuter (Zwölfblatt, Stinkmirbel), Kukris für die Waffen. Brigantinas – maraskanische Lederrüstung mit Eisenplatten. Macheten. Sturmlaternen. Alles, was wir brauchen für das, was kommt wird.
Die Nacht ist unruhig, wir alle schlafen schlecht, einige wohl aber besonders. Reto schläft sehr unruhig, Gom träumt sogar überhaupt nichts, aber am nächsten Morgen hat er das Gefühl, dass er Kunchom zum letzten Mal sieht. Eine unheilvolle Vorahnung, selbst für Gom, der eigentlich ständig das Dunkle in Allem zuerst sieht. Persephone träumt, dass wir am Morgen zum Hafen laufen – und sie hat das Gefühl, in eine Falle zu laufen. Ich sage nichts zu all dem, ein ungutes Gefühl bleibt dennoch erhalten.
Kurz vor Sonnenaufgang machen wir uns zum Hafen auf. Die Perlbeißer. Ein solides Schiff mit 30 Mann Besatzung. Kapitän Aimuth Ibn Mukhadin reicht Reto ein Schreiben. Er schätzt, dass wir Tuzak in zwei bis drei Tagen erreichen. Der Kapitän ist direkt und gibt noch vor dem Auslaufen Anweisungen: "Ihr müsst euch in die Mannschaft integrieren. Nur so werdet ihr glaubwürdig die Blockade durchkommen." Das ist kein Abenteuer für Dilettanten, da hat er wohl Recht. Reto hält einen Gottesdienst. Ein Efferd-Geweihter auf einem Schiff – das hebt die Moral der gesamten Crew, einschließlich des Kapitäns.
Später auf der Reise verteilt uns der Kapität auf verschiedene Aufgaben. Tselda muss unverhohlen zugeben, dass sie auf einem Schiff fehl am Platz ist und wird ins Krähennest geschickt. Das ist ein anderer Ausdruck dafür, dass sie sich einfach aus dem Weg machen soll. Persephone wird Retos Dienerin, da sie offenbar auch nicht wirklich Talent in diesem Bereich hat. Rondario wird zweiter Koch, was auf Missgunst des eigentlichen Kochs trifft. Der Rest von uns hat Erfahrung auf dem Wasser, die Reisen mit Phileasson haben uns einiges gelehrt. Am späten Nachmittag: Ein Ruf aus dem Krähennest, ich kann gar nicht sagen, ob es Tselda war oder jemand anderes. Eine Bireme segelt auf uns zu. Diese Schiffe sind bedeutend größer und besser bewaffnet, ein Kampf wäre vermutlich aussichtslos. Wir entscheiden uns lieber zu versuchen zu entkommen und geben uns, als hätten wir sie nicht gesehen. es funktioniert, wir sind schneller.
Reto und Gom halten die erste Wache in der Nacht. Sie sehen Blitze am Horizont und innerhalb von Minuten ist ein schwerer Kauka entstanden. Ein Tropensturm, ein Orkan der die Perlbeißer wie ein Spielzeug hin und her wirft. Der Wind peitscht, die Wellen gnadenlos. Das Schiff muss sturmsicher gemacht werden. Sofort.

Rondario beginnt ein Ritual. Ein paar helfende Hände wären mir lieber gewesen, wobei sich herausgestellt hat, dass er geschafft hat, den peitschenden Wind zu reduzieren. Offenbar kann er nicht nur mit Wind zerstören, sehr beeindruckend und hilfreich jetzt. Zusätzlich hält Reto eine Stumrede. Eine Rede, die die gesamte Mannschaft einschwört. Das ist fast noch beeindruckender muss ich sagen. Als würde Efferd selbst uns allen Mut zusprechen.
"Mannschaft! Seht mich an!
(Warten bis alle ruhig sind)
Die Wellen peitschen, der Wind heult wie ein hungriger Shruuf, und die Planken unter euren Füßen ächzen. Ich sehe Angst in euren Augen, und ich sehe den Zweifel. Ihr fragt euch, ob das Meer uns heute verschlingen will. Ihr fragt euch, ob dies unsere letzte Reise ist.
(Lauter werden)
Ich sage euch: Efferd verschlingt nicht. Efferd prüft.
Er ist der Herr der Winde, der Gebieter über die Tiefe, er ist launisch, ja! Er ist tief, er ist unberechenbar. Aber er ist auch der Schöpfer des Lebens, der uns trägt!
Er stellt uns keine Prüfung, die wir nicht bestehen können. Dieses Schiff ist kein Sarg – es ist ein Gefäß seines Willens.
Jeder Schweißtropfen, der vom Segeltragen auf das Deck fällt, ist ein Opfer an ihn. Jeder Handgriff, den ihr trotz zitternder Hände macht, ist ein Gebet!
(Sich zu den Gefahren/Prüfungen wenden)
Die Gefahren, die vor uns liegen – ob es der Schlund des Mahlstroms ist oder die Tentakel des Kraken – sind nichts anderes als Efferds Weg, zu sehen, ob wir würdig sind, seine Weite zu befahren.
Seid stolz! Wir sind keine Landratten, die sich hinter Mauern verstecken. Wir sind die Kinder des Sturms!
Erinnert euch:
Wer keine Stille kennt, schätzt den Hafen nicht.
Wer keine Gefahr kennt, kennt seine eigene Stärke nicht!
(Abschluss mit Segen)
Werft die Angst über Bord! Der Wind, der uns entgegenschlägt, ist derselbe Wind, der uns nach Hause bringt, wenn wir mutig bleiben.
Efferd mit uns!
(Den Dreizack/Kelch hochheben)
Mögen seine Strömungen euch führen, seine Winde euch treiben und seine Tiefe euch schützen!
Für die Mannschaft! Für das Schiff! Für Efferd!"
Plötzlich kracht es unter Deck. Ich gehe nach unten und stelle fest, dass die Ladung sich gelöst hat. Unmittelbar schlimmer noch, sehe ich die Sturmlaterne, welche das Unterdeck hätte in Brand gesetzt, wenn ich sie nicht gesehen und gelöscht hätte. Unerwartet sehe ich Tselda heir unten, wie sie von der herumpolternden Ladung hin und hergerissen wird. Vollständig verängstigt und beinahe paralysiert. Ich greife ihre Hand und gebe ihr zu verstehen, dass ich für sie da bin. Sicher fixiere ich sie erst einmal an der Ladung und versichere ihr, dass ich sie nicht vergessen werde.
Der Mast bekommt einen Riss. Dann bricht er. Die Taue werden gekappt – der Mast geht über Bord. Das Schiff ist verloren, wenn wir ihn nicht opfern.
Im Auge des Sturms versuchen wir, das Schlimmste zu versorgen. Ich versuche, die Ladung besser zu sichern und Tselda, die sich noch immer zitternd und verstört an der Ladung festkrallt. Ich versichere ihr, dass ich nicht zulasse werde, dass ihr etwas passiert. Sie ist meine Schwester, das ist alles was zählt. Sie nickt, aber ob sie das wirklich verstanden hat, bin ich mir nicht sicher. Dann geht der Sturm wieder los.
Als alles vorbei ist – mehrere Crewmitglieder sind über Bord gegangen. Nahezu alle Überlebenden sind verletzt. Das Schiff ist nur noch ein Schatten seiner selbst und fast vollständig zerstört. Aus den Resten bauen wir eine Art Floß. Wir schaffen es irgendwie, an Land zu gelangen, dann brechen wir zusammen.
Wir wachen auf. Wann? Keine Ahnung. Wo? Wir wissen es nicht.
Ameisen. Überall Ameisen. Sie laufen über uns, als wären wir Teil des Strandes. Alles liegt verstreut herum. Großes Chaos. Das Schiff ist zerstört. Die Mannschaft ist dezimiert. Aber wir sind am Leben.
Und das Seltsamste: Wir sind an einem Südseestrand gelandet. Traumhaft. Wunderschön. Die Sonne scheint. Das Wasser ist glasklar. Palmen wiegen sich im Wind. Die Ruhe nach dem Sturm, Surreal.

Im Dschungel gelten andere Gesetze
Wir wissen nicht genau, wo wir sind. 100 Meilen nördlich von Tuzak, vermutlich. Das Schiff ist nicht komplett zerstört – aber 21 Mann sind tot. Dem Rest geht es nur wenig besser, zu Teil schwer verletzt, aber wenigstens am Leben. Die, die können, ziehen die Verletzten zum Waldrand, in den Schatten und versorgen notdürftig die Wunden. Es ist wenig – aber besser als nichts.
Minobe macht sich auf die Suche nach Trinkwasser, sie kennt sich hier wohl noch am besten von uns aus. Nach anderthalb Stunden findet sie eine Quelle und wir organisieren ein paar Leute, die kräftig genug sind, mit mir Wasser zu holen. Das Schiff wieder flott zu machen würde mindestens zwei Wochen dauern, sagt der Kapitän. Er weiß, dass wir hier nicht bleiben können, aber sagt auch, dass er uns sein Leute sicher nicht mitkommen wollen. Er wird hier bleiben und das Schiff wieder seetauglich machen.

Die Nacht naht. Wir sind alle erschöpft – aber wir stellen Wachen. Ich übernehme die erste mit Yalina. Unter anderen Umständen wär es ein perfekter Ort für ein Stelldichein, ader ich muss gegen die Müdigkeit ankämpfen. Zum Glück, bleibt meine Schicht ereignislos.
Dann kommen Reto und Gom aus der zweiten Wache mit einer Geschichte: Ein großes Lebewesen ist aus dem Wald gekommen. Gorilla-artig, aber mit einem scharfen Schnabel im Gesicht. Vier Beine und keine Flügel. Das Wesen stand da, richtete sich auf – etwa 2,5 Schritt hoch – und zog sich dann wieder zurück.
Maraskan. Dies wird nicht die letzte Seltsamkeit gewesen sein, die wir sehen werden.
Die letzte Wache übernehmen Rondario und Minobe. Kurz nach Sonnenaufgang werden wir geweckt. Es fühlt sich an, als hätte ich die ganze Nacht durchgefeiert. Minobe ruft: "Sieben Personen kommen aus dem Wald auf unser Lager zu. Alle aufwachen, sofort!"

Minobe begrüßt sie auf maraskanisch: "Bruderschwester, preise die Schönheit." Es gibt keine Höflichkeiten, sie wollen den Kapitän sehen. Keine Waffen sind gezogen – aber alle sind kampfbereit. Was ist das und wo sind wir hier? Minobe beginnt zu plaudern, aber sie wird sofort unsanft unterbrochen: "Halt die Klappe! Du bist nicht der Kapitän, dann redest du auch nicht."
Der Kapitän und die Anführerin der Rebellen unterhalten sich angespannt. Sie haben

verstanden, dass er nur transportiert hat. Jetzt wollen sie unseren Anführer sprechen. Gerade mache ich mich bereit, da prescht Reto vor. Nun, vordrängeln muss ich mich nicht. Die Anführerin, Enjisab wendet sich an uns: "Ihr wollt weiterreisen und ins Landesinnere. Ihr kommt mit uns. Ohne Geleit könnt Ihr nicht allein durch unser Gebiet reisen. Wir nehmen Eure Waffen in Verwahrung. Packt zusammen."
Ach ja? Dahergelaufene Leute? Es hat schon schlechter für uns gestanden, aber trotzdem sind wir siegreich gewesen. Aber, es sind bestimmt noch Leute im Wald und wir waren alle sicher auch schon mal fitter. Es ist klüger, nicht zu kämpfen. Reto ist entrüstet – man verlangt seinen Efferdbart. Aber die Anführerin fragt nur: "Du gibst mir Dein Wort, dass Du friedlich bleibst?"
Reto antwortet: "Ich habe wichtigeres zu tun, als Euch anzugreifen."
Sie gibt ihm den Dreizack zurück. Wenigstens haben sie Respekt vor den Göttern.
Wir brechen auf und verschwinden im Wald. Schlagartig wird es dunkel. Die Baumwipfel reichen 60 bis 100 Schritt in den Himmel – eine grüne Kathedrale, die das Licht erstickt. Der Boden ist feucht. Die Luft ist dick und heiß wie Suppe. der Dschungel atmet um uns herum. Es herrscht fast ein ohrenbetäubender Krach.

Nach zwei Stunden treffen wir auf Ruinen. Alte Steine, von Ranken überwuchert. Die Geschichte dieses Landes liegt begraben unter der grünen Wildnis - Echsen. Reto fragt nach dem Vogelaffen. Das Wesen, das wir am Strand sahen. "Das sind Kalecken" antwortet man uns kurz und knapp. "Eine heimische Tierart." Nach drei Stunden Gehzeit bedeutet man uns, stehenzubleiben.
Die Anführerin pfeift durch die Finger. Und von oben herab fallen Strickleitern aus den Bäumen. Wir klettern hinauf. Und das, was wir sehen, nimmt uns den Atem.

Eine Baumhüttensiedlung. Die einzelnen Hütten sind durch Hängebrücken miteinander verbunden. Hunderte von Menschen leben hier – in den Bäumen, über dem Dschungel, frei von der Welt unten. Die Bewohner beobachten uns neugierig, als wir zur zentralen Hütte gebracht werden.

Dort treffen wir Orsijin vom Hira – den Vorsteher dieser Siedlung. Er ist kein Maraskaner, er kommt aus dem Mittelreich. Durchaus überraschend. Er begrüßt uns, und wir stellen uns vor. Dann sagt er etwas, das mir nicht gefällt:
"Wir haben hier jeglichem Herrschaftsanspruch einer jeden Person entsagt. Wir sind hier frei und niemandem Rechenschaft schuldig. Warum seid Ihr hier?"
Ich antworte: "Wir sind 100 Meilen von dem Ort entfernt, zu dem wir gelangen wollten. Es geht Euch also nichts an, was unsere Beweggründe sind."
Orsijin lächelt – es ist kein freundliches Lächeln. "Gebt mir einen guten Grund, warum ich Eure Waffen nicht behalten und verkaufen sollte? Ich würde dafür gutes Geld bekommen. Würde ich Euch hier freilassen, würdet Ihr im Dschungel keinen Tag überleben. Also noch einmal: Was wollt Ihr hier?"
Ein dahergelaufener Desateur, ein Exil-Mittelreicher, hat die Vermessenheit, mir zu drohen? Was glaubt er eigentlich, wen er hier vor sich hat? Jeder einzelne von uns hat vermutlich allein in den letzten zwei Jahren mehr erlebt, als er. Da ich aber nicht unser "Anführer" bin, spreche ich es nicht aus.
Um die Hütte herum sammelt sich eine Menschentraube. Wir beraten uns kurz. Dann berichten wir: Von dämonischen Sichtungen, von dem, woran wir arbeiten, dem Überfall auf die Enduriummine und den Schwarzmagischen Ereignissen.
Orsijin nickt. "Uns erreichen Gerüchte von Geistererscheinungen und vom Auftreten von Echsen. Was wisst Ihr über die Seeblockade?"
Rondario: "Wir haben nur davon gehört. Der Sturm hat uns hindurchgetragen."
Orsijin: "Wir befürchten, dass Euer Tun die Situation hier verschärfen wird."
Reto: "Die Seeblockade ist nicht unser Problem. Wir möchten in das Zentrum der seltsamen Ereignisse."
Orsijin antwortet leise: "Das wäre dann ja hier."
Wir alle gucken uns an und zucken mit Blicken mit den Schultern. Ich hoffe, jetzt sehen sie alle, dass Orsijin ein wenig den Blick auf die Realität verloren hat.
Er pausiert. Dann sagt er: "Ihr solltet zunächst nach Alrurdan reisen. Dort werdet Ihr mehr erfahren über die Dinge, die Euch interessieren. Ich kann Euch Enjisab mitgeben – sie wird Euch an den Rand unseres Gebietes begleiten."
Das hätten wir auch schon vor Stunden haben können, denke ich mir.
"Dann bleibt für diese Nacht," sagt er. "Ihr erhaltet Eure Waffen zurück." Wir bekommen unsere Waffen zurück. Ein gutes Zeichen.
Wir begeben uns zur Ruhe. Der Dschungel singt um uns herum – tausend Stimmen in der Dunkelheit.
Gom hat einen Traum...
Ehrloser Dschungel
Gom erzählt uns von seinem Traum, während wir uns auf den Weg vorbereiten. Eine Arena, achteckig, erfüllt von einer Vielzahl von Echsen, johlende Zuschauer. Er selbst – vermutlich auch in Echsengestalt – befand sich an diesem beängstigenden Ort. Und dann donnerndes Gestapfe einer massiven Kreatur. Dha'churrisch, zischeln die Echsen. Ein Zweikampf auf Leben und Tod. Eine Vision? Eine Prophezeiung? Beides ist gleichermaßen beunruhigend.
Enjisab begleitet uns bis zum Rand des Gebiets der Wipfeltiger. Orsijin hat sie entsandt, uns zu begleiten, Am Ende scheint der immerhin redliche Ziele zu verfolgen und ist des Reiches überdrüssig. Ein einfacher Weg, um zu entkommen, aber die Verantwortung, die er jetzt hat wiegt wohl nicht minder schwer. Ejisab weiß nicht allzu viel über die Geschichte der Echsen – lediglich von Perldrachen spricht sie, von Flugechsen, die eher an der Ostküste von Maraskan heimisch sind. Von den Geistererscheinungen, die Orsijin mit solcher Ernsthaftigkeit erwähnte, weiß sie noch weniger zu berichten. Aber sie warnt uns eindringlich: "Diskus von Boran und die Uliakim. Das sind Fanatiker von der übelsten Sorte. Haltet euch ihnen fern." Sie überreicht jedem von uns eine **Armbinde** – Gelb und Violett gewebt. Die Erkennungsfarben der Wipfeltiger. Ein kleines, aber willkommenes Zeichen der Sicherheit in diesem grünen Einerlei. Dann sagt sie etwas, das mir merkwürdig vorkommt: "Sieben Leute sind eine schlechte Zahl. Ihr solltet entweder noch einen Begleiter finden oder einen loswerden." Yin und Yang, Bruder Schwester, auf Maraskan zählt die Ausgeglichenheit. Ungerade Zahlen bringen Pech. Ich grinse, jedes Land hat seinen Aberglauben. Sie zeigt uns den Weg mit großer Sorgfalt: Sumpf Rahar. Grüne Wurzel von Sanzerak. Die Böden von Zul'Mir. Dann nach Süden.

Das erste, das sich uns zeigt, ist ein langer Knüppeldamm, der sich durch die Sümpfe zieht. Moosbedeckt. Rutschig wie nasses Eis. Nicht einladend, um es gelinde auszudrücken.
Minobe vollzieht einen Exposami – einen magischen Blick, der die Landschaft enthüllt. Sie sieht große Alligatoren, deren Rücken wie Berge aus dem Wasser ragen. Schlangen, die sich in den Ranken verbergen. Und etwas Pony-Großes, das niemand von uns identifizieren kann – eine Gestalt, die Fragen aufwirft.
Ich schwitze. Wie alle anderen auch.
Nach etwa einer halben Stunde auf diesem elenden Damm – da fliegt eine große Echse mit bestimmt vier Schritt Spannweite über uns hinweg. Sie beachtet uns nicht, als wäre sie sich unserer Unbedeutsamkeit bewusst. Ein kleiner Segen in dieser feuchten Hölle. Nach anderthalb Stunden des mühsamen Gehens erreichen wir wieder festeren Grund. Der Sumpf liegt endlich hinter uns. Reto scheint sich sonderbar zu freuen, dass alles so verdammt nass und durchnässt ist. "Efferd gefällt das," sagt er mit einer Art religiöser Zufriedenheit. Ich rolle nur mit den Augen.

Es beginnt zu regnen. Der Himmel weint über diesem verfluchten Land Maraskan, und die Wolken hängen tief und düster über uns. Es macht keinen Unterschied, ob wir von innen oder außen nass werden. Dann sehen wir es in der Ferne: Eine Plantage. Dahinter steht ein **hölzernes Fort**, dessen Mauern und Balken von Jahren der Vernachlässigung sprechen. Menschen arbeiten dort – Sklaven, vermutlich, oder Gefangene. Aufseher gehen zwischen ihnen umher, aber es gibt weniger, als es bräuchte. Es sieht mittelreichisch aus, aber der Zustand ist bedauerlich. Die Verantwortlichen haben offenbar jegliches Pflichtbewusstsein verloren.
Wir laufen darauf zu, ohne zu wissen, was uns erwartet. Eine Wache auf einem hohen Hochsitz bemerkt uns und hält uns an. Sie versucht, hastig hinunterzuklettern. Die Leiter bricht unter seinem Gewicht. Der alte Mann fällt und stirbt – würdelos und schmachvoll - jämmerlich. Ich rolle mit den Augen und schüttele den Kopf. Das ist die Quintessenz dieser ganzen verfallenen Siedlung. Reto spricht einen Grabsegen. Es ist eine Geste der Barmherzigkeit, mehr Ehre als dieser Ort jemals seit langem gesehen hat.

Während die Arbeiter und Aufseher zum Abendessen gerufen werden, schleichen wir uns in ein Gerätehaus ein. Überall hängen Pflanzen zum Trocknen – Rauschkräuter, Drogen aller Art. Das ganze Fort offenbart sich als eine Drogenplantage. Minobe schnappte sich ein paar dieser Pflanzen für später. Wir verbringen die Nacht dort, halbwegs trocken, aber von einem Gefühl der Beklemmung erfüllt. Früh am nächsten Morgen brechen wir auf, bevor die Arbeiter und Wachen herauskommen. Wenigstens hat der Regen aufgehört. Dennoch trocken ist niemand von uns.
Ein paar hundert Schritte weiter – an einer Weggabelung, die hinauf zum Fort führt – sehen wir jemanden in wilder Flucht herunterrennen. Ein Mann. Er flieht, als würde er um sein Leben laufen. Wir halten ihn an und er plappert direkt los. Gerich Axenbrecher, ein Desateur, allerdings verdenken kann ich es ihm nicht. Er erzählt aufgeregt und atemlos: "Da oben ist alles dem Wahnsinn verfallen. Das Fort ist völlig heruntergekommen, in sich zusammengefallen unter der Last seiner eigenen Verderbnis. Hauptmann Erlnholm herrscht dort mit eiserner Hand. Quendan ist der Medicus. Aber alle – Arbeiter, Wachen, sogar die Mittelreicher – sind Sklaven ihrer Drogensucht geworden. Niemand ist frei in diesem Ort."
Er scheint... ganz okay zu sein, aber ob er dieser rauen Umgebung Stand hält, ist zu bezweifeln. Minobe nimmt ihn mit, und das Problem mit der "schlechten Zahl 7" löst sich auf natürliche Weise. Wir sind jetzt acht. Wieder grinse ich. Reto und Tselda sind dagegen – sie misstrauen seiner Herkunft, seiner Geschichte. Für mich ist er erst einmal ein Flüchtender. Er sucht nach Ordnung und Führung, die ich ihm sicher angedeihen kann. Es wird sich zeigen, ob er den Gehorsam noch beherrscht.
Der Tag verläuft ohne große Ereignisse. Wir erreichen ein kleines Dorf: Kabano.

Ein einfaches Fischdorf, bescheiden, aber gepflegt. Der Schmied Frantanjin ist der Dorfvorsteher. Neben ihm sitzt eine ältere Frau mit Augenbinde. Sie sagt nichts. Ihre Augen sind verbunden. Ob sie eine Rolle zu spielen hat, wissen wir nicht. Wir werden sehen.
Gesucht und nicht gefunden
Frantanjin bietet uns an, bei ihm zu übernachten. Ein willkommenes Angebot nach den Strapazen des Dschungels. Aber zuvor beschließen wir, ins Badehaus zu gehen – ein wahrer Traum inmitten dieser grünen Wildnis. Ich bin erleichtert, mich endlich von der Schicht aus Schweiß, Schlamm und Dschungel zu befreien. Und wenn ich ehrlich bin, lenken mich die gut aussehenden Badefrauen nicht unwesentlich ab. Es ist eine willkommene Erholung für Körper und Geist.
Später kommen wir mit einem älteren Herrn ins Gespräch. Er ergießt sich in philosophischen Worten über die Natur, das Leben, die Balance. Ich höre mit, aber meine Gedanken sind anderswo – bei dem Fort, das wir gesehen haben, bei den Gefahren, die noch vor uns liegen. Seine Worte verhallen ungehört. Am Abend hält Reto für die Bewohner des Dorfes eine kleine Zeremonie ab und erwirkt für die Fischer den Segen des "guten Fanges". Die Menschen sind dankbar – offensichtlich kommen selten Fremde vorbei. Wir erhalten Getränke und Mahlzeiten, und das Dorf macht sich große Mühe um uns. Der Schmied deutet an, dass nicht alle Einwohner Fremden gegenüber freundlich gesinnt sind. Ein mahnendes Wort, das ich beherzige.
Die Nacht ist ereignislos, aber der Dschungel lässt uns keine Ruhe. Tausend Stimmen durchdringen die Dunkelheit – das Zirpen von Insekten, das Heulen von Tieren in der Ferne, das Rascheln von Dingen, die wir nicht sehen können. Der Wald atmet, lebt, wartet. Jedes Geräusch könnte eine Bedrohung sein, oder nur das natürliche Leben dieser wilden Landschaft. Aber die Grenze zwischen beidem ist in Maraskan dünn wie Papier.
Am nächsten Morgen wachen wir auf. Nachdem wir zusammengepackt haben, verabschieden und vor Allem bedanken wir uns noch bei Frantanjin - die Frau mit den verbundenen Augen ist wieder anwesend.
Ich frage sie beiläufig, wer sie denn eigentlich sei.
Sie antwortet: "Ich bin die Tochter des Schmieds."
Ich runzele die Stirn. Sie ist etwa sechzig Jahre alt. Der Schmied ist vielleicht vierzig. Das passt nicht zusammen. Aber der Schmied erklärt ruhig: "Ich habe sie adoptiert."
Ich schüttle den Kopf und antworte nichts. Das ist Maraskan. Nichts hier folgt den Gesetzen, die ich kenne. Nichts hier ist, wie es sein sollte. Ich akzeptiere es einfach und stelle keine weiteren Fragen.

Wir brechen auf. Nach etwa einer Stunde erreichen wir eine Straße, die uns nach Süden führt. Nach vier weiteren Stunden kommen wir zu einem Hügelpass. Und dann sehen wir es:
Ein Talkessel mit terrassenartigen Reisfeldern. Eine kleine Stadt unten im Tal. Und weiter hinten – ein Fort.
Die Straße zur Stadt ist voller Menschen – Maraskaner, die ihren Geschäften nachgehen. Am Tor sieht es eher lockerer aus, wenig Kontrollen, aber dennoch sollten wir vielleicht vorsichtig sein. Minobe schlägt vor, uns aufzuteilen. Der Plan ist klug: drei Gruppen, alle gehen verschiedene Wege und versuchen geringeres Aufsehen zu erregen. Reto hatte zuvor gewarnt, ins Fort zu gehen – was eigentlich mein Plan gewesen wäre. Aber er hat recht. Ich bin ein Graf und hochdekorierter Ritter aus dem Mittelreich und der Name von Falkenstein könnte sogar hier bekannt sein. Also halte ich mich lieber bedeckt. Gerich kommt mit mir. Am Tor werden wir gefragt, wer wir sind und woher wir kommen. Ich antworte vage, lasse aber durchblicken, dass ich ranghöher bin als diese Wache und der Vorgesetzte von Gerich. Dem ist nahezu alles egal und macht einfach mit. Der Plan funktioniert und wir werden eingelassen. Die Wache wirft uns noch hinterher: "Kein Feuertopf essen." Tatsächlich ist mir dieser kulinarische Klassiker schon bekannt, aber er hat Recht. Für einen mittelreicher Gaumen zu viel in jeder Hinsicht.

Gerich und ich finden eine Gaststube und bestellen etwas zu Essen und tragen dem Rat der Wache natürlich Rechnung - kein Feuertopf. Wir sind relativ unauffällig – eine gute Platzierung. Aber während wir dort sitzen, geschieht etwas, das ich erst später erfahre. Die anderen Gruppen sind in die Stadt gekommen – und Persephone findet etwas Beunruhigendes. Sie entdeckt einen Steckbrief an einer öffentlichen Anschlagetafel:
Gesucht: Auftrag von Fürst Herdin. Handgeld 100 Dukaten. Fremde handeln auf eigene Faust...
Der Rest ist verdeckt, aber genug ist sichtbar, so dass er Aufmerksamkeit erregt. Der Brief hing offensichtlich schon länger, weil er von anderen bereits überhangen wurde.
Rondario startet ein Ablenkungsmanöver mit einem Motoricus-Zauber. er paar Fässer, des nahegelegenen Reiswein Händlers poltern hinunter und eines geht sogar kaputt. Es herrscht einigermaßen Aufregung, vor Allem, weil sich die benachbarten Händler gegenseitig beschuldigen. Persephone nutzt das und lässt den Zettel in ihrer Tasche verschwinden. Niemandem fällt etwas auf. Später faltet sie den Steckbrief in einer ruhigen Gasse auseinander. Wir sind es. Alle Namen. Alle Gesichter in ausgesprochen guter Qualität gezeichnet. Hinweise zum Aufenthaltsort sollen an Soldaten abgegeben werden. Das ist schlecht. Das ist sehr schlecht. Persephone beschließt, sich sofort zu verkleiden und greift zu ihrer blonden Perrücke, die sie schon zuvor einige Mal verwendet hatte. Sie verkleidet sich weiter und einem Umhang. Auffällige Rüstungsteile verschwinden in ihrem Reisesack und begibt sich dann zum Tempel, dem zuvor ausgemachten Treffpunkt. Reto verhüllt seinen Dreizack. Rondario sucht einen Barbier auf, um sein Aussehen zu verändern. Ohne Bart steht ihm, wie ich später bemerken werde. Minobe und Gom treffen am Tempel ein und sehen eine blonde Frau wartend davor. Persephone versteht ihr Handwerk und so kann Minobe sie erst beim zweiten Blick erkennen. Minobe versteht sofort und zaubert "Harmlose Gestalt" und spricht Persephone an. Auch dies funktioniert sehr gut und so entsteht für einen kurzen Moment eine Verwirrung zwischen den beiden, warum sie denn miteinander Reden. Die Situation wird dann aber geklärt und de beiden Gruppen sind wieder zusammen.
Persephone findet eine ruhige Gasse für eine Beratung. Minobe und Persephone knobeln aus, wer von beiden Gerich und mich holen will, denn eines ist klar? Ich werde Minobe und Persephone aus der Ferne vermutlich nicht erkennen.
Scharade und Verrat
Tselda kam schließlich zum vereinbarten Treffpunkt beim Tempel – mit jenem ruhigen, entschlossenen Schritt, den ich seit Kindertagen kenne und der mir stets bedeutet hat, dass sie mehr weiß als sie zu sagen gedenkt. Sie wollte mich nicht einweihen, solange Gerich in Hörweite war, und ich konnte ihr das nicht einmal verdenken. Reto löste das Problem auf seine eigene Weise: Er nahm Gerich unter den Arm und führte ihn fort, um ihm den Tempel zu zeigen – und ihn, so vermute ich, mit einem solchen Strom gutgelaunter Worte zu überfluten, dass für eigene Gedanken schlicht kein Platz mehr blieb.
Reto hatte seinen Seelentierblick auf Axbrecher gemacht. Die Enthüllung dessen sollten wir erst zu späterer Zeit erfahren oder niemals: ein Bernhardiner ähnlicher Hund. Treu, loyal, von unerschütterlichem Gemüt – und nicht gerade mit übermäßiger Schläue gesegnet. Ich will das nicht als Tadel verstehen. Ein Bernhardiner rettet Menschen aus dem Schnee, fragt nicht warum und erwartet keinen Dank. Es gibt Schlimmeres. Aber für das, was uns bevorsteht, ist Diskretion wichtiger als Treue, und so war Tseldas Vorsicht vollkommen berechtigt.
Was sie mir dann eröffnete, bestätigte unsere düstersten Vermutungen – doch dazu später.
Zunächst galt es, uns unkenntlich zu machen. Gom und ich tauschten die Rüstungen, was für sich genommen schon eine bemerkenswerte Unternehmung war. Dann griff ich zum Messer. Ich trage mein Haar seit Jahren auf dieselbe Weise, und ich werde nicht behaupten, dass mich der Gedanke an die Glatze mit Freude erfüllte – aber ein Steckbrief lässt wenig Raum für Eitelkeit. Gom wiederum entschied sich für einen Irokesen, den er mit einer Begeisterung trug, die mir verriet, dass er schon länger auf einen Anlass gewartet hatte. Tselda machte sich unterdessen auf die Suche nach geeigneten Unterkünften, und wir beratschlagten, was mit Gerich zu geschehen habe. Der Entschluss fiel schwer, aber er war unausweichlich: Sobald wir die Stadt verlassen, muss er zurückbleiben. Zwei, drei Tage Vorsprung – das ist das Mindeste, was wir brauchen.

Reto berichtete uns später von seiner Begegnung im Tempel. Als er und Gerit eintraten, kamen ihnen zwei Priester entgegen – Galideran und Daruziber, wie er erfuhr – die ihre Sätze gegenseitig beendeten, als wären sie zwei Hälften eines einzigen Gedankens. Auf Maraskan wird der Dualismus nicht bloß gelehrt, er wird gelebt. Reto gab sich wortgewandt, wie immer, und erklärte, er komme aus dem Mittelreich und führe eine Mission durch, die möglichst wenig Aufsehen erregen solle. Der Tempel zeigte sich bereit zu helfen – aber nicht öffentlich, nicht vor aller Augen. Reto soll sich morgen erneut einfinden. Es ist ein Anfang.
Tselda kehrte mit zwei Möglichkeiten zurück: Die Drei Laternen, eine maraskanische Unterkunft, oder den Balihobär, der im Stil des Mittelreichs gehalten ist. Wir teilten uns auf. Reto und Tselda übernahmen die Drei Laternen, während Minobe, Gerit, Gom und ich den Balihobär aufsuchten.
Auf dem Weg dorthin kamen wir erneut auf den Steckbrief zu sprechen – und auf die Frage, wer uns eigentlich in diese Lage gebracht hat. Hat Delian von Wiedbrück den Brief nur zum Schein ausgestellt, weil Borbarad ihn bereits in der Hand hält? Es ist eine unbehagliche Theorie. Aber sie ist nicht unwahrscheinlich.
Persephone indes, hatte einen anderen Plan: Sie und Rondario wollten zum Fort, um als Kopfgeldjägerin und ihr Advokat aufzutreten und Informationen über den Steckbrief zu erschleichen. Ich wünschte ihnen innerlich Erfolg und versuchte, nicht daran zu denken, was passiert, wenn es schiefgeht.

Reto und Tselda berichteten später aus den Drei Laternen, dass die Gäste im Wesentlichen Maraskaner waren, wohl aber nicht alle. Einige Söldner waren anwesend aber im Großen und ganzen eine typisch maraskanische Taverne, mit diesen seltsamen Papierwänden, deren Nutzen ich bis heute nicht richtig verstanden habe. Aus irgend einem Grund hatte sich ein dahergelaufener Söldner Namens Ben Altacker zur Aufgabe Gemacht, Reto ein Gespräch ans Bein zu beinden. Ob dieser Name nochmal irgendwann eine Rolle spielt, weiß ich nicht.
Im Balihobär roch es nach Mittelreich – nach Bier, gebratener Schwarte und dem besonderen Selbstbewusstsein von Männern, die weit von zuhause sind und das für eine Tugend halten. Die Einrichtung war notgedrungen von Bambus und Rattan geprägt. Eigentlich war es doch ziemlich kläglich, wie mit heimischem Material versucht wurde das Mittelreich zu imitieren. Viele Soldaten, allesamt aus dem Mittelreich, laut und zufrieden mit sich.
Um unerkannt zu bleiben - ich vermutete, dass der Name von Falkenstein sogar hier bekannt sein würde - wurde aus Tsapold Gerald. Ein großmäuliger Söldner auf der Suche nach dem schnellen Dukaten, ohne allzu viele Skrupel und mit einer gesunden Verachtung für alles Fremde. Es war keine Rolle, die mir natürlich liegt, denke ich – aber ich habe in den vergangenen Wochen gelernt, dass man manchmal jemanden spielen muss, den man im echten Leben nicht zum Abendessen einladen würde. Ich ließ kein gutes Haar Soldaten, ließ ich sie durchaus offen wissen, dass man mich als Hilfe, zu deren Unterstützung, hier sicher gut gebrauchen kann. Ich schimpfte auf das Klima, das Essen und die Einheimischen, und der Wirt nickte dazu wie ein alter Bekannter. Gerich hörte mit einem Ausdruck zu, der zwischen Bewunderung und ehrlicher Verwirrung pendelte. Minobe und Gom hielten sich im Hintergrund, was klug war. Und sicher kein Problem für Gom, da er zwar durchaus des Redens mächtig ist, ich kann es bestätigen, ich habe ihne sogar schon reden hören, aber seine Stärke ist wohl ganz eindeutig das Schweigen.
Dann geschah etwas, das Gerald kurz aus dem Konzept brachte, auch wenn er sich das natürlich nicht anmerken ließ: Minobes Auge erwachte. Mitten im Gespräch, ungefragt, wie immer. Gom reagierte schnell und zog sie beiseite, bevor jemand etwas bemerkte. Die Geschichte, die sich danach im Raum verbreitete, war eine über ein allzu hastiges Schäferstündchen und etwas Wasser zur Beruhigung – nicht die würdevollste Erklärung, aber eine, die niemanden weiter interessierte. Minobe erfuhr in ihrer Vision, dass Borbarad erneut die Gestalt gewechselt haben soll. Was das bedeutet, weiß ich noch nicht. Aber es bedeutet nichts Gutes.
Als Gom dann nach Borotin Almachios fragte, wurde der Wirt misstrauisch – zu direkt, zu unvermittelt. Ich übernahm das Gespräch wieder. Gerald, der Söldner mit gehöriger Selbstüberschätzung und lockerer Zunge, fragte mit der scheinbaren Beiläufigkeit eines Mannes, dem Namen wie dieser einfach so herausfallen. Der Wirt taute ein wenig auf. Almachios war vor etwa einem halben bis dreiviertel Jahr hier gewesen – zusammen mit Delian von Wiedbrück, mit großem Gefolge. Was sie hier wollten, konnte oder wollte er nicht sagen.
Den Abschluss des Abends lieferten Persephone und Rondario mit ihrem Bericht vom Fort. Sie hatten sich bis zum Hauptmann vorgearbeitet, dessen Untergebene, angefangen von der einfachen Wache bis zum Unteroffizier, dem Spiel von Persephone, oder sollte ich sagen Morwendi der Kopfgeldjägerin und Rondario als Corelli ihr Advokatus intellektuell hoffnungslos unterlegen waren. Kommandant Helmdengler, ein Soldat der alten Schule, der Maraskan und seine Bewohner mit derselben Herzlichkeit betrachtet wie ich als Gerald kleinlaut war. Er fand Wiedbrück als Sicherheitsberater offenbar vollkommen angemessen. Persephone und Rondario boten an, die Gesuchten Personen zu aufzuspüren und sie haben an uns, ähh die nördlich gesehen zu haben. Das Geschäft drehte der Hauptmann, wissend, dass er hier im Fort alle Macht in sich vereint, zu seinen Gunsten: Die Belohnung wird vierzig zu sechzig geteilt. Dafür stellt er einen Geleitbrief aus und die Gesuchten sollten in zwei Wochen herbeigebracht werden. Und dann die entscheidende Neuigkeit: Delian von Wiedbrück hat den Steckbrief selbst in Auftrag gegeben.
Ich schreibe das hier auf, weil ich es nicht vergessen will. Nicht die Glatze, nicht Gerald, nicht den Bernhardiner. Aber vor allem nicht das: dass wir herausgefunden haben, wo der Verrat begann.
Hals über Kopf
Es gibt Nächte, die man plant, und Nächte, die einen überrollen. Diese hier gehörte zur zweiten Sorte.
Als sich Persephone, Rondario und Reto in den "Drei Laternen" zurückziehen, wird Tselda erst richtig wach. Sie schläft nicht. Das weiß ich seit Kindheitstagen, und dennoch überrascht es mich jedes Mal aufs Neue, wenn sie mitten in der Nacht durch die Gassen zieht, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Diesmal kam sie zurück mit einer Nachricht, die keinen Aufschub duldete: Eine Patrouille auf dem Weg zu den Drei Laternen. Wenig später war der Trupp bereits im Wirtshaus – und Persephone und Rondario wurden durch einen Schrei aus dem Schlaf gerissen, der nichts Gutes verhieß. Was folgte, war das bewährte Handwerk unserer kleinen Gesellschaft: Fenster auf, hinaus in die Nacht, verschwunden. Tselda murmelte noch den Treffpunkt – der Tempel – und schon hatte die Dunkelheit alle geschluckt.
Im Balihobär hatten wir den Trupp ebenfalls bemerkt. Gut ausgerüstet, diszipliniert, erfahren – das waren keine gelangweilten Stadtwachen, die ihre Runden drehen. Diese Männer wussten, was sie taten, und wohin sie gingen. Wir folgten ihnen unauffällig, was bei Gerich mehr Aufmerksamkeit erforderte als bei den anderen – offenbar wird es dem Kleinen gerade ein bisschen zu viel. Darauf können wir aber keine Rücksicht nehmen. Fehlverhalten kann tödlich sein und genau das gebe ich ihm zu verstehen. Wir sahen, wie der Trupp die Drei Laternen einnahm, und kamen gerade rechtzeitig an, um zu beobachten, wie er das Gasthaus wieder verließ. Richtung Tempel. Natürlich.
Am Tempel standen Persephone, Rondario und Reto bereits vor verschlossenem Tor und hatten sich in den Tempelgarten zurückgezogen, als wir eintrafen. Der Trupp folgte auf dem Fuße – wir hörten die Schritte einer größeren Gruppe, noch bevor wir sie sahen. Reto, der in solchen Momenten eine Ruhe ausstrahlt, die ich aufrichtig bewundere, erbat einen Göttlichen Fingerzeig. Efferd zeigte ihm einen kleinen Teich. Was folgte, war weniger erhaben als die Geste vermuten ließ: Sie sprangen hinein, tauchten durch einen unterirdischen Gang und krochen durch die Eingeweide des Tempels in einen Nebenraum der Küche, wo sie schweigend ausharrten und auf das Beste hofften. Draußen pochte der Kommandant lautstark ans Tor und forderte Einlass.
Was dann geschah, werde ich wohl nicht so schnell vergessen. Minobe – unsere Minobe, die mit dem erwachenden Auge und dem Besen und der vollkommenen Unberechenbarkeit – warf einen Stein. Sie traf den Helm eines Soldaten. Und rief, soweit ich es später rekonstruieren konnte, etwas in der Art von: Für Maraskan, preiset die Schönheit. Sie zog sofort die Aufmerksamkeit auf sich, erst von nur ein paar. Die Soldaten marschierten auf sie zu. Sie legte nach und verunglimpfte das Mittelreich. Während sie wegrannte, huscht eine unbekannte Gestalt auf sie zu, springt auf sie, aber verfehlt sie – Sie hatte sich vorher mit einem Axxeleratus schneller gemacht. Sie macht sowas ja auch nicht erst seit gestern. Sie besteigt ihren Besen, hebt ab, und beschimpft die Versammelten von oben herab mit einer Inbrunst, die ich ihr ehrlich gesagt neidlos lasse. Sämtliche Soldaten verschwanden vom Tor. Ich weiß nicht, ob das Taktik war oder Minobe. Vermutlich beides, auf eine Weise, die ich nie vollständig verstehen werde.
Galideran und Daruziber empfingen uns am Tempeltor – diese zwei Priester, die Sätze beenden bevor der andere sie angefangen hat, und die dennoch auf ihre stille, dualistische Art eine Verlässlichkeit ausstrahlen, die in dieser Stadt selten ist. Sie boten uns Unterschlupf an. Nicht unbegrenzt, wie sie betonten, und ich hörte den unausgesprochenen Satz dahinter deutlich: Ihr müsst fort. Dann trat Marech vor uns, jener Priester, dessen Kommen Reto angekündigt hatte. Sein Vorschlag war knapp und unmissverständlich: Abreise. Richtung Haranjad. Ich bin schon unter schlechteren Vorzeichen aufgebrochen.

Wir haben kurz beraten, was wir jetzt mit Gerich machen, sind aber schnell zu dem Schluss gekommen, dass wir ihn wohl mitnehmen müssen, denn hier in Alduran ist er einfach zu nah dran und wird uns sicher bei der nächsten Gelegenheit verraten.
Im Morgengrauen verließen wir Alrudan, bewegten uns ostwärts in den Wald hinein – der sich, wie es auf Maraskan eben so ist, als grüne Hölle entpuppte. Die Sichtweite schrumpfte auf zehn Meter, dann weniger. Das Grün wurde dichter, feuchter, schwerer. Maraskan atmet anders als das Mittelreich. Es schwitzt. Selbst der große Reichsforst und der Bornwald wirken eher wie Spielplätze gegen das hier.
Marech führte uns mit einem Diskus, den er in regelmäßigen Abständen warf und dessen Lage er auf einem Pergament ablas. Der Diskus weist den Weg der Welt, erklärte er, und dieser Weg ist der Richtige. Von hinten murmelte Rondario, mit jener Überzeugungskraft, die ihn auszeichnet: Wir sind wohl alle verloren. Marech, ohne sich umzudrehen: Das habe ich gehört, BruderSchwester.
Ich bildete das Schlusslicht und schwieg Kopf schüttelnd dazu.
Dann hörten wir Stimmen. Eine größere Gruppe, sieben Personen wie sich herausstellte, die in Garethi fluchten – Drecksweib, hier ist doch niemand – und sich, als wären sie von einem Gedanken getrieben, irgendwas suchend fast ziellos bewegten. Plötzlich bemerkten sie irgendwas und verschwanden schneller, als sie gekommen waren. Eine Patrouille, offenbar, aber was sie hierher geführt hatte und was sie erschreckt hatte, blieb ungeklärt. Persephone lief voraus und stieß auf etwas Merkwürdiges: Pfeile in den Bäumen. Etwa vierzig insgesamt, mit roten oder gelb-purpurnen Markierungen. Marech erklärte uns die Sprache dieser Zeichen – die roten Pfeile gehören den Daijinim, jenen die das Wohl der Insel im Herzen tragen. Die gelb-purpurnen gehören wohl Fanatikern, Anhängern eines Diskus-Kults. Sie kamen aus dem Norden. Hier hatte jemand gekämpft, nicht lange vor uns, und die Spuren lagen noch frisch im Dickicht. Maraskan lässt einen nicht zur Ruhe kommen. Schon gar nicht im Dschungel.
Als die Dunkelheit hereinbrach, bauten wir unser Lager zwischen vier Bäumen – geflochtene Lianen zu Hängematten geformt, roh aber brauchbar. Wachen wurden eingeteilt.
Ich schreibe das hier bei schwachem Licht, den Dschungel im Rücken und Haranjad irgendwo vor uns. Was uns dort erwartet, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass wir Alrudan entkommen sind, dass Minobe auf einem Besen Soldaten beschimpft hat, und dass Rondario vermutlich recht hat.
Wir werden alle sterben. Irgendwann. Bis dahin folgen wir wohl dem Diskus.
Normalität ist eine Illusion
Maraskan lehrt einen Bescheidenheit. Nicht die höfische Art, die mich, sagen wir, nicht im Besonderen auszeichnet, sondern die echte – jene stille Erkenntnis, dass man an einem Ort ist, der einem schlicht nicht gehört. Die Nacht hatte das noch einmal deutlich gemacht.
Rondario und Persephone übernahmen die erste Wache, und irgendwo in der Dunkelheit des Dschungels erhob sich ein Schrei. Ob Tier oder Mensch, vermochte niemand zu sagen. Marech kommentierte das mit der Gelassenheit eines Mannes, der seit Jahren in diesem grünen Labyrinth lebt: Auf Maraskan gehört die Nacht im Dschungel nicht uns Menschen. Ich lag in meiner Lianenhängematte und dachte darüber nach. Es ist kein tröstlicher Satz. Aber er ist ehrlich.
Meine Wache mit Tselda verlief ereignislos, was ich dankbar zur Kenntnis nahm. Gom und Minobe begrüßten dies ebenso für due ihre. Was die Nacht allerdings noch zu bieten hatte, war Rondario: irgendwann zwischen zweiter und dritter Wache schlafwandelte er aus seiner Hängematte, fiel herunter und fand dennoch – auf eine Weise, die ich nicht vollständig rekonstruieren kann und auch nicht weiter hinterfragen möchte – seinen Weg zurück ins Lager. Ich habe schon Seltsameres erlebt. Nicht viel, aber es hat gereicht. Rondarios etwas chaotische Art, seine kulinatische Expertisem sein gewisser Hand zu Zerstörung und sein Schlafwandeln stehen sich diametral gegenüber und dennoch ist er hier und schläft friedich wieder ein nachdem er mittem im Dschungel aus einer aus Lianen gebauten Hängematte viel - im Schlaf. Ich möchte dies als positives Zeichen für uns alle präservieren, Herr Praios.
Am nächsten Morgen mahnte uns Marech zur Vorsicht. Es gebe Echsen in diesen Gebieten, sagte er, und ich verstand, dass er damit nicht die harmlosen Vertreter meinte, die man gelegentlich auf einem Felsvorsprung in der Sonne liegen sieht. Wir marschierten weiter ostwärts, in Gegenden, die auf keiner Karte verzeichnet sind, die ich je gesehen habe. Die Ruinen, an denen wir vorbeikamen, waren alt – sehr alt, von Ranken und Wurzeln so vollständig überwuchert, dass man sie fast für natürliche Hügel hätte halten können. Fast. Echsisch, dem Anschein nach, aus einer Zeit, als dieses Eiland anderen Herren gehörte. Maraskan ist eine Insel der Schichten, jede davon ungemütlicher als die vorige.
Am Nachmittag begann es zu regnen. Das wäre für sich genommen wenig bemerkenswert – es regnet hier mit einer Beständigkeit, die ich nur noch zur Kenntnis nehme – wäre da nicht die kleine Besonderheit gewesen, dass der Regen ausschließlich auf der linken Seite des Pfades fiel. Wie an einer Schnur gezogen, als hätte jemand eine unsichtbare Wand gezogen und dem Wasser befohlen, sie zu respektieren. Wir standen auf der trockenen Seite und starrten auf die nasse.
Marech war besorgt, was mich seinerseits besorgte. Ein Mann, der mit einem Diskus durch den Dschungel navigiert und die Nacht mit stoischer Gleichgültigkeit kommentiert, lässt sich nicht leicht erschüttern. Echsisch könnte es sein, meinte er. Oder Borbarad. Oder vieles andere. Eine befriedigende Antwort war das nicht, aber es war eine ehrliche.
Rondario öffnete seinen Regenschirm – ein zwergisches Ding, erworben, wie er uns nicht zum ersten Mal erklärte, in Xorlosh. Ich nehme es einfach hin, aber wie ich bereits sagte, sein Positivismus, nicht aktiv gelebt oder gesagt, ist in gewisser Hinsicht bewundernswert und Vorbild.
Tselda haderte mit dem Dschungel. Sie ist hier fehl am Platz, das ist offensichtlich, und diesmal gab sie mir nicht die Schuld daran, was ich als kleinen Fortschritt werte. Oder es ist die schlichte Resignation. Sie murmelte vor sich hin, sprach mit sich selbst oder mit Phex – der Unterschied ist von außen schwer zu bestimmen – und stapfte durch das Unterholz mit einer Miene, die zwischen Entschlossenheit und stiller Verzweiflung pendelte.
Am frühen Nachmittag deutete Marech auf eine Leiche am Wegesrand. Brutal getötet, vermutlich von einem Raubtier, die genaue Art ließ sich nicht bestimmen. Persephone wollte sie mitnehmen ins nächste Dorf. Wir waren geschlossen dagegen. Am Ende sprach Tselda einen Grabsegen, und wir zogen weiter. Manchmal ist das Einzige, was man tun kann, das Wenige, das übrig bleibt.

Han Rasch. Vierzig, fünfzig Einwohner, hatte Marech gesagt – ein Aussteigerdorf, Menschen die den Lärm der Welt hinter sich gelassen hatten. Was uns empfing, war Stille der anderen Art. Kein Mensch zu sehen. Keine Bewegung, kein Laut, kein Lebenszeichen – und doch war alles da. Die Häuser standen, ein wenig unordentlich, aber nicht verwüstet. Die Nutztiere waren noch auf ihren Plätzen. Vorräte, Hab und Gut, alles vorhanden. Als hätten die Bewohner beschlossen, gleichzeitig und ohne Vorwarnung aufzuhören zu existieren.
In der Mitte des Dorfes ein gemauerter Steinkreis, ein Loch in seiner Mitte - ein Brunnen, ein Eidechsensymbol eingraviert. Auf dem Stein Blut, vom Regen verwaschen. Inzwischen hatte ein Gewitter eingesetzt. Rondario leuchtete in den Brunnen, jedoch entpuppter sich dieser als - normaler Brunnen. Wenigstens etwas Normalität, dachte ich.
Gom spürte, dass wir beobachtet wurden. Minobe wirkte einen Exposami und sah etwas – ein daimonoides Geschöpf, vier Schritt lang, das in sechs bis acht Schritt Höhe um das Dorf zu wandern schien, unsichtbar für alle anderen Augen. Ich hörte das und beschloss, nicht weiter darüber nachzudenken als unbedingt notwendig - die Normalität verschwand wieder, brutal und unvermittelt.
Wir zogen uns in ein Haus zurück, eines mit Feuerstelle, was in dieser Situation wie ein kleines Privileg erschien, wären da nicht diese vermaledeiten Wände aus Papier. Aus der Vorratshütte holten wir Reiswein, sozusagen aus Trotz. Eine Ziege banden wir draußen an – sollte es ein Tier sein, so die Überlegung, würde es sich diese als Beute suchen. Marech erzählte uns dabei von einer Legende: Shiraka, der unsichtbare Jäger. Er tat das mit jener Tonlage, die mir inzwischen vertraut ist – ruhig, sachlich, als würde er das Wetter beschreiben.
Die Ziege verschwand. Kein Geräusch, keine Bewegung, kein Hinweis. Einfach weg.
Wir teilten die Wachen ein wie die Nacht zuvor. Meine mit Tselda – und diesmal verlief sie nicht ereignislos. Etwas sprang auf das Dach unserer Hütte. Es kratzte. Es knirschte. Wir weckten die anderen. Minobes Exposami zeigte: Das daimonoide Wesen nicht auf dem Dach, sondern vor der Hütte, auf uns zukommend. Auf dem Dach drei kleinere Geschöpfe, vielleicht Affen. Persephone blickte durch einen Spalt in der Wand nach draußen.
Im Licht eines Blitzes sah sie es. Für den Bruchteil eines Augenblicks – wie es in einem einzigen Satz direkt auf sie zusprang.

Sollte jemand dieses Tagebuch finden: Der Reiswein war ganz ordentlich, die Diskretion dieses Etablissements ließ sehr zu wünschen übrig.
Nein! Ich denke an Rondarios positive Aura - mein Schwert und ich haben schon viel Schlimmerem gegenüber gestanden.
Notwendige Opfer
Es gibt Momente, in denen man sich fragt, ob das Leben einen auf die Probe stellt oder schlicht seinen Spaß hat. Der Shiraka sprang. Persephone wich aus – gerade eben, mit jener Körperbeherrschung, die den feien Unterschied zwischen Intuition und Glück zur Schau stellt – und über dem Türrahmen zog sich eine Rissspur durch das Holz und Papier wie ein Kommentar auf unsere Situation. Reto warf sich sofort in die Arbeit und wirkten eine Bodenweihe, deren Schutz sich im ganzen Haus entfaltete. Der Shiraka wagte es nicht, die Wihe zu berühren.
Wenn er Blitz das Wesen enthüllen zu vermag, dann vielleicht auch eine von Rondarios Lichsphären, so dachte ich. Rondarion tat, wie ihm geheißen und leuchtete zuerst das Hause gleißend hell aus und dann das ganze Dorf. Dieses Spektakel ist immer wieder aus Neue beeindruckend. Minobes Exposami gab uns die Richtung – nordwestlich, unter einem Baum, hin und her wogend wie etwas, das überlegt ob es sich die Mühe lohnt.

Nun, ich lies es nicht selbst entscheiden und stürmte vor – Minobe, Gom, Persephone mit mir – während Rondario, Tselda und Reto im Schutz der Bodenweihe verblieben. Was folgte, war kurz und unerfreulich. Der Shiraka traf Minobe und versetzte sie mit einer Art Stachel in Paralyse. Persephone erwischte ebenfalls einer dieser Stachel, der jedoch an ihrer Rüstung stecken blieb. An meiner prallt er schlicht ab, was ich als selbstverständlich verbuche – wer eine anständige Rüstung trägt, hat selten Erklärungsbedarf. Persephone gelang ein Treffer mit ihren Dolchen, und das Wesen fauchte und sprang davon – ostwärts auf eine Plattform, dann über den Fluss, verschwunden. Nur Persephone konnte dies anhand von abprallendem Regen wahrnehmen. Der Shiraka hinterließ grün-schwarzes Daimonoiden-Blut an der Klinge. Nicht die befriedigendste Art, eine Auseinandersetzung zu beenden, aber besser als die Alternative.
Wir zogen uns wieder in die Hütte zurück. Es regnete in Strömen, Nebel zog auf, und Maraskan tat, was Maraskan immer tut: es machte alles schlechter.
Wir diskutierten, was wir nun machen könnten. Ich war überzeugt davon, dass das wir das Tier verjagt hatten, die meisten anderen hielten das für zu riskannt. Reto unterbrach die Kontroverse mit einer großartige Idee, und ich meine das ohne jede Ironie. Eine Konstruktion über dem Brunnen – gerade stabil genug, um die letzte Ziege zu tragen, aber nicht stabil genug, um den Shiraka zu halten. Der Blutgeruch der leicht verletzten Ziege als Köder, das Gewicht des Wesens als Auslöser. Elegant. Wir berieten die Details und beschlossen so vorzugehen. Persephone, effektiv und meist tötlich bei Ausführung ihrer Arbeit, überraschte ein wenig mit fast schon bedingungsloser Tierliebe und versucht verzweifelt Möglchkeiten zu finden, den Shiraka zu fangen, aber die Ziege zu retten. Nun, die Realität holte sie allerdings schnell ein, denn ein Opfer war alternativlos. Den Blicken nach zu Urteilen, hatte wohl auch nicht nur einer von uns die Idee, Gerich dieses Opfer sein zu lassen, jedoch blieb dies unausgesprochen und blieben bei der Ziege.
Tselda hatte dann einen Zusatz: Die Ziege solle nicht direkt auf der Konstruktion stehen, sondern in der Nähe angebunden werden. Sie kenne Mittel und Wege, den Shiraka trotzdem ins Brunnenloch zu locken. Ich stellte keine weiteren Fragen obwohl ich ihrer Geheimnistuerrei manchmal überdrüssig bin. Wenn Tselda von Mitteln und Wegen spricht, ist bei Weitem nicht immer klar, ob dies auch moralisch tragbar ist. Nun, der Gerich-Gedanke war wohl sehr weit von angemessener Moral entfernt, so verschwendete ich keine weiteren Gedanken an Tseldas Moral.
Die Ziege wurde angebunden. Kurze Zeit später wurde sie nervös – Tselda zog sich zurück und versank in einem Gebet. Plötzlich, neben ihr erschien eine zweite, vollkommen identische Tselda. Die beiden sprachen miteinander, kurz und sachlich, als wäre das die normalste Sache der Welt. Dann lief die neue Tselda einfach los, während die echte im Gebet zurückblieb.Die neue bat darum, die Tür für sie zu öffnen, dann sprintete sie zur Falle. Über dem Brunnen hörten wir ein Fauchen, ein Zischen, dann den dumpfen Laut von etwas das in die Tiefe stürzte. Das Tier hatte Tselda, nun die neue Tselda, fangen wollen, sprang aber nur in sein Verderben. Ich grinste leicht, blickte auf die echte Tselda. Mit echter Anerkennung nickte ich ihr zu.
Der Shiraka steckte im Brunnen fest. Die Ziege hatte das leider nicht überlebt, was Persephone sichtlich missfiel. Wir versiegelten den Brunnen und hinterließen eine entsprechende Warnung. Han Rasch ist damit um eine Legende reicher und Maraskan ein Wesen ärmer, was ich für einen fairen Tausch halte.
Im Morgengrauen setzten wir unsere Reise fort, Richtung Nordosten, dem Diskus Marechs folgend wie immer. Am späten Nachmittag erreichten wir das Ufer eines Sees – und hier begann Maraskan erneut, alle Maßstäbe aufzugeben, die ich noch zu haben glaubte. Achtzig Schritt hohe Bäume. Pilze von anderthalb Schritt Höhe. Eine Vegetation, die nicht mehr wie eine Steigerung des Dschungels wirkt, sondern wie eine völlig andere Welt, die zufällig dieselbe Luft atmet. Ich bin ein Ritter des Reiches und habe einiges gesehen. Dies hier ist etwas anderes.
Wir suchten uns ein Lager. Minobe fand einen vielversprechenden Ort, und wir begannen Matten zu knüpfen. Tselda fiel dabei etwas aus der Rolle – sie wirkte noch immer leicht benebelt. Persephone kannte das schon. In Arras de Mott benahm sie sich ähnlich irrational, nachdem sie etwas mit Göttlicher Hilfe vollbracht hatte. Sie bedurfte etwas Betreuung, welche Reto übernahm.
Kurz bevor wir uns zur Nachtruhe begaben, entdeckten Persephone und Reto Gestalten in der Ferne. Zwei zunächst, gut getarnt, durch den Dschungel gleitend wie Menschen die wissen wie das geht. Bewaffnet. Und hinter ihnen, in dreißig bis vierzig Schritt Abstand, weitere. Eine Frau trat aus der Gruppe hervor. "Willkommen im Haranjad, BruderSchwester. Ich hoffe, Ihr habt gute Gründe, Euch hier aufzuhalten. Der Haran wird darüber entscheiden, was mit Euch geschehen wird."
Wir blickten uns an. Das Haranjad war unser Ziel, jedoch erleichtert war niemand von uns.
Im Netz

Man verbindet uns die Augen und führt uns ins Lager. Das ist nicht das erste Mal, dass sowas passiert – ich nehme es hin, was bleibt sonst übrig? Keine Aggression, nur ein Seil in der Hand und ein weiterer oder weitere, gar weiteres BruderSchwester - verdammter Dualismus - vor mir. Der Marsch dauert anderthalb bis zwei Stunden. Der Dschungel rauscht um uns

herum, Vögel kreischen, Äste knacken. Das Blühende Leben und dennoch würde niemand unsere Hilferufe hören. Dann erreichen wir ein kleines Dorf. Etwa 20 bis 40 Einwohner. Einfach. Gerodet. Das ist das Zentrum des Haranydad – das Rebellennetzwerk, das Maraskan durchzieht, so sagt man- Ich hätte es mir größer vorgstellt, wenn ich ehrlich bin. Im zentralen Haus treffen wir auf den Haran. Reto und Minobe sprechen für uns – von Borbarad, von der wachsenden Bedrohung, von der Enduriummine, von der Boron Kirche. Ich beobachte und frage mich, ob wir nicht vielleicht doch am falschen Ort sind. Wie sollen Rebellen das Ausmaß dieser ganzen Katastrophe erkennen. Dann - Der Haran spricht einen Mann an. Dieser verlässt den Raum. "Wir sollten das Gespräch an einem sichereren Ort fortführen.", sagt er. Sicherer, frage ich mich?
Kurz darauf führen sie uns in eine Höhle. Und dort – mein Atem stockt. Eine Karte von Maraska mitten im Raum, ach was Saal, nein Halle. Auf ihr überall kleine Fähnchen mit Farbmarkierungen, Wimpel und Figuren. Umgeben von 60 bis 80 Mitgliedern des Haranydad. Das ist kein einfaches Rebellentruppencamp. Das ist das Zentrum eines ganzen Netzwerkes – organisiert, koordiniert, strukturiert wie ein Militär. Tselda grinst, vermutlich wegen meines Gesichts, das ich jetzt gerade mache. Ich bin überrascht und mehr als nur beeindruckt.

Der Haran bemerkt, wie mein Blick auf ein kleines Fass mit Erdwurzeln fällt. Ich sah wohl fragend genug aus, da erzählt er, dass sie diese Wurzel erst vor ein paar Monaten entdeckt haben. Bei Verzehr färbt sie die Haut langsam des Konsumenten um ein paar Stufen dunkler und hört man auf sie zu essen, ebenso wieder heller. Ich beschließe sofort sie zu essen. Mehr Tarnung ist mehr, naja und bei den Frauen ist ein dunkler Teint sehr beliebt. Der Mann mit dem der Haran vorhin gesprochen hat, ein hellhäutiger Maraskaner ist hier zu Besuch: Endidjan aus Tuzak. Minobe spricht mit ihm, erfährt von seiner Gruppierung – sie schützen die Priesterschaft, die Maraskan vor einem Bürgerkrieg bewahrt. Er weiß sicher mehr, als er sagt, so deute ich Minobes Blicke, aber bin misstrauisch. Solche Geschäfte, solche Typen – das ist wohl eher Tseldas Metier, nicht meins.
Dann berichten sie uns von allem:
Von von Wiedbrück – ernennter Sicherheitsberater des Reiches, der angeblich hier ist, um den Aufstand zu dokumentieren. Aber sein Brief an uns hatte nichts mit dieser Aufgabe zu tun.
Hilbert von Puspereiken – der, etwas tolpatschike und lispelde Gehilfe von Montagunus, Forscher, mit dem von Wiedbrück Zeit verbracht hat. Was forscht er? Niemand weiß es genau. Wiebrück soll versucht haben, zu verhindern, dass er findet wonach er sucht.
Die Seeblockade – verhängt von von Wiedbrück selbst. Aber warum? Um Informationen zu blockieren, vermutlich.
Ein Tal in den Bergen – Ursprung widernatürlicher Wesen. Der Einfluss wächst. Könnte das Borbarads Festung sein? Eine, die er vor 400 Jahren auf Maraskan hatte?
Die Rollen der Beni Roech – gefunden zur gleichen Zeit wie der erste Überfall auf die Enduriummine. Eine Prophezeiung über Borbarads Rückkehr.
Die Legende der sieben Gezeichneten: Entweder beenden sie Borbarad – oder sie helfen ihm, sein Vorhaben zu vollbringen.
Das ist alles verwirrend. Verstrickt. Ich kann nicht alle Fäden sehen. Aber ich sehe, dass alles zusammenhängt – und wir sind hier, um es zu entwirren. Schlussendlich willigt der Haran ein, uns zu helfen. Dies knüpft er aber an eine Bedingung. Hilft er uns, erwartet er gleiches von uns.
So erzählt er uns etwas, das mich erstarren lässt. Vor mehr als einem Jahr kam eine Hexe namens Laranja Schwarzklinge ins Dorf. Sie forderte das Haranydad auf, das Gebiet zu verlassen. Der Haran weigerte sich und befahl Widerstand. Sie, in Unterzahl, floh mit Magie – und seitdem gibt es hier massenhaft große Spinnen. Dämonische, vermutlich.
Ich hasse Spinnen.
Das ist nicht einfach nur Angst. Das ist Erkenntnis aus harter Erfahrung. Ich erinnere mich an die Phileasson-Reise, an den Schiffsfriedhof, an die dämonischen Spinnen dort. Es war einer der härtesten Kämpfe meines Lebens. Menschen starben. Wir alle hätten dort sterben können. Alles nur um zu verhindern, dass zwei rivalisierende Magier einen Kelch bekommen. Den Kelch, Largala'hen, damals bewacht von einem Dämonen. Spinnen... Der Haran bittet uns, den Ursprung dieser Kreaturen zu töten, die schwarze Brazurgha, als Gegenleistung für seine Hilfe. Ich nicke Zähne knirschend. Sagte ich schon, wie Ich Spinnen hasse? Ein Drache wäre mir lieber.
Am Abend werden wir herzlich empfangen. Speis und Trank. Und dann – eine Bitte: Nehmt am Begräbnis teil. Es ist ein Brauch des Haranydad: Jeder Teilnehmer gibt dem Verstorbenen 16 Forderungen und 16 Ratschläge mit ins Jenseits. Nun erwartet man dies ebenso von uns. Wenigstens erlaubt man uns Bedenkzeit.
Ich denke an einen Mann, den ich nicht kenne, und schreibe auf:
Forderungen:
1. Sei ehrenhaft im Jenseits wie du es hier warst.
2. Trinke keinen schlechten Wein.
3. Vollziehe Beischlaf, sooft du kannst.
4. Lache über deine Fehler.
5. Vertraue den Göttern.
6. Sei tapfer, auch wenn du Angst hast.
7. Schütze die Schwachen.
8. Iss immer zu Mittag. Wobei, Frühstück und Abendessen solltest du auch nicht vergessen.
9. Sag die Wahrheit, außer wenn es dumm ist. Dann Lüge.
10. Vergib, aber vergiss nicht.
11. Tanze, wenn du kannst. Wenn nicht, nun, dann nicht.
12. Sei stolz auf das, was du getan hast.
13. Fürchte dich nicht vor der Dunkelheit.
14. Liebe deine Freunde. Liebe die Frauen mehr.
15. Kämpfe für das Richtige.
16. Sei, wer du sein wolltest.
Ratschläge:
1. Verwende nicht zu viel Salz im Essen.
2. Wein ist besser als Bier, meiner Meinung nach.
3. Lavendel hilft gegen Spinnen und bei Frauen.
4. Ein Schwert ist besser als Worte, manchmal, ach eigentlich immer.
5. Vertrau keinem Kerl mit feuchten Händen. Vor allem, wenn er aus dem Bordell kommt.
6. Vertrau auf Frauen mit großen ..., vielleicht nicht angemessen, schönen Augen.
7. Ein gutes Bett ist wichtiger als gutes Essen. Besonders, wenn es noch jemand mit dir teilt. Also nicht irgendjemand, eine Frau zum Beispiel.
8. Lügen haben sechs Finger, nein so nicht. Kurze Beine stottern viel, Unsinn! Alles hat ein Ende, nur auf Maraskan sind es zwei. Ich geb's auf.
9. Göttliche Gnade ist kostbarer als Gold.
10. Liebe ist stärker als Hass, auch wenn es nicht so aussieht.
11. Ein Ritter ohne Ehre ist ein Bettler ohne Ziel.
12. Magie ist mächtig, aber nicht allmächtig.
13. Vertrau deinem Bauchgefühl – es lügt selten. Vertrau mehr einem Gefühl unterhalb des Bauchs - das lügt nie.
14. Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein und zu lang für das Zölibat.
15. Hab niemals Vorurteile, Sartyre sind erstaunlich gute Küsser.
16. Und wenn du ins Jenseits kommst, grüße die Götter von mir."
Es ist ein seltsamer Brauch, aber auch ein würdevoller Abschied.
Wenn es darauf ankommt
Die Leiche des Verstorbenen liegt aufgebahrt vor uns. Ich zwinge mich hinzusehen, wie es der Brauch verlangt. Die schwärzlichen Adern, die sich unter seiner Haut abzeichnen wie ein dunkles Netz – das ist das Werk der Spinne. Ein Spinnenbiss, der lähmt, und jene, die nicht stark genug sind, überstehen ihn nicht. Ich denke mit einer Mischung aus Ekel, Sorge und Schauder an morgen, wenn wir gegen genau dieses Monster in den Kampf ziehen. Die Nacht bricht herein. Ich schlafe nicht besonders gut.
Am nächsten Morgen brechen wir auf. Der Weg ist weniger sumpfig als zuvor – aber was die Natur hier zeigt, ist fremdartiger als alles, was ich bisher in Maraskan gesehen habe. Bäume mit ausladenden Ästen, die sich wie Arme in den Himmel strecken. Palmen mit langen Spitzen, die sich am Stamm ausgebildet haben wie Klingen. Libellen, so groß wie ein Unterarm, schwirren um uns herum. Je weiter wir voranschreiten, desto mehr verändert sich die Vegetation. Die ersten Spinnenweben tauchen auf – dünn zunächst, kaum sichtbar. Dann dicker. Dann überall.
Wir entdecken eine verendete Maraskantarantel im Netz – neongelb gezeichnet. Eine Spinne, die als extrem unberechenbar, aggressiv und hochgiftig gilt. Verendet im Netz einer noch größeren Spinne. Das sagt alles und es sind nur ihre Kinder. Als wir die Reihenfolge, in der wir Marschieren festlegen, melde ich mich für die Nachhut. Nicht lange und ich höre ein Klackern hinter mir und ich drehe mich um. Zehn bis fünfzehn Meter hinter mir, in den Bäumen – eine schwarzmetallisch glänzende Spinne. Groß. Ruhig. Widerlich. Eine zweite verschwindet am Boden hinter den Bäumen. Eine dritte schlüpft aus dem Unterholz und verschwindet wieder. Ich gehe weiter, allerdings von da an eher rückwärts als vorwärts. Meine Hand liegt immer auf Larza'Lariel.
Nach einigen hundert Schritt, öffnet sich ein trichterartiger Bereich vor uns. Zehn bis zwölf Meter Durchmesser. In der Mitte – ein Loch, zwei Meter weit. Der gesamte Trichter ist mit Spinnenweben ausgekleidet, die im schwachen Licht schimmern wie Seide aus der Hölle. Ich schüttele mich und lass nicht zu, dass mich die Angst mit sich trägt. Minobe zaubert einen Exposami. Sie nimmt hundert, vielleicht hundertundzwanzig Wesenheiten in unserer Umgebung wahr. Alle mit dämonischer Aura. Und im Loch selbst – ein dicker, fetter Klumpen. Eine Aura, die alles andere überstrahlt. Der Haran und unsere Begleiter decken unseren Rücken, in dem sie hier draußen auf uns warten werden. Wir knüpfen ein paar Seile aneinander und steigen hinunter. Ich voran - ein Sieg über den Ekel und meine Phobie gegen diese achtbeinigen Geschöpfe aus den Niederhöllen.
Die Höhle darunter ist eine natürliche Kaverne – acht mal fünf Meter, spärliche Spinnenweben an den Wänden, drei Gänge, die sich in die Dunkelheit ziehen. Wir wenden uns nach Norden.
Und dort – die Bruthöhle. Dicht verwobene Spinnenweben. Überall dicke Säcke, prall gefüllt mit der nächsten Generation dieser Plage. Ich betrete diese Höhle als erster, dann Reto. Ich spüre, wie sich mir die Nackenhaare aufstellen und ich blicke nach oben. Ich hatte es gewusst - Ich hasse Spinne - sie saß direkt über mir, hässlich, hinterhältig und riesig. Sie zögerte nicht und spuckt mich an – ich reiße den Schild hoch, der Angriff prallt ab. Kurz darauf spüre ich den Ruck – ein Spinnenfaden hat mich erfasst und reißt mich nach oben. Mit dem Schwert voran, lässt sie mich wieder fallen und sie lässt sich direk auf mich fallen. Im letzten Moment rolle zur Seite und ich sehe, wie dieses Vieh ihre gigantischen Fangzähne in den Steinboden rammt. Wieder und wieder. Reto, Geist Efferds gegenwärtig, erbittet eine Bodenweihe. Währenddessen betreten Minobe und Rondario betreten die Höhle. Die Bodenweihe zeigt sofortigen Erfolg und Die Spinne schreckt zurück – aber sie reißt mich mit, als sie durch einen Gang in den nächsten Raum flieht. Zu meinem Glück reißt ihr Spinnenfaden und lässt mich zurück. Sie verschwindet in der Dunkelheit. Wir unsererseits überlegen nicht und verbrennen die ihre ungeborene Höllenbrut. Ich könnte Schwören, ich hätte die Spinnen kreischen hören oder ich will es nur hören, ihre Qualen und ihr Verderben.

Das Feuer erhellt die Höhle und ermöglicht uns einen Blick eine Wand, etwas, das nicht hierher gehört. Ein altes Lager mit Überresten einer Pritsche und Krügen. Es befindet sich eine seltsame Zeichnung an der Wand, mit Kohle gezeichnet – Spinnenfäden, gehalten von kleinen Spinnen mit Glyphen. In der Mitte der Fäden: eine fast lebensgroße Frau, deren eine Gesichtshälfte ein Spinnennetz ziert. Wir vermuten, dass es sich bei der Frau um Laranja Schwarzklinge handelt. Das ist ihr Lager. Hier hat sie die Brazurgha gefügig gemacht, vielleicht beschworen. Die Glyphen an den Wänden sind Asfaloth-Glyphen. Die erzdämonische Widersacherin der Göttin Tsa. Dies war ein Ritual, dass selbst unter dunklen Hexen geächtet wird.
Es ist noch nicht vorbei uns so wappnen wir uns ein weiteres Mal und folgen ihr. in der nächsten Höhle gibt sie sich keine Mühe mehr, si zu verstecken. Offen hängt sie an der Wand und zögert keine Sekunde, als ich den Raum betrat. Sie sprintet direkt auf mich zu.
Und da ist es wieder. Dieses Gefühl. Dasselbe wie beim Himmelsturm, beim Angriff des Gletscherwurm, als wir auf dem fliegenden Elfenschiff waren. Der Kopf wird merkwürdig klar. Mein Griff um das Schwert wird fester, um mich herum verlangsamt sich alles. Ich spüre, wie die Angst schwindet. Ich spüre, wie Praios Licht mich umhüllt, wie eine warme, schützende Decke. Ich stehe einfach nur da und warte, bis sie nahe genug ist. Dann ramme ich ihr mein Schwert in ihre widerliche Visage, mitten zwischen ihre Klauen, so tief, dass meine Hand bis zur Elle in ihrem Leib versinkt. Ich reiße es wieder heraus und sie stolpert benommen zurück. In dieser Zeit betritt Reto das Geschehen und er erbittet einen Dämonenwall. Die Spinne greift nun ihn an, aber er weicht aus. Jetzt tritt Minobe in den Kampf ein. Nur ein einziger, aber mächtiger Fulminictus genügt – und der Kopf der Spinne platzt. Sie sackt zusammen und es ist vollbracht. Ich schneide mir einen Giftzahn aus den Überresten, als Trophähe. wie der Karfunkelstein des Gletscherwurms.
Wir sind von purpurschwarzem Dämonenspinnenblut besudelt und es riecht entsetzlich. Gerich hat nichts mitbekommen und er schaut uns an, als wir aus dem Gang klettern. "Was ist denn passiert?", frag er unbedarft.
Ich bleibe vor ihm stehen, den Giftzahn in einer und das noch triefende Schwert in der anderen. Ich schaue ihn an.
Ich reiße ihm wortlos den Ärmel vom Gewand ab, mache mich damit sauber – halbwegs – und werfe ihm den blutgetränkten Fetzen wieder zu.
Gerich schaut auf den Fetzen, dann auf mich. Ich gehe einfach weiter.
Während wir herausklettern, bemerken wir, dass die Spinnenfäden bereits begonnen haben zu verrotten, ich hoffe, dass ihre Brut gleich mit verrottet.
Was für ein unseeliger, ekeliger Ort.
Der Haran und das gesamte Haranydad empfangen uns mit einer Wärme, die ich nicht erwartet hatte. Wir sind ab sofort Freunde dieser Rebellengruppe – mit dem Status eines Mitglieds. Wir beschließen, drei Tage hier zu rasten, bevor wir zur Mine aufbrechen. Drei Tage Schlaf, Essen, keine Spinnen.
Ich werde jeden einzelnen davon genießen.
Ruhestörung
Drei Tage Rast haben gut getan. Wir brechen wieder auf – und Gerich Axenbrecher bleibt zurück. Mit Zustimmung des Haran wird er im Lager bleiben. Die Haranydad werden sich um ihn kümmern. Eine Träne hab ich wohl kaum übrig, aber ich bin durchaus froh. Er hat sich nicht schlecht gehalten, auch wenn er scheinbar vollkommen überfordert war, aber ohne ihn sind wir schlicht besser dran. Und ja – nun habe ich niemanden mehr, den ich herumscheuchen kann. Wir kennen uns alle lang genug, so dass jeder sein Leben dem anderen anvertrauen würde. Naja und Tselda; So weit wird sie wohl nicht gehen.
Wir gehen ins Gebirge. Die Vegetation wird mit jedem Schritt seltsamer – als würde die Natur hier eigene Regeln aufstellen, die niemanden um Erlaubnis gefragt hat. Hin und wieder begegnen wir Maraskantaranteln. In einem Zoo wäre ich nun lieber, ehrlich sagt. Die Hand immer am Schwert ist wohl die einzige Methode, wie ich ihre Gegenwart ertrage. Wir suchen nach einem Lagerplatz und werden fündig. Allerdings noch vor der erste Wache schreckt uns Adjiwia wieder auf. Maraskanfedern – Tausendfüßler, und zwar ein ganzer Schwarm davon. Das sind ziemlich widerliche Geschöpfe und hochgiftig. Wer sich diesen Namen für die Kreaturen ausgedacht hat, hat eine perfiden Humor. Es sind aber keine Spinnen, also kein Schaudern, kein Zähneknirschen – nur die nüchterne Erkenntnis, dass wir diesen Ort verlassen müssen. Und zwar sofort. Drei Stunden marschieren wir durch die Dunkelheit, bis die Viecher außer Reichweite sind.
Dann beschließen wir, in einem Baum zu übernachten. Rondario macht uns Licht, aber eben nicht nur uns, sondern auch einer eine größeren Gruppe Affen, die unsere Ankunft mit der Begeisterung eines Wirtes begrüßt, dem man gerade erklärt hat, dass seine Gäste nicht zahlen werden. Sie schreien, sie werfen, sie zanken – und dann, nach einer Weile, begreifen sie, dass wir nicht weichen werden. Missmutig, aber letztlich vernünftig, ziehen sie ab. Ich schlafe im Baum besser als erwartet.

Am frühen Morgen stoßen wir auf eine größere Ausgrabungsstätte. Und dort, inmitten des Chaos aus aufgeworfener Erde, Gerüstwerk und halbvergrabenen Steinen – steht Hilbert von Puspereiken. Minobe begrüßt ihn herzlich. Er ist ein alter Bekannter – wir kennen ihn von der Phileasson-Reise, ihn und den großen Rankorium Montagunus. Puspereiken ist verwirrt und fahrig, wie immer. Das ist kein Urteil – das ist schlicht sein Zustand. Er lädt uns in sein Zelt, das mittels eines Artefakts innen deutlich trockener ist als draußen. Wenigstens das funktioniert. Das Zelt selbst ist vollgestellt bis unter die Zeltstangen. Schriftrollen, Kisten, Werkzeug, Funde, Notizen auf Notizen auf Notizen. Irgendwo darunter befindet sich vermutlich ein Tisch. Aber Puspereiken ist kein Narr. Er ist einer von vielleicht einer Handvoll Menschen in ganz Aventurien, die wirklich Experten für Echsen sind. Das vergesse ich nicht, auch wenn ein Gespräch mit ihm die Geduld eines Heiligen erfordert. Er erzählt. Und wir hören zu – so gut wir können.

Von Wiedbrück war etwa eine Woche hier. Angeblich auf der Suche nach Hinweisen auf Rebellen. Aber Puspereiken glaubt das nicht – und ich auch nicht. Wiedbrück ist Sicherheitsberater des Reiches, kein Rebellenjäger. Vorher war Wiedbrücks Gruppe beim Belagerungsring von Boran. Dort trafen sie auf Almachios – einen Mann, der Eindruck hinterlassen hat. Sechs Finger - schon wieder diese sechs Finger. Er erzählte Puspereiken von einem Tempel namens Sel'Altach. Puspereiken fand den Standort und setzte seine Ausgrabungen dort fort. In Sel'Altach soll sich eines der elf Siegel der Stadt Akrabal befinden. Die Ausgrabungen sollten vom KGIA-Agenten Praiotin von Ralerau beschützt werden. Puspereiken glaubt jedoch, dass es nur dem Zweck diente, zu beschlagnahmen, was er finden würde.
Praiotin von Ralerau und seine Männer hatten einen schwarzgeschuppten Achaz dabei – sowie Rajo Brabaker und Korim Ben Hamid. Als sie die Ausgrabungsstätte übernahmen, begannen sie mit Gewalt, sich Zugang zum Heiligtum zu verschaffen.
Das war ein Fehler.
Der Siegelwächter erwachte. Mehr als ein Dutzend Drachengardisten wurden schlicht zerfetzt. Im Heiligtum stand ein Podest mit einem zepterartigen Gegenstand – ein magischer Schlüssel, ein Knotenpunkt. Das erste Siegel war gebrochen. Das geschah vor etwa sechs bis sieben Monaten – zur gleichen Zeit, als jene astrale Erschütterung zu spüren war, die uns bis nach Kunchom verfolgt hat. Puspereiken selbst hatte sie nicht bemerkt. Das überrascht mich nicht.

Dann erzählt er von einer Jadefigur des Wächters – einem mächtigen, alten magischen Artefakt. Und von einem Tal an der Ostseite der Maraskankette, das dämonisch verflucht sein soll. Vielleicht Borbarads alte Festung. Von der weiß Puspereiken nichts Genaues – aber Rankorium Montagunus hat dort einst einen Ring gefunden. Er nannte ihn den Ring des Satinavs. Von der Enduriummine weiß Puspereiken nichts.
Ich sitze in diesem vollgestopften Zelt und versuche, die Fäden zu ordnen. Das erste Siegel von Akrabal wurde gebrochen – vor sechs bis sieben Monaten. Zur gleichen Zeit die astrale Erschütterung. So viel allerdings zu den Dingen, die zu passen scheinen. Alles Andere ist wohl reine Spekulation. Borbarad hatte schon immer seine Hand im Spiel. Die Enduriummine, die Rebellen, die Seeblockade, Almachios, der Achaz, die Jadefigur – alles hängt zusammen. Aber wie genau, das sehe ich noch nicht.
Was ich weiß: Die Lieferungen aus der Enduriummine werden von einem Trupp von mindestens fünfzig Soldaten mit magischem Geleitschutz abgeholt. Dieser Trupp hat sein Ziel nie erreicht. Spezialisten wurden entsandt – und ihre Köpfe wurden vor dem Tempel in Tuzak aufgespießt. Die Soldaten selbst wurden nie gefunden. Hat der Trupp die Mine überhaupt erreicht? Und wenn ja – was haben sie dort vorgefunden? Das sind Fragen, auf die wir keine Antworten haben. Noch nicht.
Am Abend legen wir uns mit kreisenden Gedanken zur Ruhe.
Gom schläft schlecht - er hatte einen Traum...
Er liegt auf dem Urwaldboden. Er richtet sich mühsam auf. Aus ihm tropft dunkelgrünes Blut aus zahlreichen Wunden. Seine schuppige Haut ist arg geschunden. Seine Krallen sind blutverschmiert. Mühsam schleppt er sich aus dem vom Urwald überwucherten Heiligtum. Aufgewacht schießt ihm ein Name durch den Kopf: N´Chriss`Zhays
Kaltblütige Ehre?
Am nächsten Tag werden wir zu den Leuten von Rurijidas Schwert gebracht. Der Weg führt uns immer weiter hinauf, durch einen Nebelwald, der seinen Namen redlich verdient. Die Luft ist feucht und kalt, die Bäume verschwinden im Grau, und man sieht selten weiter als zwanzig Schritt. Vier Maraskaner erwarten uns und führen uns weiter. Je höher wir steigen, desto indigener werden unsere Begleiter – lange Federn im Haar, Blasrohre umgebunden. Krieger, die diese Landschaft kennen wie ich mein Schwert. Sie warnen uns: Anhänger der Diskus von Boran könnten hier lauern. Also schleichen wir, als ob das bei dieser Lautstärke im Dschungel einen Unterschied machen würde, könnte man denken. Dennoch, erstaunlicherweise tut es das.
Gegen späten Nachmittag öffnet sich der Wald und wir stehen auf einer kleinen Hochebene. In der Mitte ein kleiner, kristallklarer See. Harnischgürtler äsen am Ufer – friedlich, als würde die Welt um sie herum nicht langsam dem Wahnsinn verfallen. Persephone führt die Gruppe an. Sie entdeckt in etwa fünfundzwanzig Metern Entfernung zwei versteckte Gestalten im Wald. Freund oder Feind? Purpur auf Gelb oder Gelb auf Purpur – es ist schlicht nicht zu erkennen. Das ist wirklich irrwitzig. Wer auch immer diese Farbkombinationen vergeben hat, muss sich dabei köstlich amüsiert haben. Ein feiner Unterschied, der in der falschen Situation das Leben kosten kann. Dann – Kampfgeräusche vom See. Die beiden Gestalten stehen auf und bewegen sich in Richtung des Lärms. Weitere folgen. Ich schaue kurz hin und schaue dann wieder weg. Wir haben hier nichts zu suchen. Wer immer dort kämpft – wir kennen weder die Parteien noch die Ursache. Uns einzumischen würde uns Feinde machen, die wir nicht brauchen. Also schleichen wir weiter, während hinter uns Stahl auf Stahl trifft, Holz auf Knochen oder was auch immer.

Die Felsnadel taucht aus dem Nebel auf. Auf ihr – ein verfallener Tempel. Ich muss gestehen: Ich freue mich. Endlich kein Dschungelboden. Endlich kein Schlamm, kein Moos, kein Wurzelwerk unter den Füßen. Ein steinerner Boden, vier Wände, ein Dach – oder zumindest die Überreste davon. Für maraskanische Verhältnisse ist das purer Luxus, also jedenfalls hier, mitten im Nirvana. Wir betreten den Tempel, steigen die Treppen hinauf, klettern den verfallenen Rest hinauf und teilen nach einer kurzen Inspektion die Wachen ein. Minobe geht von Fenster zu Fenster. Gom bewacht draußen die Treppe.
Nicht viel später, Schlaf im Allgemeinen wird ohnehin überbewertet – Gom entdeckt Gestalten, die den Weg heraufkommen. Er informiert Minobe und sie uns ergo, wir werden geweckt.
Es sind Achaz!
Aber nicht jene, die ich kenne. Diese hier sind anders. Der Kopf erinnert an einen Raptor – schmal, vorgestreckt, mit einem Blick, der nichts preisgibt. Sie sind größer und massiver als die Achaz, denen wir bisher begegnet sind. Und sie halten einen Stein in den Händen, aus dem seltsame Geräusche ertönen.
"Zschkreez"
Ich kenne Echsen. Ich weiß, dass sie nie so durchschaubar sind, wie sie wirken. Also bleibe ich vorsichtig. Ruhig. Die Hand liegt auf Larza'Lariel – nicht drohend, aber bereit. Wir beschließen, hinunterzugehen.
Ihre Namen sind für einen Mittelreicher kaum auszusprechen: Nga'Chrir. He'Itsiz. Qiqqim. Ich spreche keinen davon aus. Das wäre nicht nur unhöflich, sondern einfach nur töricht. Tselda übernimmt das Gespräch. Ob diese, sagen wir Talente gut oder schlecht sind, ist einer Diskussion würdig. In diesem Moment aber sind sie äußerst hilfreich. Gut, dass sie dabei ist, denke ich. Auch wenn ich das nicht laut sagen würde. Was sie herausfindet, ist bedeutsam.
Den Achaz wurde ein Zepter mit einem Siegel gestohlen. Sie haben den Auftrag zu vergeben – das Zepter zu finden und zurückzubringen. Mehr nicht. Kein Verhandeln, kein Feilschen, keine langen Erklärungen. Sehr effizient, aber auch vollkommen empathielos. Selbst, wenn wir das Ziel erreichen, werden wir nicht deren Verbündete. Im nächsten Augenblick, rammen sie uns einen Dolch in den Rücken. Dennoch, wir haben das gleiche Ziel. Schaden kann es vermutlich nicht. Vielleicht findet sich ja auch ein Funken Ehre bei den Kaltblütern.
Sie stellen uns einen Tontopf mit einer Libelle zur Verfügung – ein Mittel, um sie zu rufen, wenn wir das Zepter gefunden haben. Und dann – einer der Achaz greift nach einem großen Beutel aus feinstem Schlangenleder und stellt ihn vor uns ab. Opale und Rubine im Wert von bestimmt 600 Dukaten. Ich schaue auf den Beutel. Ich schaue auf die Achaz. Den Wert bezweifle ich nicht – der ist offensichtlich. Was mich überrascht, ist die Geste selbst. Sie lassen es einfach da. Keine Erwartung, keine Quittung, kein Handschlag. Als wäre es bedeutungslos. Als wäre Gold und Edelstein für sie nicht mehr wert als ein Stein am Wegrand.
Dann wenden sie sich wortlos ab und gehen. Das mindert meine Hoffnung auf Ehre wieder.
Wir schauen ihnen nach, bis der Nebel sie verschluckt. Ich nehme den Beutel auf. Schwer, angenehm schwer und reiche ihn weiter. Das Zepter mit dem Siegel. Das gestohlene Siegel von Akrabal. Der Siegelwächter, der ein Dutzend Drachengardisten zerfetzt hat. Der Siegelbruch, der die astrale Erschütterung ausgelöst hat.
Alles hängt zusammen. Wieder.
Borbarad war hier. Borbarad ist überall.
Und wir – wir sammeln die Scherben auf, die er hinterlässt.
Prüfungen
Wir sitzen noch eine Weile zusammen, nachdem die Achaz verschwunden sind. Der Nebel hat sie verschluckt wie alles andere auf dieser Insel – lautlos, spurlos.
Wir versuchen noch ein wenig zu ordnen, was wir gerade gehört haben.
Jedes Siegel hat vermutlich seinen eigenen Wächter. Das macht das Brechen schwieriger – aber nicht unmöglich, wie wir gesehen haben. Sollte ein zweites Siegel brechen, werden die Achaz von Akrabal militärische Schritte einleiten. Rücksicht auf uns oder irgendjemanden anderen wird dabei keine genommen. Das ist keine Drohung – das ist schlicht ihre Natur. Die Mine selbst liegt auf dem Gebiet der Uialkim. Fanatiker. Rebellen mögen Garether generell nicht – und diese Rebellen werden uns ganz besonders nicht mögen. Es wird sicher keinen einfachen Weg geben. Ich hoffe nur, dass es keine Konfrontation gibt.
Wir gehen schlafen. Irgendwann in der Nacht kreist eine größere Echse über dem Gebiet und zieht nach Osten ab. Rondario erzählt es uns am nächsten Morgen. Ich nicke. Auf Maraskan kreisen Echsen, ist inzwischen wohl fast normal.
Am nächsten Morgen stellen wir fest, dass wir so hoch gestiegen sind, dass wir vom Tempel aus auf die Wolken blicken. Der Weg voraus ist nicht zu planen – der Nebel verschluckt alles jenseits von zwanzig Schritt. Es bleibst und allerdings wenig anderes übrig, als tritzdem zu gehen.
Persephone und Minobe führen die Gruppe an. Nach einer Weile kommen wir an eine anderthalb Schritt breite Klamm. Rondario teleportiert sich hinüber, ohne uns davon zu erzählen. Nun sind wir alle wieder aufmerksam. Er befestigt das Seil auf der anderen Seite und wir klettern rüber. Dort raschelt es zuerst und tritt etwas aus dem Gebüsch. Es ist eine seltsame Mischung aus Fisch und Ente. Wir starren es an. Es starrt zurück und gluckert dabei komisch. Rondario holt ein Stück Brot aus der Tasche und füttert es, als würde er einen Enten im Teich füttern. Manchmal sind die Dinge einfach einfach und Rondario hat es erkannt. Das Wesen frisst, schaut uns an, schaut Rondario an, und zieht sich dann zurück ins Gebüsch. Keine Erklärung. Keine Einordnung. Einfach noch eine Kuriosität dieser Insel, die sich weder benennen noch vergessen lässt. Weiter auf dem Weg finden wir einen Fußabdruck. Ganze eineinhalb Schritt lang. Ich halte inne und schaue auf diesen riesigen Fußabdruck, dann schaue ich in den Wald. Riesen hat nie jemand zuvor gesehen. Alles was ich kenne sind Mythen und Geschichten. Im Bornwald sind wir damals nah dran gewesen, dennoch haben wir nichts und niemanden gesehen. Minobe weiß, dass es hier auf Maraskan Felsknacker geben soll, ein Riese-älter als die Zeit. Ich atme tief durch und wir gehen weiter, allerdings mit etwas mehr Respekt für das, was uns umgibt.
Eine kleine Lichtung mit umgestürzten Bäumen tut sich vor uns auf. Schnell ergibt sich, dass dies wohl ein schlechter Lagerplatz w#re. Selbst das Gras hier ist gefährlich, sogeanntes Jagdgras wächst dort. Natürlich ist es fleischfressend und es macht seinem Namen alle Ehre. So kurios einam das auch erscheinen möge, aber es jagt seine Beute. Wir mähen es nieder, sicherheitshalber, um eben zu vermeiden, dass es uns später auflauert. Dann ziehen wir weiter.
Dann – ein kleiner Höhleneingang. Minobe schickt Kumo los, um zu prüfen, ob etwas darin wohnt. Kumo. Minobes Spinne, die in ihren Haaren lebt. Ich versuche, nicht daran zu denken. Auf Maraskan scheint sie gewachsen zu sein, was ich zur Kenntnis nehme und sofort wieder vergesse. Das ist Minobes Angelegenheit, nicht meine. In der Höhle befindet sich ein kleiner Rur und Gror Schrein – allerdings komplett aus Knochen gefertigt. Wir entscheiden, nicht darin Schutz zu suchen, sondern fangen daneben an Hängematten zu knüpfen. Irgendwo draußen brüllt etwas. Gutturales, tiefes Grollen, das durch den Fels dringt. Vermutlich der Riese und hoffentlich noch weit weg. Wir machen weiter mit dem Lagerbau.
In der dritten Wache hort Rondario plötzlich ein seltsames Klackern, näherkommend. Er macht Licht und sieht Riesentausendfüßler. Natürlich einen ganzen Schwarm davon. Und dahinter – eine Gestalt mit einer Fratze als Maske, einen Tausendfüßler als Gürtel gebunden. Ohne Umschweife sagt er, wir seien in sein Gebiet eingedrungen, und wir sollen ihm folgen. Ich schaue auf die Tausendfüßler. Ich schaue auf den Mann. Dann folgen wir.
In einer größeren Höhle treffen wir auf etwa zwanzig bis dreißig Menschen – sehr alte, sehr junge, aber niemanden im mittleren Alter. Überall sind weitere Tausendfüßler und allerlei andere Insekten. Sie leben hier scheinbar in einer Symbiose, die ich weder verstehe noch verstehen möchte.

Irasiath, die Anführerin dieser sagen wir Gemeinschaft und dieselbe Person, die uns mit der Fratzenmaske abgeholt hat, empfängt uns jetzt offiziell. Hager, still, mit einem Blick, der alles abwägt. Sie fragt, wer wir sind und was wir hier wollen. Wir erklären uns, was allerdings wenig bewirkt. Sie stellt uns direkt vor die Wahl, wer von uns ihre Prüfung durchlaufen soll. Ohne zu wissen, was auf mich zukommt.
Ich muss meinen Brustpanzer ausziehen. Eine Spinne, eine ellengroße Maraskantarantel, wird auf meinen Bauch gesetzt. Ich muss ruhig bleiben, bis sie einmal vom Bauch über mein Gesicht gelaufen ist. Kein Kampf, wie mit der schwarzen Brazurgha, also auch kein Schwert. Einfach ausgeliefert.
Zuerst sagt sie mir: Maraskantaranteln stechen immer und sie sind außergewöhnlich giftig.
Ich schaue auf die Spinne. Ich schaue auf Irasiath. Dann schaue ich geradeaus, schließe dann die Augen und bete zu Praois. Es gibt Momente, in denen ein Ritter nicht überlegt. In denen er nicht abwägt, nicht kalkuliert. In denen er einfach tut, was getan werden muss – weil Ehre kein Verhandlungsgut ist. Das ist einer dieser Momente.
Ich ziehe den Brustpanzer aus. Die Spinne wird auf meinen Bauch gesetzt. Was dann folgt, werde ich vermutlich nicht vergessen. Nicht weil ich es will – sondern weil der Körper sich erinnert, auch wenn der Geist es lieber vergäße. Ich spüre die Widerhakenartigen Klauen an ihren Beinen, wie sie sich in meine Haut tasten. Nicht schnell – langsam und methodisch prüfend. Jeder Schritt ein eigenes, kleines Grauen. Sie tastet sich vor über den Bauch und Über die Brust aufwärts. Der Stachel wird immer wieder über die Haut geführt, nicht zum stechen, nur prüfend, als würde sie entscheiden, ob ich es wert bin. Ich fange an zu schwitzen und schließe die Augen noch fester. Jeden Muskel meines Körpers ist angespannt. Irgendwann spüre ich sie am Hals und ich kann nicht anders, als die Augen wieder zu öffnen. Ihren Mandibeln berühren mein Gesicht. Sehr seltsame Geräusche, also könnte ich sie atmen hören, ihr Stachel noch immer auf meiner Haut, jetzt am Hals.
Ich atme.
Ich atme und bete.
Ich atme und hoffe.
Ich denke an den Gletscherwurm. An die Brazurgha. An den Schiffsfriedhof. An meinen Vater, der niederträchtig von den Orks abgeschlachtet wurde. An was ich bereits überstanden habe. Ich sage mir, dass ich mich nicht von einem Tier brechen lasse. Dass Praios Licht auch hier scheint, selbst in dieser dunklen, feuchten Höhle, selbst mit diesem Wesen auf meinem Gesicht. Die Spinne läuft über meine Stirn, über meine Wange und über meine Lippen.
Und dann – sticht sie. Ich schlucke und höre auf zu atmen. Ich spüre seltsamerweise keinen Schmerz, kein Gift und keine Wärme.
Irasiath lacht. Laut, rau, ungehemmt. "Eine Jungspinne", sagt sie schließlich. "Noch nicht giftig."
Immer noch den Atem anhaltend liege ich da, als die Spinne wird entfernt. Ich atme aus – langsamer als ich möchte. Aber, ich kann auch wieder einatmen. Danke Praois!
Die anderen schauen mich an. Ich setze den Brustpanzer wieder auf und sage nichts. Was soll man dazu sagen? Irasiath nickt. Einmal. Das reicht. Wir werden zum Essen eingeladen.
Ein Stück verfluchtes Mittelreich
Die Stimmung in der Höhle bleibt angespannt, aber wir werden zum Feuer gebeten. Dampfendes Essen wird gereicht – seltsam riechend, in Farbe und Form unbekannt. Rondario verfeinert es mit eigenen Kräutern, was ich ihm nicht verdenke. Ich esse trotzdem, denn es wäre unhöflich, es abzulehnen – und auf Maraskan macht man keine Feinde unnötig. Außerdem wäre die Mühe der Prüfung dann wieder zunichte gemacht worden, denke ich. Es schmeckt bizarr, nicht schlecht, aber bizarr. Des Essen fällt schwerer, als Rondario unnötiger weise fragt, was wir da eigentlich essen. Riesenschaben, heißt es. Ich lächele gequält, beim nächsten Bissen.
Dann werde ich gebeten zu erklären, warum wir hier sind. Nach der Prüfung wird das offenbar von mir erwartet – ich habe Irasiaths Respekt gewonnen, also spreche ich. Ich umreiße kurz unsere Lage, berichte in wenigen Sätzen, was uns hergeführt hat. Dann stelle ich selbst eine Frage: "Ist Euch bewusst, dass hier dunkle Magie am Werke ist?" Irasiath schüttelt den Kopf. Nichts Magisches sei ihnen aufgefallen. Aber sie erzählt uns von einem Überfall, den auch ihre Gruppe vor Monaten auf die Mine versucht hatte. Nebenbei stellt sich heraus, dass sie die Uialkim sind, nun der Rest. Ich kann die Überraschung und gleichzeitig die Erleichterung in den Gesichtern der anderes sehen. Irasijad erzählt weiter, ein Basislager wurde errichtet – die Männer kamen nie zurück. Ein Späher wurde entsandt – auch er kehrte nicht zurück. Einziges ungewöhnliches Ereignis seitdem: Ein Trupp kaiserlicher schwerer Infanterie, sehr gut ausgerüstet, war hier durchgezogen. Vermutlich war das der Trupp, der das Endurium abolen sollte.


Reto wirft einen Blick auf die Seelentiere von Irasijad und ihren Begleitern Sharyk und Darijan. Keine besorgniserregenden Eindrücke. Alle drei machen einen authentischen, ehrlichen Eindruck. Das ist mehr, als ich von den meisten Menschen sagen kann, die wir auf dieser Reise getroffen haben. Ich bringe die dunkle Magie noch einmal zur Sprache. Irasijad berichtet, dass lediglich die Erde gebebt habe – Quelle vermutlich die Mine selbst. Mehr wissen sie nicht.
Wir legen uns zur Ruhe oder zumindst versuchen ist. Zwischen den Insekten entschließen sich Tselda und Persephone Wache zu – beide bemerken, dass die Insekten unsere Nähe suchen, was eventuell auch zu ihrer Entscheidung geführt hat, lieber Wache zu halten. Ich schlafe trotzdem, nach der Prüfung ist nichts mehr schlimmer.
Am nächsten Morgen brechen wir auf. Wir queren das verlassene Basislager von Irasijads Leuten – still, verlassen, als hätte es die Menschen nie gegeben. Nach anderthalb Tagen nicht aufhören wollender Dschungel kommen wir auf eine Anhöhe. Am Ende der Anhöhe, eine große natürliche Höhle und eine kleine Festung. Davor eine Klamm mit einem schnell fließenden Fluss in etwa 5 Schritt Tiefe. Die Festung ist Mittelreich Stil. Ich erkenne ihn sofort. Türme, Tore, Proportionen – das ist vertraut. Auf Maraskan, mitten im Dschungel, steht eine Festung, die ich aus der Heimat kenne. Es ist eine seltsame Erleichterung. Zumindest weiß ich, wie man in so ein Gebäude hineinkommt. Über den Fluss führt eine einfache, aber sehr stabile Brücke. An beiden Enden zwei Türme und ein Tor. Auf den Türmen der Festnungsmauer stehen zwei Wachen, seltsam starr. Außer den Fluss gibt es keine Geräusche und offenbar auch keine Wachen. Minobe schleicht sich vor und macht einen Exposami. Der offenbart ihr zwei Wesenheiten in einem der Gebäude – vermutlich keine Menschen, aber auch keine Dämonen. Die Wachen erkennt sie nicht. Sie kehrt zurück und berichtet.
Ein genauerer Blick auf die Türme: Die Gestalten dort haben sich nicht bewegt, sie scheinen mit Hilfe der Hellebarden irgendwie zum stehen gebracht wurden sein. Wir gehen direkt zum Tor. Reto versieht uns mit einem Glückssegen. Im Licht der untergehenden Sonne marschieren wir vor. Das Tor öffnet sich problemlos. Gom betritt einen der vorderen Türme, steigt hinauf – und erkennt die Wachen auf den hinteren Türmen als Attrappen. Aufgestellte Figuren, keine Menschen. Die Festung täuscht Bewachung vor, wo keine ist. Wir überqueren die Brücke, öffnen das zweite Tor. Ich spähe hinein und peile die Lage. Dann betreten wir das Areal.
Wir wenden uns zunächst nach links, verschaffen uns hinter Fässern und abgestellten Dingen einen Überblick. Ein Baum auf dem Areal fällt sofort auf. Seine Blätter reflektieren das Licht seltsam stark – wie Kristall, nicht wie eine Pflanze. Ich setze mich in Bewegung, um ihn genauer anzusehen.
Dann trifft uns alle eine Woge der Furcht. Unvermittelt, von innen, als würde eine kalte Hand das Herz in der Brust greifen. Vor dem Baum liegt eine überdachte Öffnung im Boden. Ich greife nach einem Blatt – es fühlt sich organisch an, aber gleichzeitig kristallin. Verkehrt. Als wäre Natur und etwas anderes zu einem Ding verschmolzen, das nicht existieren sollte.
Wir wenden uns den Türmen zu, steigen hinauf und finden den Leichnam der Wache. Er wurde auf seiner eigenen Hellebarde aufgespießt. Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist sein Gesicht – leer, ausgehöhlt, als wäre ihm von einem Moment auf den anderen die komplette Lebensenergie entzogen worden. Kein Kampf. Kein Schmerz. Einfach... ausgelöscht. Borbarad. Der Gedanke kommt sofort, ohne Umweg.
Wir gehen zum Gebäude, in dem Minobe die zwei Gestalten wahrgenommen hat. Geschlossene Fensterläden. Geschlossene Türen. Gom und ich öffnen die Tür. Der Geruch trifft mich wie ein Schlag. Süßlich-Verwesend. Dieser Geruch ist nicht unbekannt, kenne ich ihn von Schlachtfeldern – aber das hier ist anders. Das hier ist konzentriert, schwer und feucht. In einer Ecke des Raumes sind mindestens dreißig Leichen aufeinandergestapelt und über dem ganzen Haufen wachsen gelb und purpurfarbene Pilze. Der eitrige Krötenschemel – das Leibgericht der Maraskantaranteln sagt Minobe. Mich schaudert es direkt. Reto sucht Wände und Decke ab und währenddessen bewegt sich der Haufen. Zwei erwachsene Maraskantaranteln kommen zum Vorschein und fressen sich dort fett. Ich trete zurück und rufe: "Sofort Fenster schließen und raus hier!". Alle taten ohne zu Fragen wie ihnen geheißen. Ich hasse Spinnen, ich hasse diese Spinnen und jetzt auch Maraskan. Und ich hasse vor allem die Tatsache, dass mich die Brazurgha nicht geheilt hat von dieser Phobie, sondern sie nur... bestätigt hat. Wir einigen uns darauf das gesamte Gebäude niederzubrennen, um die Toten zu bestatten. Und, um diesen achtbeinigen Monstern den Garaus zu machen.
Wir nehmen alle Gebäude unter die Lupe. Gold- und Enduriumstaub an verschiedenen Stellen, besonders in der Schmiede. Der Alchemieraum wurde komplett leer geräumt. Jemand hat mitgenommen was er brauchte.Im Speisesaal wurden fünfundzwanzig Betten aufgestellt. Darunter zwei mumifizierte Leichen. Eine rothaarige, leicht gerüstete Frau. Ihre Augäpfel sind zu Kristall erstarrt. Ein erschreckender Anblick. Daneben liegt ein schwer gerüsteter Mann, aber er hat Hufe als Füße. Ich stehe vor diesen beiden und versuche zu begreifen, was ich sehe.
Was in allen Niederhöllen ist hier passiert?
Hoffnungslose Pflicht und verlassene Ehre
Die mumifizierten Leichen in den Betten lassen uns keine Ruhe und wir sprechen es einfach aus: Die kristallinen Augen der Frau stehen in Verbindung mit Nagrach. Die Hufe des Mannes – Balhar. Es sind verfluchte Paktierer. Menschen, die einen Pakt mit Dämonen geschlossen haben. Ich bin nicht überrascht. Borbarad nimmt, was er braucht, mit allen Mitteln. Dass sie bis hierher gereicht haben – tief in den Dschungel von Maraskan – besorgt mich dennoch. In der ehemaligen Kommandantur wurde die stabile Tür schlicht herausgerissen. Kein Schloss und kein Riegel – einfach herausgerissen, als wäre sie aus Papier. Im Arbeitszimmer des Hauses finden wir eine Ledermappe.

Das Dienstbuch des 3. Banners des Kaiserlichen Elitegarderegiments Drachengarde. Amran-Anji-Mine. Hauptmann Hagen von Rakelsborn.
Reto ließt und wir hören zu.
Der Mann hat gewusst, was auf sie zukommt. Sechszer Peraine – Ablösung verspätet, Rationen verteilt, um die Moral zu halten. Zehnter Peraine – Weibel durch einen Pfeil aus dem Hinterhalt getroffen - gefallen. Vierzehnter Peraine – zwei Mann an den Dschungel verloren. Achtzehnter Peraine – endlich Ablösung, aber unter Kommando von Ralerau, mit Order, das Transportgut zu übernehmen. Die dritte Einheit sollte halten. Abgelöst wird erst nach Ablieferung der Ladung.
Dann der Eintrag, der unsere Augen noch größer werden lässt:
"Von Ralleraus Befehl sind allerdings eindeutig: Die Männer und Frauen sind ungehalten: sie werden nicht abgelöst und halten nun als Köder her. Wollen wohl einen dicken Fisch fangen. Rondra gib, dass diese Prüfungen aus Tuzak nicht zu schwer auf ihren Schultern wiegen."
Und dann: Einundzwanzigster Peraine: ...
Nichts mehr. nur ein Satz, der nie fertig wurde. Reto klappt das Buch zu und wir halten kurz inne. Dann mache wir weiter: Im Keller befindet sich das Verlies. Die Leiche darin, Hauptmann Hagen von Rakelsborn vermutlich. Ein Mann, der bis zum letzten Tag seine Pflicht getan hat, der seine Männer nicht im Stich lassen wollte, der für das Reich stand – und den das Reich als Köder benutzt und vergessen hat. Verdammte Schreibtischhengste, schreibt er. Er wusste es und hat es trotzdem ertragen. Ich bete für ihn zu Praois.
Daraufhin machen wir uns an die Arbeit. Die Leichen aus dem Speisesaal, die Wachen von den Türmen, den Hauptmann aus dem Verlies – alle werden zusammengebracht. Reto spricht den Grabsegen, gefolgt vom Feuersegen. Das Feuer nimmt alles – die Taranteln, den Leichenhaufen, die Pilze, den Verrat. Ich schaue zu, bis die Flammen hoch genug stehen. Diese Menschen hatten keine Chance. Das ist das Bitterste. Nicht Borbarad allein hat sie getötet – Ralerau hat sie Mundgerecht präpariert, kaltblütig, mit kaiserlichem Siegel und der Unterschrift von Wiedbrück. Und Hauptmann Hagen von Rakelsborn hat es bis zum letzten Atemzug gewusst.

Das Feuer lodert und wir machen uns auf zur Mine. Das Minentor ist aus dunklem Metall, sehr schwer und noch massiver. Persephone versucht ihr Handwerk, allerdings ohne Erfolg. Danach Tselda mit einem Gebet, wonach sie die Tür öffnen kann. Ich trete ein und rieche sofort Vitriol. Schwefelig, scharf, unverkennbar. Jemand hat hier professionell gearbeitet – was auch immer Raleraus "Bergbauspezialisten" gewesen sein mögen, zumindest das haben sie verstanden. Links und rechts Gänge zu den Schießscharten deren Türen nach innen aufgesprengt wurden. In der Mitte des Raumes – eine Konstruktion mit Plattform. Eine Art Fahrstuhl, recht primitiv aber solide. Auf der Plattform ein Heptagramm und ein Bannkreis, vollständig beschriftet in Zhayad. Alles wurde in das Metall eingeritzt und nicht nur aufgemalt. Rondario übersetzt langsam: Ein Bannkreis gegen einen mehrgehörnten Dämon aus der Sphäre des Agrimoth – Herr der verfluchten Elemente, außer Wasser und Eis. Wir schauen uns an. Das haben wir schon gesehen, in verschiedenen Formen, an verschiedenen Orten. Hier ist klar: Ein Dämon arbeitet unten. Und jemand - Bornarad wollte sicher gehen, dass der Dämon nicht entfliehen kann.
Rondario leuchtet in den Schacht. Fünfzehn Meter bis zur ersten Sohle. Zwei weitere darunter aber kein Boden zu erkennen. Von Irasijads Begleitern werden wir hinuntergelassen. Sie selbst begleitet uns.
Auf der ersten Sohle angekommen, sehen wir eine Gittertür und sofort sticht Verwesungsgeruch in unsere Nase. Ich gehe vor uns finde am Ende des Ganges eine runde Halle. Etagenbetten, wo einmal Männer geschlafen haben und überall ist Blut. In der Mitte allerdings etwas viel schlimmeres. Ein weiteres diesmal viel größeres Heptagramm, in welchem dem die Leichen sorgfältig gestapelt wurden. Daneben drei ineinanderliegende Kreise, die vermutlich für Borbarad selbst gedacht waren. Hier hat er möglicherweise den Dämon beschworen und die Leichen als "Feuerholz" missbraucht. Tselda spricht den Grabsegen, was genügen muss. Ein Feuer hier unten wäre sicher nicht ratsam. Sicherheitshalber und um den armen Seelen den Weg zu ebnen zerstört Reto das Heptagramm mit geweihtem Wasser. In den anderen Gänge auf dieser Ebene – Überall Flecken auf dem Boden, als wären sie verbrannt. Es sieht nach Säure aus. Das ganze Stockwerk ist ein Labyrinth leerer Gänge, vollständig ausgeplündertes Endurium. Hier ist nichts mehr.

Auf der dritten Sohle liegen überall verteilt Enduriumknollen auf dem Boden. Sie sehen bereits erstaunlich rain aus. Schwer in der Hand und seltsam warm. Tselda nimmt sich eine. Als ich das sehen, nehme ich mir auch eine, eine die größer ist. In einer anderen Situation hätten wir jetzt vermutlich damit angefangen uns immer übertreffen zu wollen, bis der erste aufgibt, weil sie zu schwer werden. Hier unten denken wir beiden nicht daran. Dann hören wir ein dumpfes und rhythmisches Grollen und der Boden bebt leicht.
Am Ende des Ganges sehen wir eine fünfzehn Meter tiefer Schacht mit einem kniehohen Haufen Endurium. Die Gänge wurden vermutlich vom Dämon gegraben, der das Endurium als bereits vom Stein getrennte Knolle hierhin transportiert. Borbarad braucht mehr als er hier schon gestohlen hat. Wir beschließen, das Endurium zu holen, damit es ihm nicht in Hände fällt.
Wir klettern und schleppen. Langsam leert sich der Haufen. Wir sind fast fertig und Irasijad ist auf dem Weg nach oben, springen plötzlich Tentakel aus dem Dunkel. Ohne dass sie Zeit zu reagieren, wird sie gepackt und mitgerissen.Ein einziger Ruck – und sie ist weg. Was folgt, ist eine Blutfontäne aus der Tiefe.
Ich stehe da und starre in die Dunkelheit. Ich hatte gehofft, wir wären schnell genug. Dass wir das Endurium holen und gehen können. Es gibt nichts weiter zu sagen nur zu tun, was getan werden muss. Ich greife nach Larza'Lariel und ziehe meinen Schild eng an mich. Praios hilf uns!

Meine Pflicht
Ich hatte Drachen gesehen, Dämonen, die schwarze Brazurgha, aber was sich aus der Dunkelheit des Schachts auf uns zubewegt, ist anders. Nicht schneller, nicht stärker – sondern einfach widerlicher. Ein weißer Wurm, ein viergehörnter Diener des Agrimoth. Eine gepanzerte Made von sechzehn, siebzehn Schritt Länge und zweieinhalb Schritt Durchmesser. Vier riesige Tentakel auf dem Kopf, der ganze Leib feucht glänzend, und dort wo er entlang kriecht – dampft der Boden von Säure zerfressen. Diese Ausgeburt der Hölle frisst sich durch den Berg und scheidet nahezu fertige Enduriumklumpen wieder aus. Im Grunde genial, wenngleich diese Dienste in Anspruch zu nehmen nicht einmal mehr nur fragwürdig sind. Es ist Frevel und derart niederträchtig verachtenswert, dass dem Beschwörer ein Platz neben Pardona wohl sicher ist.
Er zieht sich mit den Tentakeln den Felsen zu uns herauf, ohne Eile, aber mit einer scheinbar grenzenlosen Kraft. Reto wirft geweihtes Wasser. Im Maul des Wurms dampft und zischt es, aber dieser zeigt sich nicht sonderlich beeindruckt. Rondario bittet uns, uns auf sein Kommando an die Wand zu drücken. Ich nicke und wir alle nehmen Kampfposition ein.
Rondario zählt runter: "Vier!".
Reto erbittet einen Dämonenwall und vor ihm entsteht eine gebogene, bläulich schimmernde Kuppel. Wir alle treten sofort dahinter.
"Drei!"
Der Wurm schiebt sich weitere drei Schritt vor. Nun sind es nur noch etwa neun Schritt, bis er uns erreicht und wir ihn.
"Zwei!"
Die ersten Tentakel erreichen die Felsen vor uns. Wir drücken uns weiter hinter dem Dämonenwall an die Wand.
"Eins!"
Die Tentakel stoßen nach vorne – und werden vom Dämonenwall gehalten.
"JETZT!"
Rondario zaubert den Orcanosphaero. Eine gewaltige Explosion erschüttert den Gang und ich spüre die Druckwelle durch den ganzen Körper. Der Rauch verzieht sich – und der Wurm kriecht immer noch. Einige gepanzerte Platten haben sich gelöst, mehr nicht. Wir alle sind etwas erschrocken, aber es bleibt keine Zeit. Ich schaue zu Gom. Gom schaut zu mir und wir beginnen auf den Dämon einzudreschen. Die Tentakel sind gallertartig unter meiner Klinge – widerlich, aber treffbar. Gom bedient neben wuchtig seinen Raabenschnabel aus Endurium. Selbst mit meiner Rüstung, möchte ich Gom um Kampf nicht gegenüberstehen und ich bin froh, dass er auf meiner, der richtigen Seite ist. Zwei der Tentakel peitschen gegen den Dämonenwall, aber er hält, obwohl man die Wucht dahinter deutlich spüren kann. Dann trifft Minobe mit einem Fulminictus und der Wurm zuckt zusammen. Aus seinem Maul fließt schwarze, ätzende Flüssigkeit. Ich hoffe, das Vieh verspührt Schmerz!
Gom und ich schlagen erneut zu, wir treffen - hart, aber der Dämon drück unaufhörlich nach vorn. Eine Wellenbewegung läuft durch den ganzen Leib des Wurms – und dann schießt die schwarze Flüssigkeit gegen den Schutzwall. Zuviel für Retos Wall, aber Glück für uns. Ohne diesen Wall stünden wir jetzt alle Knöcheltief in Säure, wenn wir überhaupt noch stünden.
Die Tentakel peitschen ein weiteres Mal nach uns und Gom wird getroffen. Ich habe keine Zeit nachzudenken, Gom ist ein harter Hund – er fällt nicht so leicht. Mein Griff um Larza'Lariel wird fester und ich schlage härter. Minobe zaubert einen Fortifex, während Rondario eine Flammenwand herbeiruft – acht Schritt lang, direkt in den Wurm der Länge nach. Der Wurm schreit auf, zerschlägt den Fortifex mit seinem ganzen Gewicht - furchteinflößend. Und dann – der Wurm prallt wieder auf den Boden und beginnt sich auseinanderzubrechen. Die Flammenwand hat ihm den Rest gegeben, dass er in schleimiges, säurehaltiges Ectoplasma zerfällt. Diese Masse frisst sich langsam in den Boden.
Stille, weil wir überrascht sind, aber auch gleichzeitig erleichtert. Das ist ein Sieg, aber ich bin mir vollkommen bewusst: Schwerter allein hätten hier nichts bewirkt. Rondarios Magie, Minobes Blitz, Retos Wand – ohne sie wären Gom zwar zähesm aber nur Futter gewesen. Wir haben das alle gemeinsam erledigt, so, wie wir bereits Vieles gemeinsam vollbracht haben. Und dafür bin ich dankbar.
Erschöüft klettern wir zurück zur Plattform und Irasijads Begleiter ziehen uns hoch. Ich schaue sie an und schüttele meinen gesenktem Kopf. Der Dämon hat sie geholt, als wir fast fertig waren, ohne Warnung und ohne Gnade. Sie hat uns in die Tiefe begleitet, obwohl sie wusste, was dort wartet. Ihr Tod war schnell. Es ist das Mindeste, was ich ihnen sagen kann. Es ist aber auch alles, was ich habe.
Wir tragen etwa dreißig bis fünfunddreißig Kilogramm Endurium aus der Mine. Tselda schlägt vor, das Tor zu verschließen und zu versiegeln. Das tun wir. Das Gebäude mit den Leichen brennt bereits.
Wir setzen uns zusammen und ordnen, was wir haben.
Vor sechs Monaten war Wiedbrück bei Puspereiken. Vor etwa fünf Monaten wurde das Endurium hier abgeholt – wohin, wissen wir nicht. Vermutlich Richtung Osten. Vermutlich dorthin, wo Borbarad es haben möchte. Wo auch immer das sein mag.
Ein machtvolles Artefakt voller echsischer Energie wurde gestohlen. Das Endurium ebenfalls. Was Borbarad damit plant – wir können es noch nicht sagen. Aber die Konturen werden langsam sichtbar.
Wir beschließen, am nächsten Morgen den Spuren des Trupps zu folgen, der das Endurium gestohlen hat. Richtung Süden, vermutlich.
Am Abend teilen wir die Wachen auf – je zwei, auf den Türmen. Gom und ich übernehmen die erste. Die Nacht ist ruhig, aber der Dschungel singt, wie immer. Kein Wurm und keine Tentakel und selbst der schreiende Dschungel fühlt sich wohlig an, im Vergleich zu dem Grauen, was wir noch ein paar Stunden vorher erfahren mussten.
Dann läuft Gom ein kalter Schauer über den Rücken. Er schaut sich um. Auf dem Boden des Turms sammeln sich bläuliche Schwaden. Ich nehme sie auch wahr und rufe hinüber: "Was ist los bei dir?" Ich mache mich auf den Weg zu ihm. Schon auf dem Weg bildet sich aus den Schwaden eine geisterhafte Gestalt. Ein hagerer Mann, etwa vierzig Jahre alt. Gekleidet als Hauptmann der Drachengarde. Um ihn herum erscheinen weitere geisterhafte Soldaten – seine Männer, seine Frauen, die als Köder dienten und starben.
Hauptmann Hagen von Rakelsborn.
Mit krächzender Stimme sagt er: "Rächt unseren Tod und folgt der Spur in Richtung Süden." Er streckt die Hand aus und lässt ein Stück Endurium in Goms Hand fallen. Dann ist er weg und die Schwaden lösen sich auf. Die Nacht ist wieder still, nun ja, Dschungel-still.
Ich stehe da und starre auf den Punkt, wo er stand. Ich habe für ihn gebetet, heute früh, nach dem Lesen seines Dienstbuchs. Ich habe gebetet, weil er es verdient hatte – weil er seine Pflicht bis zum letzten Satz getan hat, bis zum Einundzwanzigsten Peraine, bis zu dem Satz, der nie fertig wurde. Und jetzt steht er hier oder stand er hier. Und gibt uns eine Richtung. Das ist kein Auftrag, es ist unsere Pflicht. Wir sind hier, um das Böse zu bekämpfen.
Und genau das werden wir tun!
Gehorsam bis in den Tod
Am nächsten Morgen beschließen wir die Richtung: durch den Pass nach Süden, vermutlich zum Friedhof der Seeschlangen. Der schwarze Achaz – wir vermuten, dass er derselbe ist, dem wir bereits während der Wettfahrt um Phleasson und Beorn begegnet sind. Wo er ist, befindet sich wohl auch ein Unheiligtum, nun wo Seeschlagen sterben findet kein Gott halt. Das ist kein angenehmer Gedanke für einen frühen Morgen. Bevor wir aufbrechen, pflegen wir Waffen und Ausrüstung so gut es geht, besonders nach dem Kampf gegen diese Wurm.
Kurz nach dem Aufbruch treffen wir eine Klamm. Acht Schritt tief und acht Schritt breit. Die Hängebrücke ist kaputt, natürlich. Nach einer ziemlich meine Geduld strapazierenden Diskussion bauen wir mit zwei Seilen eine Behelfsbrücke und überqueren sie. Die Nerven liegen mittlerweile bei allen ziemlich blank. Nach etwa drei Stunden Weitergehen finden wir einen gut befestigten Weg – ein willkommener Wechsel nach Tagen im Dschungel. Am frühen Abend sehen wir unten im Tal, etwa drei Meilen entfernt, eine kleine mittelreichische Festung. Rauch steigt auf, Fahnen wehen, also wird sie offenbar bewohnt. Ich schätze etwa fünfzig Mann Besatzung, vielleicht mehr. Und in der Festung – eine Statue.
Raidri Konchobar, wie wir gleich erfahren werden . Der Schwertkönig. Ich kenne ihn persönlich, aus den Orkkriegen. Ein Mann, dessen Ruf selbst auf Maraskan eine Statue verdient. Reto, Gom und ich beschließen hinunterzugehen – aus Perspektive des Mittelreichs sind wir wohl die integersten der Gruppe.
Die Kommandantin empfängt uns in der Offiziersmesse. Als ich meinen Rang nenne und erwähne, dass ich den Schwertkönig persönlich kenne, verändert sich ihre Haltung merklich. Hier ist man stolz auf Konchobar – und wer ihn kennt, wird mit Respekt behandelt. Was sie uns erzählt, ist aufschlussreich.
Das 4. Banner war vor etwa sechs Monaten hier. Unter Kommando von Ralerau und blieben nur für eine Nacht. Sie reisten weiter – und einige Zeit nach ihrer Abreise kehrte eine einzige Drachengardistin erschöpft zurück. Sie redete von einer Verschwörung. Gemäß der Militärrichtlinien wurde sie hingerichtet. Ich sage nichts. Ich kenne die Regeln – Desertieren und aufrührerisches Reden haben ihren Preis, das ist das Fundament jeder Armee. Aber diese Frau hatte Recht. Sie hat die Wahrheit gesagt und ist dafür gestorben. Das ist schwer zu schlucken, auch wenn ich so etwas nicht zu ersten Mal erlebe. Reto und ich geben der Kommandantin zu verstehen, dass die Hinrichtung vermutlich nicht gerechtfertigt war – dass hier tatsächlich eine Verschwörung im Gange ist. Sie hört zu, aber ich sehe in ihrem Gesicht die Schwere dessen, was das bedeutet.
Weiter erzählt sie: Wiedbrück war hier und er selbst hatte sechs Finger. Borbarad ist oder besser war zu diesem Zeitpunkt Wiedbück. Er, also Borbarad interessierte sich für den Süd-Osten der Insel. Das passt zum Friedhof der Seeschlangen und dem Unheiligtum. Vor einem Jahr wurde auf Befehl von Fürst Herdin die Besatzung auf etwa hundert Soldaten erhöht, der Zusammenhang hierzu zeigt sich mir allerdings nicht.
Wir haben alles, was wir brauchen und verabschieden uns. Die Kommandantin ist etwas verwirrt – warum wir nicht bleiben, warum wir weiterziehen müssen – aber Reto und ich sind von hohem Rang und unsere Entscheidung wird nicht in Frage gestellt.
Später finden wir einen Rastplatz. Reto betrachtet das Endurium – und erfährt, dass es nicht dämonisch verunreinigt ist. Eine gute Nachricht. Wir verbringen eine ruhige Nacht.
Wir brechen am nächsten Morgen auf, am Rande des Gebirges direkt nach Süden. Drei Tage vergehen, die nicht der Erwähnung wert sind – Dschungel, Hitze, Marsch. Dann – Minobe und Persephone riechen etwas. Sie schleichen sich ran und hören Flügel schlagen. Ein halbes Dutzend buntfedrige Raubvögel sitzen auf einem Haufen, fressen an etwas. Ich gehe vor, mit Schwert denn man weiß ja nie hier auf Maraskan.
Und trete auf den Brustkorb einer halb verwesten Leiche. Ich halte inne und Schaue mich um. Die Vögel sind plötzlich kein Problem mehr, denn ich erblicke Tote – überall. Etwa fünfzig Leichen und alle waren Soldaten der Drachengarde. Die meisten sind im Schlaf gestorben, als hätte der Tod sie einfach mitgenommen, ohne Kampf, ohne Warnung. Ich stehe mitten unter ihnen und versuche, die Fassung zu bewahren.
Das sind keine Verräter oder irgendwelche Paktierer. Das sind Männer und Frauen, die ihre Pflicht getan haben – die Befehlen gefolgt sind, weil man das tut, weil das die Grundlage jedes Heeres ist. Und Borbarad hat sie einfach ausgelöscht, weil sie vermutlich langsam die Situation begriffen haben. Ralerau hat sie hierhergeführt und beide haben Blut an den Händen – Borbarads dämonisches, Raleraus menschliches, kaltes. Das macht Ralerau fast schlimmer.
Dann entdecken wir eine Leiche, die noch halb an einem Klapptisch sitzt. Ein Tintenfass daneben und eine Ledermappe. Es ist ein Tagebuch.

Dienstbuch des 4. Banners des Kaiserlichen Elitegarderegiments Drachengarde, z. Zt. im besonderen Auftrag des Praiotin von Rallerau. Hauptmann Felrik Albenhuser.
Minobe liest und wir hören zu.
Der siebzehnte Peraine: Von Ralleraus Leute haben einen Rebellen gefangen. Von den Uialkim. Er wollte nicht reden, bis der Sonderbeauftragte ihn zum Verhör abseits exekutieren ließ. "Bei Praios, meine Mädels und Jungs hätten ihn gleich zu Boron geschickt, aber von Rallerau ließ ihn nach einem Verhör abseits exekutieren."
Der achtzehnte Peraine: Die Mine wurde erreicht. Das 3. Banner ist angespannt. "Die Gerüchte von Verrat scheinen die Runde zu machen, von Rakelsborn ist zurecht verärgert über den Umgang mit seiner Truppe."
Der zwanzigste Peraine: Das 4. Banner bricht auf – nicht nach Tuzak, sondern nach Dinoda an der Ostküste. "Die Bergbauspezialisten bleiben hier, wenn das 3. auch unruhig ist. Arme Schweine. Sollen das Verräter sein?"
Und dann der Zweiundzwanzigste: Nicht Dinoda. Richtung Süden durch die Berge. "Der Rallerau redet immer nur von Geheimbefehlen. Vermute, dass wir an die Küste zur Baronie Perlenmeer müssen."
Und der Achtundzwanzigste: "Verdammt, es geht nicht nach Dinoda. Vermute, dass wir an die Küste zur Baronie Perlenmeer müssen, um von dort auf ein Schiff Richtung Tuzak oder gleich Richtung Heimat zu kommen. Das wäre doch was."
Minobe klappt das Buch zu.
Hauptmann Felrik Albenhuser. Er hat es nicht nach Hause geschafft. Keiner von ihnen hat es nach Hause geschafft. Ich schaue auf die Leichen um mich herum und denke an Hagens Geist. "Rächt unseren Tod."
Auch diese Männer und Frauen haben es verdient.
Schuld und Sühne
(Anm. d. Red: Ähnlichkeiten mit Werken der Weltliteratur sind zufällig, unbeabsichtigt und dem Verfasser nachweislich unbekannt)
Wir stehen noch immer zwischen den Toten der Drachengarde, und je länger wir suchen, desto weniger finden wir. Keine Wunde, kein Blut, keine Spur eines Kampfes — fünfzig Männer und Frauen, die aussehen, als hätten sie sich schlafen gelegt und schlicht vergessen, wieder aufzuwachen. Zwischen ihnen liegen ein paar kleine Tierskelette, und selbst die geben keine Antwort. Um überhaupt abschließen zu können, erklären wir uns ihren Tod mit einer Vergiftung. Wir wissen aber, dass dies keiner fundierten Untersuchung standhalten würde. Vom Endurium keine Spur. Kein Lasttier, keine Soldkasse. Borbarad hat sich skrupellos einer Last entledigt und mitgenommen, was ihm nützlich war. Albenhuser und seine Leute wollten nach Hause. Stattdessen liegt er hier, und sein letzter Satz wurde nie zu Ende geschrieben.
Wir überlegen, sie zu verbrennen, doch am Ende versehen wir sie mit einem Grabsegen. Es ist wenig, gemessen an dem, was ihnen zusteht. Aber es ist das, was wir geben können, und ich spreche im Stillen zu Praios: dass er ein Auge auf sie haben möge — und dass er mir die Kraft gebe, Hagens Auftrag zu Ende zu bringen.
Der Weg nach Süden hat seine eigene Art, uns wissen zu lassen, dass wir erwartet werden. Aus dem Gebüsch treten Gestalten von menschlicher Form, die Arme erhoben, und weisen uns stumm die Richtung, ehe sie wieder im Grün verschwinden. Ich habe in meinem Leben viele Wegzeichen gesehen — gemeißelte Steine, geritzte Bäume, die Knochen weniger glücklicher Vorgänger. Wegweiser, die einen ansehen, sind eine Neuerung, auf die ich gern verzichtet hätte. Wir folgen ihnen dennoch. Wir wären ohnehin gekommen.
Das Land wird feuchter, Morast und Tümpel wechseln sich ab, und die Stiefel geben Geräusche von sich, die kein anständiges Leder machen sollte. Dann öffnet sich der Blick: der Friedhof der Seeschlangen. Ich hätte ihn lieber vergessen, denn mein erster Besuch hier deutlich weniger bedrohlich war, so hinterließ er leider keinen schönen Eindruck. Vor uns ragt eine Landzunge ins Meer, an ihrem Ende eine Pyramide, alt und fremd. Jenseits der Bucht, der Landzunge gegenüber, wieder Land und eine Höhle. Und draußen auf dem Wasser, vielleicht tausend Schritt entfernt, liegt ein schwarzes Schiff mit gerefften Segeln vor Anker. Es wartet. Auf was, werden wir vermutlich früh genug erfahren.
Wir beschließen, den Einbruch der Nacht abzuwarten. Schon jetzt erkennen wir, wie immer wieder zwei, drei Gestalten aus der Pyramide treten und wieder darin verschwinden. Dort drinnen ist Betrieb. Und ich habe das sichere Gefühl, dass die Spur der Drachengarde genau dort endet.
Tselda verteilt einen Glückssegen an uns alle, während die Dunkelheit heraufzieht. Ich lasse es geschehen und sage nichts dazu, aber diesen Zeilen gestehe ich an, was ich meiner Schwester nie sagen würde: Es hat etwas Tröstliches. Phex und Praios mögen sich in ihren Tempeln nicht sonderlich grün sein, aber hier draußen, vor einem Unheiligtum am Ende der Welt, nimmt man den Segen, den die Familie zu vergeben hat.

Da die Landzunge vermutlich mit Fallen gespickt ist, klettern wir an der Klippe zwischen dem Ende der Felsen und dem Anfang der Mangroven entlang, und ich gehe voran. Minobe wirkt unterdessen ihren Oculus Astralis; sie schiebt die Augenklappe beiseite, und ihr rotes Auge beginnt zu flackern — ein Anblick, an den ich mich gewöhnt habe, ohne ihn je gemütlich zu finden. Draußen auf dem Meer erkennt sie einen Wasserstrudel. Und schlimmer: eine Verbindung zwischen dem Strudel und der Pyramide.
Reto weiß, wie stets, wenn es um verdorbenes Wasser geht, mehr, als einem lieb sein kann. Charyptoroth, sagt er. Erzdämonin des verpesteten Wassers, Widersacherin seines Herrn Efferd, Herrscherin über die Domäne Gal'k'zuul. Ihre Aspekte sind tödliche Fluten, Meeresungeheuer und faulende Wasserpflanzen, und sie erscheint meist in Gestalt einer gewaltigen Seeschlange. Ich blicke auf die Pyramide am Friedhof der Seeschlangen, und mir wird klar, dass sich hier gerade sehr viele Dinge sehr folgerichtig zusammenfügen. Es sind selten die guten Dinge, die das tun.
Die Pyramide selbst ist uralt, echsischen Ursprungs, auf einer Seite abgesackt und von großen, runden Beschädigungen gezeichnet. Minobes Exposami zeigt uns dahinter, dreißig, vierzig Schritt auf der Landzunge, zwei menschliche Gestalten, die unter einem fremden Einfluss zu stehen scheinen.
Wir teilen uns auf: Persephone, Tselda, Gom und ich schleichen uns heran, Minobe und Reto sichern den Eingang der Pyramide, Rondario schleicht sich bis zur halben Strecke mit. Eine Rückversicherung dieser Art beruhigt, sollten die Dinge wider erwarten aus dem Ruder laufen. Ein Maraskaner und ein Novadi. Tselda und ich nehmen uns den einen, Gom und Persephone den anderen. Die Überraschung hätte auf unserer Seite sein sollen, aber den beiden gelang es tatsächlich auf unsere Angriffe zu reagieren. Ihre Schwerter gehen in schwarzen Flammen auf, und einer von ihnen erwischt mich, während des sehr kurzen Scharmützels. Kein harter Treffer, kaum der Rede wert, aber die kleine Wunde brennt, als hätte man mir flüssiges Pech unter die Haut gegossen. Ich beiße die Zähne zusammen und schlage weiter.
Zu viert strecken wir sie schließlich nieder, aber obgleich die beiden Wachen stark getroffen wurden, führte das zu keiner Zeit zu einem Rückgang ihrer Wehrhaftigkeit. Danach erweisen sich ihre Schwerter als gewöhnlich, doch beide tragen einen Siebenstern, ein dämonischen Symbol in Zhayad, wie Rondario weiß. Und dann spricht Persephone aus, was sie am toten Maraskaner erkannt hat: Der Mann gleicht dem vermissten Anführer der Ulyaikin. Ich stehe einen Moment still. Wenn das stimmt, dann nimmt sich Borbarads Gefolge nicht nur unsere Soldaten — es nimmt sich auch die Männer dieser Insel, und es gibt sie als leere Hüllen zurück, die für ihn kämpfen, bis man sie niederstreckt. Gnade ist es, was wir den beiden gegeben haben. Es fühlt sich nur nicht so an. Reto löscht das Brennen meiner Wunde schließlich mit geweihtem Wasser. Ich danke ihm mit einem Nicken. Manche Dienste bezahlt man nicht mit Worten.
Auf der Seite der Landzunge findet sich ein Eingang. Reto tritt als Geweihter Efferds über die Schwelle eines Unheiligtums, und man sieht ihm an, was ihn das kostet. Kaum sind wir drinnen, erlischt jegliche Beleuchtung von selbst, und Rondario zaubert uns allen einen Flim Flam in mäßiger Helligkeit. Diesmal immerhin ohne Affen. Der Gedanke an ihr Gezeter lässt mich sogar hier noch schmunzeln. Vielleicht eine der sehr wenigen guten Erinnerungen, die ich von dieser Reise mitnehmen werde.

In der Mitte der Pyramide liegt ein Wasserbecken, an dessen Kopf das steinerne Bildnis einer riesigen Wasserschlange thront. Aus ihrem Maul strömt schwarzes Wasser. Drei Achaz tauchen aus dem Becken auf, der vorderste zischt und klappert in unsere Richtung, und Tselda übersetzt, so wie sie es bereits vor dem Tempel im Gebirge vermochte: Er wolle wissen, wer wir sind und was wir hier wollen. Während sie noch spricht, kommen die drei langsam aus dem Wasser, und der Vorderste rückt Reto bedenklich nahe. Tseldas Einschätzung der Lage: „Ich glaube, wir sind aufgeflogen."
Wir ersparen uns und ihnen lange Erklärungen. Reto beginnt — sie parieren. Tselda folgt — sie parieren erneut. Dann trifft Rondario mit einem Orcanofaxius, und sein Gegner löst sich in feinen Sprühnebel auf. Minobes Fulminictus wirft den zweiten zurück ins Becken, der letzte geht nach kurzem Aufbegehren zu Boden.
Die folgende Durchsuchung der Pyramide fördert Bemerkenswertes zutage. Eine Schmiede — und darin ein Schmiedehammer, dessen Kopf aus schwarzem Metall gefertigt ist. In einer Gussform für Barren ein Metall, das wir mittlerweile zur Genüge kennen. Endurium. Hier wird es also nicht nur gesammelt, hier wird damit gearbeitet. Reto stellt Hammer und Barren sicher, dazu eine Dokumentenmappe mit einem gebundenen Buch: ein Werktagebuch, verfasst in zwergischer Schrift. Ein Zwerg, der in einem Unheiligtum der Charyptoroth schmiedet. Ich merke mir das. Wir werden ihn wiedersehen, fürchte ich.
Der nächste Raum empfängt uns mit einem Gestank, der einem die Tränen in die Augen treibt, und einem röchelnden Stöhnen. Auf einer Lagerstatt liegt ein ausgezehrter Mensch, dessen Haut sich in großen Fetzen löst; darunter kommt ledriges, eitriges Fleisch zum Vorschein. Die Duglumspest. Dämonenfäule. Sieben Wochen, sieben Stadien, in der fünften die grausame Gnade scheinbarer Genesung, am Ende Asche. Es gibt keinen Heiler und keinen Tempel, der diesem Mann noch helfen könnte, und wir alle wissen es. Wir beschließen, ihn zu erlösen. Ich hole die Armbrust einer der ausgeschalteten Wachen von draußen und tue, was getan werden muss. Ich schreibe es so nüchtern nieder, wie ich es getan habe, denn anders lässt es sich nicht tun. Praios möge zwischen Gnade und Tötung zu unterscheiden wissen.
Weitere Räume: abgelegte Rüstungsteile, Truhen ohne Belang, dann ein Besprechungsraum mit Tisch, sechs Stühlen und zwei Truhen. Persephone versucht sich mit Phexens geliehenem Glück an der kleinen — ein schwarzer Dorn schießt hervor, das Schloss ist Attrappe. Tselda scheitert an der großen, woraufhin Gom das Problem auf seine Art löst und das Schloss mit roher Gewalt bricht: diverse Beutel mit dubiosem Inhalt. Die kleine Truhe gibt keinen Öffnungsmechanismus preis, also schlage ich mit dem Schwert zu. Eine kleine Explosion zerreißt sie, und die Schriften darin gehen in Flammen auf. Alles zerstört — bis auf den Siegelring eines KGIA-Agenten. Ich drehe ihn lange zwischen den Fingern. Ralerau, korrumpiert und benutzt von Borbarad.
Danach gelangen wir in einen Raum, in dessen Mitte sich das Abbild einer weiblichen Achaz, Kopf und Unterleib zu einer Seeschlange geformt, und dahinter, zwischen den in die Wand gearbeiteten Armen eines Neunkraken, eine Öffnung. Von jenseits dringt menschlicher Singsang zu uns. Jeder, der lange genug Krieg geführt hat, kennt diesen Klang: Was dort gesungen wird, wird nicht zu unserem Vergnügen aufgeführt.
Reto verlässt noch einmal die Pyramide und ruft seinen Talisman. Aus dem Nebel über dem Wasser formt sich das Efferdhorn, ein gewaltiges Muschelhorn. Es tut gut zu sehen, dass in diesem Sumpf aus schwarzem Wasser und Dämonenwerk auch unser Gott des Meeres noch ein Wort mitzureden gedenkt.
Durch die Öffnung führt ein Tunnel in eine natürliche Höhle. Aus dem Wasser ragen knöcherne Bögen, an jedem eine Gestalt in grau-blauer Kutte. In der Mitte des Bogens, etwas, was wie ein schwebendes Zepter aussieht. Das gestohlende Siegel. An einem Sphärentor stehen ein Zwerg und ein Thorwaler. Ein zweites Tor gibt den Blick frei auf etwas, das ich nur die Hölle nennen kann und es würde mich nicht im Geringsten Wundern, wenn es auch genau das ist. Über das Wasser bewegen sich Dämonenbäume, hölzerne Missgeburten aus Spinne und Krebs, und ich spüre, wie sich mein Nacken versteift — alles, was auch nur entfernt nach Spinne aussieht, hat bei mir seit dem ich denken kann ein für alle Mal verspielt. Da hat auch die Vernichtung der Brazurgha nichts daran geändert.

Und in der Höhle, zwischen all den Kutten und Bögen, weit mehr Menschen, als uns lieb sein kann. Einige der Gesichter kennen wir, viele nicht, aber alle tragen Schuld. Schuld, die nach Sühne lechzt.
Mut gegen Chaos
Was nun folgt, ist schwer in Worte zu fassen. Nicht, weil die Erinnerung mich im Stich ließe — das Gegenteil ist wahr. Die Anstrengungen, die uns beinahe bis zur Besinnungslosigkeit trieben, haben die Bilder nicht verwischt, sondern eingebrannt, so klar und unbarmherzig, wie ich es selten erlebt habe.
Der Eingang des Tunnels liegt so, dass niemand in der Höhle ihn einsehen kann — die einzige Gnade, die dieser Ort zu vergeben hat, und wir nutzen sie für eine Beratung im Verborgenen. Währenddessen dringt unablässig der Singsang zu uns herüber, und darunter, tiefer als jeder Gesang, liegt ein Grollen, das man weniger hört als in den Knochen trägt.
Von unserem Versteck aus fügt sich das Bild zusammen, Stück für Stück, und jedes Stück ist schlechter als das vorherige. Der gesamte Ritualbereich steht knietief in Wasser, das tiefschwarz ist und vollkommen still — und doch liegt ein Zittern darin, ein andauerndes Beben wie von einem Erdstoß, der nicht enden will. Um den Mittelpunkt stehen sieben Bögen aus Seeschlangenknochen, zwischen ihnen schwebt das Zepter — das gestohlene Siegel —, und darum wiegen sich die Kultisten in ihrer Trance sacht nach links und rechts, wie Tang in einer Strömung, die nur sie spüren. Auf der Plattform rechts unter uns ein offenes Portal in die Domäne des Angramoth, daneben ein Zwerg, ein Thorwaler — und Laranja Schwarzklinge. Die schwarze Hexe, deren Seelentier die Brazurgha war. Links von uns auf einem weiteren Plateau müht sich Brabaker, der Magier aus dem Gebirge, an einem zweiten, noch geschlossenen Portal ab. Eine Magierin, die mit geschlossenen Augen und ausgebreiteten Armen das Ritual leitet: Aldiani Thargot, dritter Kreis der Verdammnis der Charyptoroth, steht oder besser windet sich etwas außerhalb des Seeschlagengebildes. Der schwarze Achaz — Tscho On Tak — überwacht das Ganze, doch sein Blick gilt vor allem den drei Baumdämonen: viergehörnte, hölzerne Missgeburten, die auf dem Wasser stehen, als wäre es Stein. Sie bewegen sich kaum, knarzen und brummen nur. Alle drei tragen jeweils ein schwarzes Schwert auf dem Rücken. Ritualgegenstände für die Öffnung der Sphärentore vermutlich.
Der Kriegsrat, der nun folgt, ist ein chaotisches Flüstern, und ich schreibe ihn nieder, wie er war — nicht, wie er hätte sein sollen. Minobe will zuerst die Hexe und Brabaker ausschalten und ringt vehement um Gehör; niemand ist dagegen, aber zuerst wäre der falsche Zeitpunkt. Ich suche derweil das strategisch entscheidende Ziel dieser Höhle, und alles führt zum Zepter: Ich schlage vor, Minobe fliegt hin und entreißt es schlicht — worauf ein Schweigen entsteht, in dem jeder dieselbe Frage denkt und keiner sie beantworten kann: Was geschieht dann? Reto will Efferds Horn erklingen lassen, muss dafür aber nah an den Mittelpunkt. Rondario wirft ein, dass er sich zu Brabaker teleportieren könnte, was Minobe sofort aufgreift — wobei man Rondario ansieht, dass er die Rechnung im Kopf durchgeht, was passiert, wenn der Magier den ersten Schlag überlebt. Persephone will ungesehen nach unten, um das Überraschungsmoment zu wahren; Tselda stimmt ihr innerlich zu, glaubt aber nicht recht daran, das sehe ich ihr an. Und Gom — Gom sagt die ganze Zeit kein Wort, sondern wechselt die Waffen durch, wiegt sie in den Händen, legt sie zurück, nimmt die nächste. Es hat etwas Beruhigendes, ihm dabei zuzusehen. Mindestens einer von uns bereitet sich auf das vor, was tatsächlich kommen wird.
Am Ende ist es Tselda, die den Knoten durchschlägt: Wir sollten einfach nach unten gehen — wir brauchen nur eine Ablenkung. Alle sehen sie einen Moment an, und in jedem Gesicht steht dieselbe Mischung aus Zustimmung und der Frage, wie um alles in der Welt das geschehen soll. Die Antwort setzt sich aus allem zusammen, was zuvor geflüstert wurde: Vier von uns — Gom, Persephone, Reto und ich — stürmen auf den nächsten Dämon zu. Rondario teleportiert sich hinter Brabaker. Minobe fliegt zum Zepter. Und Reto wird auf halbem Weg die Richtung ändern, zum Mittelpunkt hin, das Horn schon in der Hand.
Dann legen wir los — und im selben Herzschlag läuft eine Schockwelle durch die Höhle, und Reto sieht, für den Bruchteil eines Lidschlags, ein Auge sich öffnen, groß wie ein Scheunentor. Was wir hier sehen ist furchteinflößend, was Reto gesehen hat, geht weit, sehr weit darüber hinaus. Was dann geschieht, geschieht gleichzeitig, und ich kann es nur so niederschreiben, wie es sich in meine Erinnerung gelegt hat: als eine einzige Bewegung, deren Faden Minobes Flug ist.
Wir erreichen den Dämon, und das Ungeheuer, das eben noch träge wirkte, ist von einem Atemzug auf den nächsten vollständig kampfbereit — Tscho On Tak bemerkt es, und sein Missfallen ist selbst auf die Entfernung zu erkennen. Der Baum schlägt fünffach zu, wuchtig genug, um Mauern zu erschüttern, und unsere Treffer beeindrucken ihn ungefähr so sehr wie Regen eine Eiche. Persephone wird hart getroffen und gepackt; Gom schlägt sie frei, ohne auch nur das Tempo zu wechseln. Tselda gelingt es, auf den Rücken des Dämons zu klettern — sie greift nach dem schwarzen Schwert, und ich sehe ihr Gesicht sich vor Schmerz verzerren, als sie es packt und sich herunterrollt. Dann birst mein Schild unter einem Hieb, Goms gleich mit, und über uns allen zieht Minobe ihre Bahn — im Auge des Dämons spiegelt sie sich fliegend, und daneben ich selbst, das Schwert zum Schlag erhoben, ein Bild, das sich mir eingebrannt hat wie in Glas geätzt.
Rondario erscheint hinter Brabaker, und sein Zauber trifft den Magier mit solcher Gewalt, dass er auf der Stelle tot ist — der Körper stürzt mit einem kopfgroßen Loch in der Brust in den Ritualbereich, direkt vor die Füße der Magierin, deren Augen aufreißen. Und durch eben dieses Loch hindurch sieht Rondario, wie am anderen Ende der Höhle Minobe das Zepter erbeutet: kopfüber am Besen hängend, eine Hand im schwarzen Wasser, akrobatisch, als wäre dies eine Vorführung und kein Todeskampf. Er zieht nur eine Augenbraue hoch. Manche Dinge kommentiert selbst Rondario nicht.
Denn dazwischen liegt Retos Werk: Er hat den Mittelpunkt erreicht und bläst ins Efferdhorn. Grünliches Licht blitzt auf und rollt als Schockwelle über den gesamten Ritualbereich — das Zepter stürzt ins Wasser, die Kultisten krümmen sich, drei fallen, die Magierin hält sich schreiend den Schädel, und selbst Tscho On Tak taumelt für Augenblicke in Verwirrung. Reto spielt weiter, mit einer Hand am Horn, während die andere einen Kultisten abwehrt — und spürt nur einen Windhauch, als Minobe an ihm vorbeischießt und das Siegel aus den schwarzen Fluten zieht. Der Achaz beschwört Tentakel gegen sie; sie weicht ihnen aus, als hätte sie deren Flugbahn vorab studiert, und wirkt im Vorbeiflug einen Fulminictus auf die bereits schwer getroffene Magierin. Deren Kopf birst. Rondario, vollgespritzt, blickt verärgert auf: Ob sie ihn nicht hätte vorwarnen können — und die gehe im Übrigen trotzdem auf sein Konto.
So stehen wir nun: das Zepter in Minobes Hand, Brabaker und Thargot tot, die Kultisten am Boden. Doch der Dämon vor uns ist ungebrochen, Laranja Schwarzklinge setzt sich in Bewegung, der Thorwaler mit ihr — und Tscho On Tak hat sich gefangen. Sein Blick sucht nicht uns.
Er sucht Minobe.
Zorn
Von links kommt Ralerau, der Verräter, ein Richtschwert in den Händen, rot durchglüht wie Adern aus Lava. Beim offenen Portal steht regungslos Perilax, Sohn des Porolosch, in runenverzierter Lederrüstung; das Portal atmet Hitze, die Luft flimmert, und alles in seiner Nähe wird langsam hineingesogen, als nage die Hölle an unserer Welt. Auf Reto rückt Tenga zu, der Thorwaler, den brennenden Hammer in den Fäusten.
Was folgt, zerfällt mir in der Erinnerung in einzelne Bilder. Ich schreibe sie nieder, wie sie sich eingebrannt haben — nicht als Schlacht, sondern als das, was eine Schlacht in Wahrheit ist: viele einsame Kämpfe, die zufällig denselben Ausgang teilen.
Das erste Bild gehört meiner Schwester, und es ist das stillste von allen. Nach dem Hieb, der meinen Schild zertrümmert, drehe ich mich um — und für einen Moment verschwindet der Lärm der Höhle, als hätte jemand die Welt angehalten. Tselda. Das schwarze Schwert in den Händen, das sie dem Dämon vom Rücken riss. Es bringt sie um. Sie knickt ein, grau im Gesicht, näher der Ohnmacht als dem Stand. Ich denke nicht. Larza'Lariel fährt in die Scheide, ich fasse ihren Arm und entreiße ihr die Klinge — und im selben Augenblick weiß ich, was sie getragen hat: Das Schwert wehrt sich, beißt in die Hand wie glühendes Eisen, stemmt sich gegen jede Bewegung wie ein lebendes, böswilliges Ding. Und mit dem Schmerz kommen die Bilder, ungerufen, schneller als ein Lidschlag: Pardona. Meine Faust um einen Schwertgriff, kraftvoll und stolz. Ein Saal voller Leichen. Ich selbst, blutüberströmt. — Dann sind sie fort, und ich stehe wieder in der Höhle, die Klinge in der Hand, und weiß, was ich halte. Manche Schulden lassen sich nicht begleichen, nur erinnern. Tselda sackt zusammen und sieht mich dabei an, sieht den Schmerz durch mich zucken. Wir sagen nichts. Wir haben uns nie viel gesagt, meine Schwester und ich, und die Hälfte davon war Streit. Aber in diesem einen Blick liegt alles, was zwischen uns nie ausgesprochen wurde, und ich weiß, dass sie es weiß. Dann fasse ich fester und hole aus. Der Schlag verpufft — die Klinge will nicht gegen ihresgleichen. Ich werfe das Biest auf einen Vorsprung und ziehe Larza'Lariel, die sich nicht ein einziges Mal gewehrt hat. Erst nach dem Kampf wird mir auffallen, dass meine Hand noch Stunden später zittert. Ich schreibe das nicht auf, weil es wichtig wäre. Ich schreibe es auf, weil es stimmt. Später, als sie sich gesammelt hat, sehe ich, wie Tselda wortlos ihren Umhang über die Klinge wirft — meine Schwester denkt praktisch, selbst wenn sie kaum stehen kann. Bei der Flucht nehme ich das Bündel an mich. Irgendjemand muss es tragen, und ich habe seinen Biss bereits kennengelernt; er wird mich kein zweites Mal überraschen.
Rondario dagegen — Rondario hat einen Lauf, und man sieht es ihm an. Ralerau holt zu seinem ersten Schlag aus und weiter kommt er nicht: Rondarios Zauber trifft ihn so vernichtend, dass der Verräter mit erhobenem Schwert innehält, einen Herzschlag lang wie sein eigenes Denkmal stillsteht — und dann birst sein Körper von der Brust her. So endet der Mann, der Hagens Soldaten als Köder auslegte: zwischen zwei Atemzügen, gefällt von einem Magier, dem er besser nicht begegnet wäre. Hagen — das war für dich und die Deinen. Und Rondario? Wendet sich bereits ab, fräst dem Dämon ein Stück aus dem Leib, weicht einem Knochen aus, den die Hexe von oben nach ihm wirft — der ins Wasser fällt, wieder herausschießt, die Richtung ändert und ihn jagt wie ein lebendes Geschoss —, blinzelt sich fort, zaubert Licht, macht Laranja Schwarzklinge sichtbar, weicht abermals aus und trifft sie, dass sie irgendwo hinten in der Höhle abstürzt. Zwischen all dem erhasche ich sein Gesicht, und ich schwöre bei Praios: Der Mann hat Freude daran. Es gibt Tage, an denen Rondario ein zerstreuter Koch ist, der gelegentlich zaubert. Heute ist er das, was Magier in den Liedern sind, und er genießt jede Strophe.
Reto führt seinen eigenen Krieg, und der folgt einem einfachen, furchterregenden Gesetz: Auf jeden Treffer, den er einsteckt, folgt eine härtere Antwort. Sein Horn zwingt den Dämon zum Dampfen und Zurückweichen — das erste Zurückweichen, das wir dem Ding abringen. Ein Akolyt zwingt ihn, das Horn abzusetzen; sein Efferdbart sinkt dafür in den Dämon ein wie eine scharfe Klinge in blankes Fleisch. Ein meisterlicher Treffer, der einen Ochsen gefällt hätte — Reto kämpft weiter. Ein Wassertentakel Tscho On Taks — er weicht aus und entwaffnet nebenbei den Thorwaler. Der schlägt mit bloßer Faust nach, und als ich mich dazwischenwerfe und den Hieb abfange, sprühen Funken von meiner Klinge: Die Haut des Mannes ist dabei, zu Stein zu werden. Ich habe an diesem Tag viel gesehen. Die Unerbittlichkeit dieses Geweihten gehört zu dem, was bleibt.
Und dann Persephone. Ausgerechnet Persephone, die Zierlichste von uns, bei der man immer meint, ein starker Windstoß trüge sie davon. Ein Akolyt patzt, seine Waffe fällt ins Wasser — und was dann aus ihr herausbricht, ist keine Kampfkunst mehr. Sie ist laut, sie ist wütend, die Akolyten zucken vor ihr zurück, und sie tötet brutaler als wir alle: beide Dolche über Kreuz in den Hals, auseinandergerissen, und der Kopf folgt der Waffe ins Wasser. Sie steht im spritzenden Blut, und es scheint ihr zu gefallen. Wir anderen halten für einen Augenblick inne, ungläubig — selbst Gom wirft einen Blick herüber. Die Kopfgeldjägerin trägt offenbar Kammern in sich, die sie uns noch nie geöffnet hat. Ich beschließe, sie mir zum Freund zu erhalten.
Über alldem fliegt Minobe, als gehorchte die Luft ihr persönlich — sie umrundet die Wasserwand, die der Achaz nach dem Tod der Magierin als Schild beschworen hat, versucht einen Akolyten mit dem Zepter zu erwischen, und als der ausweicht, trifft sie die klügste Entscheidung dieses Kampfes: Sie bringt das Siegel zu Gom. Ihre Zauber fällen später auch den steinhäutigen Tenga. Aber das Zepter — das Zepter gibt sie in die richtigen Hände.
Denn Gom war die ganze Zeit da. Das ist das Merkwürdige an ihm: Man sieht ihn nie im Mittelpunkt, und doch ist er in jedem Bild — im Hintergrund, nichts und niemanden achtend, viermal getroffen, viermal parierend, ohne eine Miene zu verziehen. Nicht stur. Gesammelt. Wie einer, der das Ende des Kampfes längst kennt und nur noch hingeht, um es abzuholen. Und dann holt er es ab: das Siegel in den Fäusten, ein einziger Schlag — und die Wucht ist so gewaltig, dass eine Druckwelle durchs Wasser läuft und uns alle einen Schritt nach vorn schiebt. Der Dämon zerbirst. Gom sieht nicht einmal hin. Er wendet sich bereits dem Thorwaler zu.
Und dann, als der Sieg zum Greifen ist, beginnt die Höhle zu beben. Erst schwer, dann stärker; draußen schiebt sich etwas vor die Sonne, das groß genug ist, sie zu verdunkeln. Zwei Tentakel tasten sich durch den Eingang, befühlen die Höhle wie Finger eine Wunde. Tscho On Tak taucht hinten auf, deutet auf uns — zwei weitere Tentakel schießen herein und finden uns nicht mehr; wir sind bereits im Rückzug. Da reißt das Ding draußen in blanker Wut nicht nur die Höhle ein — es nimmt alles. Die Pyramide, das Unheiligtum, die gesamte Landzunge: Was Jahrhunderte im Dienst der Charyptoroth stand, verschwindet in Minuten, als hätte es nie existiert. Wo wir gestern noch an Klippen entlangkletterten, ist jetzt nur noch ein Loch — bodenlos, schwarz, und das Meer stürzt hinein, ohne es je zu füllen. Ich habe Zerstörung gesehen, mein Leben lang. Aber ich habe noch nie gesehen, dass ein Ort aufhört zu sein.
Ich habe das Auge nicht vergessen, das Reto sah. Ich habe die neun Arme nicht vergessen, durch die wir diesen Ort betraten, in Stein gehauen von Händen, die wussten, wem sie dienten. Der Stein war kein Schmuck. Er war ein Portrait.
Draußen sehen wir das schwarze Schiff, und zwei Dämonen klettern an Bord. Mit dem Siegel in den Händen, denken wir sofort an die Aufgabe der Echsen. Reto deutet auf das Kästchen mit der Libelle, um die Echsen herbeizurufen. Das verfluchte Schwert? Das müssen wir schnell wegschaffen. Wir werden nach Tuzak gehen und es der Boron Kirche übergeben. Alles klingt so hoffnungsvoll, warum fühlt es sich trotzdem nicht wie ein Sieg an?
Das Schiff setzt Segel.
Gezeichnet
Ich habe auf dieser Insel gelernt, dem Schlechten zu misstrauen. In den vergangenen Tagen musste ich lernen, dem Guten zu misstrauen — und bin gescheitert. Aber der Reihe nach.
Wir stehen noch an der Landzunge, oder an dem, was von ihr übrig ist. Unter dem Wasser, wo gestern noch Stein war, erahnt man die dunkle Sphäre — ein Schatten unter den Wellen, der dort nicht hingehört und doch bleiben wird. Gom hält das Zepter. Die Frage liegt in der Luft: Rufen wir die Echsen hier, an diesem Ort? Niemand will das, und niemand muss es aussprechen. Gen Westen brechen wir zum Fuße des Amdeggyn-Massivs auf, finden ein Lager und kommen zum ersten Mal seit der Höhle wirklich zur Ruhe. Wunden werden versorgt — Persephone flickt sich mit einer Gründlichkeit zusammen, die man ihr nach dem Blutrausch in der Höhle kaum zugetraut hätte —, und dann erst bedienen wir uns der Libelle.
Sie kommen zu dritt: ein Priester und zwei Fährtensucher. Der Priester begrüßt uns mit einem ruhigen Kopfnicken und seiner geschlossenen Klaue auf der Brust. Er zischelt — Tselda übersetzt, er freue sich, uns zu sehen — und dann legt er sechs Edelsteine vor uns nieder, drei blaue, drei rote. Tselda weiß nicht, was sie bedeuten. Wir wissen es ebensowenig. Der Priester weiß es umso genauer: Als Reto nach einem blauen greift, deutet der Achaz nur auf Minobe, und Reto reicht ihn weiter. So verteilt er die Steine, Stück für Stück, nach einer Ordnung, die nur er sieht — Rondario erhält blau und rot, Minobe blau, Reto und ich rot. Erst auf Tseldas Nachfrage erklärt er: Die Steine werden heilen und kräftigen. Der Priester hatte uns lediglich angesehen — und wusste bei jedem von uns, was fehlt. Ich habe Feldschere gekannt, die nach einer Stunde Untersuchung weniger wussten.
Dann bittet er, das Zepter sehen zu dürfen. Gom sagt nichts, hält es ihm nur mit gesenktem Kopf hin — und der Priester berührt es nicht. Es stehe ihm nicht zu, antwortet er auf unsere verwunderte Frage. Er sei nicht würdig genug. Ein Wesen, das Wunden mit einem Blick liest, hält sich für unwürdig, einen Gegenstand zu berühren, den Gom seit Stunden als Waffe führt. Aber: Ich habe gelernt, die Echsen besser nicht weiter zu hinterfragen.
Es wird Zeit, sagt er, dass es nach Eltach gebracht wird, zurück zum Wächter. Und dann: Bitte berichtet, wie Ihr es in Euren Besitz gebracht habt.
Und so kommt es, dass ich an einem Lagerfeuer im Gebirge von Maraskan drei Echsen aus diesem Tagebuch vortrage. Ich hätte frei erzählen können, aber die Wahrheit ist: Die Niederschrift ist genauer als mein Gedächtnis, und die Achaz haben Genauigkeit verdient. Also lese ich — vom Kriegsrat, von Minobes Flug, vom Horn, vom Zorn. Rondario sitzt dabei wie ein Mann im Theater, der das Stück geschrieben hat: Bei der Stelle mit Ralerau lehnt er sich zurück und genießt seinen Lauf ein zweites Mal, und man sieht ihm an, dass er auf das anerkennende Raunen der Echsen wartet. Es kommt nicht. Die Achaz zeigen keine Regung — kein Staunen, kein Schaudern, nichts. Was sie zeigen, als ich ende, ist etwas anderes, und es wiegt mehr: echte Dankbarkeit. Bei unserer ersten Begegnung waren wir Menschen für sie bestenfalls geduldet. Jetzt sehen sie uns an wie Hilfe, die man ernst nimmt. Ich glaube, wir sind in den Augen dieses alten Volkes gerade von Störenfrieden zu so etwas wie Verbündeten geworden, und ich gestehe: Es bedeutet mir etwas.
Die Achaz bieten an, uns nach Eltach zu begleiten, und nach einem Ritual, für das der Priester vor jeden Einzelnen von uns tritt und mit Blicken um Erlaubnis bittet, ihn berühren zu dürfen — jeder einzeln, mit einer Höflichkeit, die mich nach allem Verrat dieser Insel mehr bewegt als jede Waffentat —, laufen wir los.
Und dann geschieht das, wovon ich eingangs schrieb: Maraskan wird freundlich. Wurzeln weichen vor unseren Füßen, Blätter streifen uns nur, statt zu schneiden. Äste, viel zu dünn, um einen Mann zu tragen, tragen uns doch, und die Mulden, in denen wir nächtigen, passen sich an wie ein gutes Bett. Selbst die Insekten bleiben fern. Ich sehe die anderen tief durchatmen, sehe zum ersten Mal seit Wochen Lachen in den Gesichtern — und ertappe mich dabei, wie ich dem Frieden misstraue wie einem Hinterhalt. Drei Tage lang warte ich darauf, dass der Dschungel seine Maske fallen lässt. Er tut es nicht. Am Ende gebe ich auf und atme einfach mit. Vielleicht ist das die eigentliche Lektion dieser Insel: dass sie beides ist, und man nie weiß, welches Gesicht sie einem zeigt.
Nach drei Tagen erreichen wir eine Lichtung: eine zerstörte Zikkurat, Gesteinsbrocken, zersplitterte Bäume — und tote Gardisten. Gom und ich nehmen uns je einen Schild; die Toten brauchen sie nicht mehr, und wir haben unsere in der Höhle gelassen. Die Achaz ziehen sich zurück, der Priester deutet auf den Boden: Wir sollen uns setzen.

Dann hören wir Schritte — Krallen auf Stein. Aus einer Öffnung tritt ein aufrecht gehendes Krokodil in feingeflochtener Drahtrüstung, zwei Krummsäbel am Gurt, dann ein zweites; Marus, sie beziehen Stellung. Und dann tritt er heraus: Levia Thurak, fast drei Schritt hoch, und eindrucksvoll ist ein zu kleines Wort. Er mustert uns, und in unseren Köpfen entsteht eine Bildersprache, eine Trance legt sich über uns wie eine Decke —
— und was dann geschieht, kann ich nur beschreiben, nicht erklären. Goms Geist wird aus seinem Körper gerissen. Er steht da, erstarrt, das Zepter noch in den Händen, und der Wächter ihm gegenüber, ebenso reglos. Wir anderen können uns nicht rühren. Wir sehen nichts von dem Kampf, der stattfindet — aber wir wissen, dass er stattfindet, und das ist schlimmer. Wir sehen es an dem, was die Körper verraten: Auf der Panzerhaut des Wächters öffnen sich Wunden, eine nach der anderen, aus dem Nichts. Goms Nase beginnt zu bluten. Zwei reglose Gestalten im Sonnenlicht einer Lichtung, und irgendwo, in einer Welt, zu der wir keinen Zutritt haben, schlagen sie einander. Ich bin mein Leben lang Krieger gewesen. Ich habe neben Männern gestanden, für die ich gestorben wäre, und sie fallen sehen. Aber ich habe noch nie hilflos daneben gestanden, während ein Bruder kämpft, unfähig, auch nur zu sehen, wogegen.
Es dauert beinahe endlos. Dann sackt der Wächter zusammen.
Gom erwacht, blinzelt, sieht sich um — und dann sieht er an sich hinunter, prüfend, als erwarte er, etwas anderes zu finden als sich selbst. Später erzählt er es uns: In der Vision, einer uralten Arena, die er aus seinen Träumen kannte, wuchsen ihm Schuppen an den Armen, wurden seine Nägel zu Klauen, und er wuchs im Kampf, während der Wächter — noch gezeichnet von den Wunden des Siegelraubs, vermuten wir — Schlag um Schlag verfehlte. Gom hatte keine Angst. Er hat nie Angst. In unseren Köpfen, ein letztes Flüstern: Der Ehre ist Genüge getan. Goms Schild — eben erst von den toten Gardisten genommen — zerfällt in Stücke. Der Wächter war scheinbar nicht so wirkungslos, wie vermutet. Ich reiche Gom meinen. Ich könnte nicht sagen, warum, und noch weniger, was ich damit sagen wollte — es gibt keine Worte für das, was er geleistet hat, jedenfalls keine, die nicht zu klein klängen. Aber ein Krieger, dessen Schild zerbrochen ist, bekommt einen neuen, und zwar den besten, der da ist. Das versteht er. Er nickt nur und nimmt ihn. Ich suche mir einen anderen von den Toten. Es kommt mir richtig vor, dass der seine der bessere ist.
Als wir uns umsehen, sind alle Echsen verschwunden, und das Zepter mit ihnen. Kein Abschied, kein Dank, keine Erklärung, was diese Prüfung sollte und warum ausgerechnet Gom. Vielleicht gibt es Antworten, die man sich verdienen muss. Vielleicht war die Prüfung selbst die Antwort. Gom jedenfalls trägt etwas davon: Er riecht die Welt jetzt anders, sagt er, schärfer, tiefer. Ich denke an Minobes Auge und an Retos Geistertiere und schreibe den Gedanken nicht zu Ende.
Wir nächtigen in der Zikkurat, Tselda hält Wache, und am Morgen brechen wir nach Tuzak auf. Die Reise rafft sich in der Erinnerung: Soldatentrupps, denen wir ausweichen — man sucht uns noch immer —, Wege abseits der Straßen, und über allem noch der Rest des Priesterzaubers, der uns den Dschungel zum Verbündeten macht. Wir erreichen Tuzak unbeschadet.
Und in der Stadt, zwischen tausend Gerüchen aus Hafen, Garküchen und Menschen, hebt Gom den Kopf. Metall, sagt er. Kein Blut — er ist sich sicher.
Endurium.
Lautes Schweigen

Tuzak. Ich kenne diese Stadt — ihr Gewirr aus turmartigen Bauten, die sich über schmale Gassen hinweg mit Brücken die Hände reichen, das Durcheinander aus Farben, Stoffbahnen und Lampions. Das letzte Mal, dass ich durch diese Gassen ging, war zu Zeiten der großen Wettfahrt, Minobe, Gom und Rondario waren damals wie heute an meiner Seite. Es waren, bei allen Gefahren, unbeschwertere, hellere Tage. Das Tuzak, das uns diesmal empfängt, ist ein anderes. Maraskan ist ein anderes. Die Welt ist eine andere. Vor dem Hafen liegen garetische Schiffe vor Anker — nicht wenige —, und obwohl weiter Schiffe ein- und auslaufen, werden manche angehalten und durchsucht. Die Stadt atmet, aber sie atmet flach, wie einer, dem jemand die Hand auf die Kehle gelegt hat. Man muss kein Feldherr sein, um zu erkennen, dass Tuzak belagert ist, auch wenn keine Armee vor den Toren steht. Die Belagerung sitzt innen.
Wir beschließen, zuerst den Boron-Tempel aufzusuchen — wegen des Enduriums, und weil Reto über sein Zeichen bereits Kunde vorausgeschickt hat. Danach soll das Schwert in den Efferd-Tempel, dorthin, wo es niemand vermutet und niemand findet. Zwei Stunden brauchen wir, ehe wir uns außen um die halbe Stadt herum zum Tempel des Schweigsamen durchgeschlagen haben.
Gom übernimmt das Reden, was bei Gom heißt: Er redet nicht. Ein Blick, ein Kopfnicken, mehr braucht es zwischen ihm und dem Akolyten nicht, und man lässt uns ein. Ich habe schon Gesandte erlebt, die mit hundert Worten weniger erreichten als Gom mit keinem. Man führt uns in einen Besprechungsraum tief im Keller, und als Minobe zu berichten beginnt, springt Tselda geschickt ein — ein rechtzeitiger Wink, dass gewisse Dinge in diesem Raum besser ungesagt bleiben: die Mine, und das Endurium, das wir darüber hinaus geborgen haben. Meine Schwester denkt in solchen Momenten schneller als wir alle, und ich gestehe ihr das inzwischen ohne Zähneknirschen zu.

Die Vorsteherin des Tempels ist eine Al'Anfanerin, Donna Fiorella, kahl geschoren, das Gesicht mit dunklen Ranken tätowiert, und sie trägt den gekrönten Raben ihres Gottes über der Brust, als sei er ihr eigenes Wappen. Ich habe in meinem Leben etliche Al'Anfaner getroffen, und sie haben alle dieselbe Art an sich: eine Selbstgewissheit, die keinen Zweifel an der eigenen Bedeutung kennt und wenig an der Bedeutung anderer. Sie ist da keine Ausnahme. Was sie uns über die Lage sagt, ist immerhin brauchbar: Seit Wiedbrück hier war, herrscht mehr Militär in der Stadt, mehr Durchsuchungen, selbst in Tempeln. Fürst Herdin sitzt im Weißen Palast und verlässt ihn so gut wie nie, aus Furcht vor Anschlägen. Sie sei aus Al'Anfa angewiesen, uns zu helfen, wo sie könne — und das, immerhin, tut sie.
Doch dann sagt sie etwas, das mir sauer aufstößt: Sie zweifle noch, ob Borbarad wahrhaftig zurückgekehrt sei. Ich muss an mich halten. Wir haben ein Unheiligtum ausgehoben, einen Diener der Charyptoroth erschlagen, gesehen, wie eine ganze Landzunge aufhörte zu sein — und diese Frau, sicher im Keller ihres Tempels, gestattet sich den Luxus des Zweifels. Ich sage nichts. Es steht mir nicht zu, einer Geweihten ins Wort zu fallen, und wir brauchen ihre Hilfe. Aber es kränkt mich, offen gestanden, in einem Punkt, den sie gar nicht sieht: Wir haben mit unserem Blut bezeugt, was sie in Zweifel zieht. Immerhin räumt sie ein, dass das elfte Zeitalter sich dem Ende neige und wir mittendrin steckten. Ein halbes Zugeständnis. Bei Al'Anfanern nimmt man, was man kriegt.
Wir teilen die Aufgaben. Minobe will mit Tseldas Hilfe die Assassinen aufsuchen — sie hat von Endijian einen Kontakt in Tuzak erhalten —, um mehr über die Verstrickungen des garetischen Militärs zu erfahren. Reto wird auf seine eigene, unheimliche Weise vorgehen: Er kann seinen Geist in sein Zeichen versenken, ähnlich wie Minobe es mit ihrer Spinne tut, und damit den Weißen Palast auskundschaften, ohne einen Fuß hineinzusetzen. Und der Rest von uns bringt, als Boron-Akolyten verkleidet, das Schwert zum Efferd-Tempel.
Es ist diese letzte Aufgabe, die mich beschäftigt, und nicht wegen der Wachen.
Wir tragen das Schwert in einem Sarg, noch immer in die boron-geweihten Leichentücher gewickelt, und die Verkleidung tut ihren Dienst — bis uns eine Wache anhält und in den Sarg späht. Sie mustert das Bündel, dann Gom. Und in diesem Augenblick geschieht etwas mit Gom, das ich nicht recht deuten kann. Ich stehe nah genug, um es zu sehen: eine Regung in seinem Gesicht, kalt und fremd, als empfände er für diese Wache eine tiefe Verachtung — nicht Vorsicht, nicht Feindschaft, sondern Verachtung für ihre Schwäche, so wie ein Raubtier auf ein lahmendes Beutetier blickt. Es ist nur ein Wimpernschlag, dann lässt man uns passieren. Aber ich habe es gesehen.
Je näher wir dem Palast kommen, desto stärker wird es. Gom hält einmal inne, verzieht das Gesicht mit einem Blick zum Weißen Palast hinüber, und der Geruch, von dem er sprach — der metallische, den er für Endurium hält —, scheint ihm bis ins Mark zu gehen. Unser mitgeschickter Palast-Akolyt zittert vor Angst, dem ist die ganze Sache bis zur Ohnmacht unangenehm, und einige Leute auf der Straße beäugen ihn kopfschüttelnd. Ich behalte Gom im Auge. Seit dem Kampf gegen den Wächter, seit den Schuppen und dem geschärften Sinn, verändert sich etwas in ihm, tiefgreifend, sagt er selbst, ohne zu wissen, was. Ich weiß es auch nicht, und das ist es, was mich beunruhigt. Ein Krieger, dem man ansieht, was in ihm vorgeht, ist mir lieber als einer, bei dem selbst er es nicht weiß. Gom hat noch nie viel gesprochen — nun aber lastet sein Schweigen anders auf uns allen, schwerer, als könnte darin etwas heranwachsen, das keiner von uns benennen mag.
Der Efferd-Tempel nimmt das Schwert entgegen und verbirgt es an einem Ort, der mir gefällt: Akolyten tauchen in ein Becken mit geweihtem Wasser hinab, heben zwei Steinfliesen vom Grund und lassen das eingewickelte Schwert in das Versteck darunter, ehe sie die Fliesen wieder darüber sinken lassen. Wer es suchen will, muss erst durch das Wasser des Gottes, der Charyptoroth am tiefsten verhasst ist. Wenn dieses Biest von Klinge irgendwo sicher liegt, dann hier.
Was Minobe und Tselda erlebten, erfahre ich erst am Abend von ihnen, und es lässt mich weniger ruhig schlafen. Als Minobe sich dem Palast näherte, begann ihr Auge zu schmerzen und zu pulsieren, zu leuchten, dass Persephone und Tselda alle Mühe hatten, es vor den Blicken der Straße zu verbergen — Minobe nahm die Binde ab und zog die Kapuze tief, sodass von ihrem Gesicht nichts blieb als ein glühendes, pochendes Auge. Ihr Oculus Astralis zeigte ihr, was uns anderen verborgen ist: hinter den Palastmauern ein Leuchten, fast ein Glühen, und über der ganzen Anlage eine gewaltige, rot flammende Kuppel. Was auch immer im Weißen Palast sitzt, es ist mächtig, und es ist nicht gut.
Bei dem Kontakt — einem Eisenwarenhändler — erfuhren sie den Rest: Vor drei Monaten hat man sämtliche Maraskaner aus dem Palast entlassen und jede Stelle mit Mittelreichern besetzt. Herdin, selbst ein Maraskaner, ist zu einem paranoiden Gefangenen seiner eigenen Mauern geworden, und Wiedbrück steht als Sicherheitsberater an seiner Seite. Tselda hat noch nach Lageplänen des Palasts gefragt.
Ich lese das aus ihren Berichten heraus, was sie nicht ausgesprochen haben: Wir werden dort hineingehen müssen. Hinter diese rot glühenden Mauern, an denen selbst Minobes Auge zu zerspringen droht. Der Gedanke gefällt mir nicht. Aber er verlässt mich auch nicht mehr.
Strahlende Macht
Es gibt Tage, an denen ich mir wünsche, ein Feldherr zu sein, der über Karten gebeugt in Ruhe seinen Zug plant. Dieser Tag begann so — und endete anders, wie alles auf dieser Insel anders endet, als man es beginnt.
Im Boron-Tempel erreichen uns die Pläne der Weißen Residenz, und es sind nicht bloß grobe Lageskizzen, sondern genaue Risse des Fürstenpalasts selbst. Ich beuge mich lange darüber, denn Papier lügt seltener als Menschen, und ein Krieger, der die Mauern kennt, ehe er sie stürmt, hat den halben Kampf gewonnen. Reto schickt derweil seinen Geist in sein Seelentier und überfliegt die Anlage. Er kehrt mit zweierlei zurück: dem Bild der Residenz von oben — und einem Trupp Soldaten, der außerhalb von Nordost nach Südwest marschiert, zielstrebig, als habe er einen Auftrag, den wir nicht kennen.
Wir beraten. Es gibt Gerüchte über ein Tunnelsystem unter der Festung, und auf dem Gelände wird seit langem an einem Festungsturm gebaut — länger, als Borbarad überhaupt im Palast weilt, was mich stutzig macht. Fundament und Keller stehen, die Decke über dem Kellergeschoss ist eingezogen, das Erdgeschoss im Bau. Könnten wir als Handwerker verkleidet hineingelangen? Der Gedanke hat etwas für sich. Eine Baustelle ist ein offenes Tor, das sich für einen ehrlichen Kittel weiter öffnet als für ein gezücktes Schwert.
Was uns fehlt, ist das Entscheidende: Wir wissen noch immer nicht, was Borbarad eigentlich will. Drei Schwerter hat er aus dem Endurium schmieden lassen — für wen? Diese Frage lässt mich nicht los, seit ich das schwarze Metall in der Gussform der Pyramide sah. Drei Klingen, drei Hände, die sie führen sollen. Und Maraskan, diese zerrissene Insel, scheint ihm eine treffliche Ausgangsstellung zu sein — vielleicht plant er von hier aus den Griff nach dem Festland. Ich bin kein Mann für die großen Verschwörungen, ich schlage lieber zu, als zu grübeln. Aber selbst mir wird klar: Was diesen Mann treibt, ist keine gewöhnliche Machtgier. Es sind Allmachtsträume, und mit jedem Tag scheint er ihnen näherzukommen.
Wir sitzen noch über den Karten, als ein Akolyt die Treppe herabgestürzt kommt: Das müssten wir uns ansehen, schnell. Wir folgen ihm nach oben — und draußen zieht ein Zug von vierzig bewaffneten Maraskanern vorbei. Clan-Leute des Fürsten Herdin, dem Anschein nach, vermutlich Blutsverwandte, allesamt zur Burg hinauf unterwegs. Sollen sie den Palast schützen? Ein Fürst, der seine eigene Sippe unter Waffen zusammenzieht, ist entweder ein sehr vorsichtiger oder ein sehr verängstigter Mann. Nach allem, was wir wissen, ist Herdin das Zweite.
Ich schlage vor, noch zum Rur-und-Gror-Tempel zu gehen. Auf dem Weg dorthin liegt etwas in der Luft, das ich aus Feldlagern kenne, kurz bevor die Ordnung reißt: Die Menge ist aufgebracht, und was wir im Vorübergehen aufschnappen, erklärt es. Fürst Herdin hat den Hafen abgeriegelt und eine Nachrichtensperre verhängt. Nichts treibt ein Volk schneller zur Unruhe als die Ahnung, dass man ihm etwas verschweigt.
Der Rur-und-Gror-Tempel empfängt uns freundlich, mit dem Lob der Schönheit und all den heiteren Worten, die diesem Kult eigen sind — ein seltsam leichter Ton, während die Stadt draußen zu gären beginnt. Ich frage geradeheraus, was hier vorgehe. Der Geweihte bestätigt, was wir schon ahnten: Herdin habe die Seestraße blockiert, und man sage, der neue Sicherheitsberater habe großen Einfluss auf den Fürsten. Persephone fragt, ob dieser Berater zufällig ein Herr von Wiedbrück sei. Der Geweihte nickt. So heißt er. Minobe erkundigt sich nach einer Audienz beim Fürsten — der nächste Audienztag, erfahren wir, ist seit zwei Wochen überfällig. Ein Herrscher, der kein Gehör mehr gibt, hat aufgehört zu herrschen; er verschanzt sich nur noch.
Kaum ist das gesagt, kracht es draußen. Geschrei, Rufe, das Trappeln vieler Füße — Menschen laufen am Tempel vorbei, südwärts. Weiter unten in der Stadt sind Straßenkämpfe ausgebrochen, und Soldaten strömen bereits dorthin. So schnell also. Ich habe es kommen sehen und kann es doch nicht aufhalten.
Wir gehen den Kämpfen entgegen, statt von ihnen fort — es liegt wohl in unserer Natur. Was wir finden, ist ein Durcheinander, wie es entsteht, wenn Furcht und Zorn sich mischen: Gardisten mit Schlagstöcken, die mit roher Gewalt Ordnung erzwingen wollen, Menschen, die man gefangen wegführt, übel zugerichtet. Es ist kein Kampf, es ist eine Niederschlagung, und ich habe zu oft gesehen, wohin so etwas führt, um noch daran zu glauben, dass Schlagstöcke je Ruhe schaffen. Sie schaffen nur Aufschub — und Hass.
Und dann läuft wieder eine Welle durch die Menge, diesmal aus einer anderen Richtung. Etwas geht im Hafen vor. Wir folgen der Unruhe an ihre Quelle — und was ich dort sehe, lässt mich für einen Augenblick alles andere vergessen.
Ein Schiff läuft ein. Nur eines, und ich kenne es, drei von uns kennen es: die Seeadler von Beilunk, das Flaggschiff der Mittelreich-Flotte. Das letzte Mal, dass ich ihm begegnete, war zu Zeiten der großen Wettfahrt — damals jagte es uns, und es gelang uns mit Mühe und Glück, ihm ein Segel in Brand zu setzen und es abzuhängen. Ich erinnere mich an das Triumphgefühl, als seine Silhouette hinter uns kleiner wurde. Nun läuft es ungehindert in den Hafen von Tuzak ein, unversehrt, und mir ist, als schlösse sich ein Kreis, den ich beinahe vergessen hatte. Ein einziges Schiff — aber man schätzt seine Besatzung auf fünfhundert Mann. Es braucht keine Flotte, wenn ein Rumpf eine halbe Armee trägt.
An Bord erkenne ich, was ein Krieger als Erstes zählt: schwer gerüstete Männer, viele davon, und an ihrer Tracht die Sonnenlegion. Dazu ein knappes Dutzend schwarz gewandeter Gestalten — die Boron-Kirche aus Al'Anfa, jener Stadt, die dem Reich schon lange mehr Rivale als Freund ist. Und an der Spitze, in Rot, eine Gestalt mit einer Tiara. Ich kann sie aus dieser Entfernung nicht mit Gewissheit ausmachen, aber die Ahnung legt sich mir auf die Brust, und diesmal ist es keine Ahnung von Unheil: Es könnte Ucurian Yago sein, der oberste Bannstrahler.
Ich habe mit diesem Mann meine Erfahrungen, und keine, die ich als warm bezeichnen würde. Zu Beginn all dessen hätte er uns lieber auf dem Scheiterhaufen gesehen als an seiner Seite — getreu all dem, was man über die Bannstrahler kennt. Doch das hat sich gewandelt. Nach Arras de Mott hat er uns anders begegnet, kühl zwar noch immer, aber nicht mehr feindselig — und, was mehr wiegt als jede Höflichkeit, er hat mit eigenem Mund eingeräumt, dass Borbarad zurückgekehrt ist. Ein Mann wie Yago sagt so etwas nicht leichthin. Wenn ausgerechnet der oberste Bannstrahler des Reiches mit einem Schiff voller Sonnenlegionäre in diesen belagerten Hafen einläuft, dann glaube ich keinen Herzschlag lang, dass er im Dienste des Feindes kommt. Yago und Borbarad unter einer Decke — eher fröre Agrimoths Reich zu Eis.
Nein. Wenn er hier ist, dann als Gegner dessen, was im Weißen Palast sitzt. Und das heißt: Wir sind nicht mehr allein.
Es sollte mich erleichtern. Und ein Teil von mir ist es auch. Doch ein anderer, der zu viele Feldzüge gesehen hat, weiß: Wenn ein Mann wie Yago fünfhundert Klingen über das Meer schickt, dann nicht, weil eine kleine Sache zu regeln ist. Es bedeutet, dass die Entscheidung naht.
Was zum Henker also geht hier vor — und was kommt als Nächstes?
Sehenden Auges
Es sind die kleinen Verstöße, die mir am meisten sagen. Ein Schiff wie die Seeadler von Beilunk läuft nicht unbemerkt in einen Hafen ein — man sieht es von den Türmen des Weißen Palasts meilenweit, und das Protokoll gebietet, dass ein Fürst dem Flaggschiff des Reiches ein Empfangskomitee entgegenschickt. Es geschieht nichts. Kein Bote, kein Gruß, keine Fahne. Für manche mag das eine Nachlässigkeit sein. Für mich ist es die letzte Bestätigung: Was auch immer im Palast auf dem Thron sitzt, es hält sich nicht mehr an die Ordnung der Menschen, weil es kein Mensch mehr ist — oder nie einer war. Herdin ist entweder Borbarads Werkzeug, gelenkt durch Wiedbrücks sechsfingrige Hand, oder er ist Borbarad selbst. Der ausbleibende Gruß hat es mir verraten, deutlicher als jeder Spähbericht.
Die Seeadler wird von zwei kleineren Schiffen begleitet, und unter ihnen erkenne ich die Perlbeißer wieder, die uns einst nach Tuzak trug — ein vertrautes Gesicht in einer Stunde, in der ich jedes vertraute Gesicht zu schätzen weiß. Von Bord kommen die Gerüsteten, die Weißen und die Schwarzen, und als die Delegation sich ordnet, sehe ich, wen das Reich geschickt hat, und es lässt mich für einen Moment tief durchatmen: Ucurian Jago, den obersten Bannstrahler, und Amando Laconda da Vanya, den Großinquisitor der Praioskirche. Mit ihnen vierundsechzig Sonnenlegionäre, zehn Ritter des Ordens und ein Dutzend, das man mir als Spezialisten der KGIA vorstellt. Das Reich fährt nicht auf, um zu verhandeln. Es fährt auf, um zu entscheiden.


Man begrüßt uns nach Rang, wie es sich gehört — mich zuerst, dann Reto, Tselda, Gom, Rondario, Minobe, Persephone. Ich gestehe, dass mir die Ordnung dieser Geste wohltut, nach all dem Chaos dieser Insel. Jago und Amando sind mir beide gut bekannt, und keine der Begegnungen liegt mir als warme Erinnerung im Herzen. Doch die Zeiten, in denen der Bannstrahler uns lieber auf dem Scheiterhaufen gesehen hätte, sind vorüber. Heute stehen wir auf derselben Seite, und das allein ist ein Wunder, das ich Praios stillschweigend danke.
Auf dem Weg zum Praios-Tempel fällt uns endlich auf, was uns lange entgangen war, weil man das Selbstverständliche zuletzt bemerkt: Kein Tier kommt Persephone nahe. Katzen fliehen vor ihr, Hunde erstarren und mustern sie, ohne zu bellen, mit einem geraden, unheimlichen Blick. Und als ich zurückdenke, fügt es sich zusammen — im Dschungel hat uns kein Jaguar angefallen, nicht ein einziges Mal. Wir haben es dem Glück zugeschrieben. Nun frage ich mich, ob es Glück war. Persephone selbst ist so ratlos wie wir. Ich weiß nicht, was es bedeutet, und ich mag es noch nicht Zeichen nennen, wie Minobes Auge oder Retos Geistertiere eines sind. Aber ich habe gelernt, auf dieser Insel nichts mehr für Zufall zu halten.
Und dann ist da Gom. Der Metallgeruch, sagt er, werde schwächer, je weiter wir uns vom Palast entfernen — ganz fort ist er nie, seit dem Kampf gegen den Wächter. Aber es ist nicht der Geruch, der mich beunruhigt. Es ist der Blick, den ich zuweilen an ihm bemerke, wenn er die Menschen um sich betrachtet: eine kühle Verachtung, als sähe er auf Geschöpfe hinab, die ihm nicht das Wasser reichen. Ich vertraue Gom. Ich habe ihm den Rücken so oft anvertraut, dass ich es nicht zählen könnte, und ich glaube keinen Augenblick, dass er sich gegen uns wenden würde. Doch Stärke, die sich ihrer selbst zu gewiss wird, ist wie ein Schwert ohne Griff — man weiß nie, wo man es fassen soll, wenn es einmal fällt. Ich wünschte, ich wüsste, was da in ihm wächst. Und ich fürchte den Tag, an dem er es selbst nicht mehr in der Hand hat.
Im Tempel halten wir Kriegsrat. Wir berichten, was wir wissen — nicht alles; das Endurium und das Schwert bleiben unser Geheimnis. Die Praioten lehnen jeden Umweg ab; für sie gibt es nur die offene Konfrontation, und so läuft es auf den geradesten aller Pläne hinaus: den Sturm. Mir liegt das mehr, als ich zugeben sollte. Doch eines ist uns wichtig, und darauf bestehe ich: Diese Sache darf sich nicht gegen Maraskan richten, nur gegen das, was den Fürsten befallen hat. Minobe geht zum Rur-und-Gror-Tempel, um die Maraskaner zu unterrichten. Reto sendet seinen Geist in den Palast und verkündet durch sein Zeichen, dass nun Jago und Amando das Sagen führen und Herdin entmachtet ist. Beides bewirkt dasselbe: Um die Burg herum wird alles abgeriegelt.
Der Plan ist einfach, wie gute Pläne es sind. Rondario teleportiert sich heran, Minobe fliegt auf ihrem Besen — zeitgleich, jeder für sich —, und sie stecken ein Feld und das Gesindehaus in Brand, Lärm und Feuer, die den Blick binden sollen. Im selben Augenblick erklimmt Persephone mit den KGIA-Leuten die Mauer und öffnet die Tore. Tselda, Gom, Reto und ich führen den Hauptzug hindurch.
Es beginnt. Persephone erklimmt die Mauer und findet die Tore verschlossen — doch keines ist bewacht, und so öffnet sie ein Tor nach dem anderen, alle drei, ohne auf Widerstand zu stoßen. Kein Wächter, keine Menschenseele. Und da meldet sich zum ersten Mal jener Gedanke, der mich für den Rest dieser Nacht nicht mehr loslassen wird: Man lässt uns herein, weil man uns herein haben will. Ein Feldherr, der einen unbewachten Wall vorfindet, sollte nicht an Nachlässigkeit denken, sondern an eine offene Tür, hinter der jemand wartet.

Rondario und Minobe tun ihr Werk — sein Feuer, ihr Feld, beide lodern auf. Minobe wirkt einen Zauber, der ihr zeigt, was das bloße Auge nicht fasst: keine Menschen, aber dämonische Gegenwart, überall, ringsum, unsichtbar und doch da. Eine Wache spricht sie an, während sie auf dem Besen sitzt, und was aus deren Mund kommt, ist nicht die Sprache eines Wächters — sie nennt Minobe „Wurm" und „Dienerin" und trägt ihr auf, ihrem Herrn zu bestellen, dass er auf sie warte. Neben der Wache steht eine Adjutantin, vollkommen still, vollkommen gehorsam, und beide haben etwas an sich, das kein lebender Mensch haben sollte. Wer immer durch diese Kehlen spricht — er kennt uns, und er erwartet uns. Damit ist es gewiss: Wir stürmen keine Festung. Wir treten in einen Rachen, der offensteht, weil er sich auf uns freut.

Und dennoch gehen wir voran, denn was bleibt uns sonst — mit Amando und einem Dutzend Legionären. An einem Tor hält uns die Wache auf und spricht mit derselben fremden Ruhe: Wir Sieben seien willkommen, die Praioten nicht. Jago befiehlt, sie festzunehmen. Vier Legionäre treten vor, und was dann geschieht, geht schneller, als das Auge folgen kann: Die Wache tötet alle vier mit einer Geschwindigkeit, die nichts Menschliches mehr hat, ehe einer die Hand am Schwert hat. Im selben Lidschlag fällt die Tarnung — ringsum werden Dämonen sichtbar, die eben noch als Menschen unter uns standen, und stürzen sich auf die Praioten. Die Klingen der Bannstrahler und Legionäre beißen kaum in ihr Fleisch.
Wir stürmen in den Palast, Amando und ein Dutzend Legionäre bei uns. Über unseren Köpfen wälzt sich ein grünschwarzer Nebel, in dem immer wieder Fratzen auftauchen und vergehen, als sähe man in die Träume eines Wahnsinnigen. Von links und rechts brechen sie hervor — Clansleute des Fürsten und Drachengardisten, und ich kann in diesem ersten Augenblick nicht sagen, ob sie noch Menschen sind oder schon das, was aus Menschen wird, wenn Borbarad die Hand nach ihnen ausstreckt.
Ich schreibe dies in einer Atempause, die keine ist, das Schwert noch in der Faust. Der Palast hat uns verschluckt, wir sind mittendrin, und wir wussten, dass es eine Falle ist, als wir hineingingen. Manchmal gibt es keinen anderen Weg, als durch die offene Tür zu treten und dem, der dahinter wartet, ins Gesicht zu sehen. Was hier begonnen hat, endet nicht, ehe einer von uns am Boden liegt — Borbarad oder wir.

Pandämonium
Wenn ich könnte, würde ich diesen Kampf von oben zeigen, wie ein Falke ihn sähe, denn nur von dort ergibt das Durcheinander einen Sinn. In der Mitte der Halle steht Amando, reglos, die Hände zum Gebet gefaltet, und rührt sich den ganzen Kampf über nicht von der Stelle. Um ihn herum hat Reto den Boden geweiht, einen Ring von acht Schritt, und als die Tentakel aus der schwarzen Masse unter der Decke herabfahren, erreichen sie den geweihten Grund nicht. So steht der Großinquisitor im Auge des Sturms, und der Sturm dreht sich um ihn.
Aus beiden Fluren brechen sie herein, Drachengardisten und Clansleute, und aus dem Rauch zur Linken zwei Dämonenwölfe, ponygroß, ihr Fell aus schwarzen Metallschuppen wie geschichtete Klingen, die Augen glutrot. Rondario wirft eine Flammenwand in den linken Gang, aus dem sofort ein Geschrei dringt, das nicht mehr verstummt. Minobe versiegelt den rechten mit einem Fortifex — und die Wand fährt so unbarmherzig herab, dass sie abschneidet, was ihr im Weg steht: Schwertspitzen fallen zu Boden, Helmzier, ganze Büschel Haar, sauber getrennt, als hätte ein Barbier gewütet.
Von oben betrachtet fällt zweierlei auf. Zum einen Gom — er steht wie ein Fels, den das Wasser umspült, und um ihn herum ist ein Abstand, den keiner der Gegner freiwillig durchmisst. Wo Gom kämpft, weicht der Kampf zurück. Zum anderen Tselda, oder besser: das Fehlen von Tselda. Ich suche sie mit den Augen und verliere sie, immer wieder, als schöbe sich ein Schleier zwischen uns — bis sie plötzlich oben auf dem Segretario-Gang steht, einen Schutzsegen um sich, und ihre Messer aus dem Halbdunkel zwischen die Clansleute wirft. Phex hat seiner Geweihten beigebracht, dort zu sein, wo man sie nicht sucht.
Rondarios Zauber trifft einen Drachengardisten, und der Mann bleibt einfach stehen. Schwert und Schild sind fort, dazu beide Unterarme, weggerissen im selben Lidschlag, in dem der Orcanofaxius ihn erreicht. Er steht noch, begreift es noch nicht, und ist doch aus dem Kampf.
Persephone und ich haben uns den Hauptmann vorgenommen, und er ist es, der mir diese Nacht in Erinnerung bleiben wird. Ich habe schnelle Gegner gekämpft. Diesen habe ich nicht gekämpft — ich habe ihn erahnt. Er bewegt sich so rasch, dass er an mehreren Orten zugleich zu stehen scheint, ein Schemen hier, ein Schemen dort, und dazwischen sein Schwert. Dreimal fährt er auf mich ein, in einem Wimpernschlag dreimal, und einer der Schläge ist meisterlich geführt, von einer Hand, die ihr Handwerk versteht wie wenige. Ich weiß bis heute nicht, wie ich es getan habe. Die Zeit wird zäh, mein Blick klar, und ich pariere — den ersten, den zweiten, den meisterlichen dritten —, ohne zu denken, allein aus dem, was dreißig Jahre in die Arme geschrieben haben. Als es vorüber ist, steht er wieder, und ich lebe noch. Persephones Klinge findet seine Blöße, wo mein Schwert ihn band, und der Hauptmann blutet zum ersten Mal.
Dann bricht der Himmel auf. Ein Strahl gleißenden Lichts fährt durch die Decke herab, Praios' eigenes Feuer, aus Amandos Gebet geboren — und wo er den einen Dämonenwolf trifft, ist der Wolf nicht mehr, kein Kadaver, kein Rauch, nur die plötzliche Abwesenheit dessen, was eben noch stand. Doch das Licht kennt keine Freunde. Es löscht mit dem Dämon auch Rondarios Flammen und Minobes Fortifex, denn göttliches Licht duldet keine Magie neben sich, nicht einmal die eigene Seite. Für einen Herzschlag stehen alle Wege wieder offen. Dann lenkt Reto seine Windhose in den brennenden Gang, facht die Glut zu neuem Zorn, und Rondario setzt dem Hauptmann mit einem letzten Schlag ein Ende. Was von den Gardisten und Clansleuten übrig ist, zieht sich zurück. Wir haben die Halle gehalten.
Wir wollen zur Herrentreppe, hinauf ins obere Geschoss. Doch kaum betreten wir den Liliengang, verweigert der Palast uns den Weg. Der Gang zieht sich in die Länge, wo eben noch zwanzig Schritt waren, sind es nun vierzig; neue Wände wachsen, neue Paneele, neue Türen, und die Tür zur Treppe rückt fort, als flöhe sie vor uns. Der Teppich unter unseren Füßen bewegt sich, die Maserung der Wände kriecht, und aus beidem heben sich Fratzen, wölben sich Gesichter hervor und sinken zurück. Minobes Auge zeigt ihr, was ich nur ahne: Dieses Haus steht nicht mehr in einer Sphäre allein. Die Quelle liegt hinter dem Gang, in den Räumen dahinter.
Und hier, im kriechenden Halbdunkel, geschieht das, was mich mehr erschüttert als jeder Dämon. Gom hält inne. Er riecht das Blut — frisches Blut, sagt er, und in seinem Gesicht steht kein Ekel, sondern Verlangen. Er richtet sich auf, breiter, dunkler, und über seine Züge legt sich eine Verachtung für alles um ihn her, für uns, als stünde er über allem Lebenden. Ich sehe es von der Seite, im Weitergehen, und ich weiß nicht, was mein Gesicht in diesem Augenblick verrät — Staunen wohl, und darunter etwas Schwereres. Denn ein Gedanke fährt mir durch den Leib, kalt und klar: Sollte es je zum Äußersten kommen, sollte aus Gom ganz werden, was hier in ihm erwacht, dann müsste einer von uns ihn niederstrecken. Und ich weiß, dass ich es nicht überleben würde, es zu tun. Ich bete im Stillen, dass Gom den Zwölfen näher steht, als er es zeigt, Boron zumal, und dass diese Nähe ihn halten wird, wo meine Klinge es nie könnte.
Dann laufen die Wellen im Teppich zusammen. Hinter uns erheben sich Köpfe aus dem Grund, und vor uns türmt sich etwas auf, dreieinhalb Schritt hoch, in eine lange Kutte gehüllt, in der Rechten einen Säbel, in der Linken eine Peitsche, und aus dem Schädel ragt ein Horn.
Sowas habe ich schon gesehen. Der hier aber stellt alle anderen in den Schatten.


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