LEUENPRAIOS' Memento - Gnade und Pflicht
- Manuel Vogelsänger

- vor 4 Tagen
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Aktualisiert: vor 3 Stunden

Gnade und Pflicht
Es ist ein seltsames Gefühl, wieder in Greifenfurth zu sein. Heimat, hatte ich sie genannt, der Ort, an dem ich dem Herrn schon immer am nächsten war. Der Ort, an dem alles begann. Die grüne Brut, Tiere, ohne jede Moral und Anstand haben mir alle genommen, was ich einst hatte. Eben jene Heimat, meine Berufung, meine Aufgabe. Nun, bezüglich Letzter sieht der Herr offenbar weitere Verwendung für mich und spricht mir sein Vertrauen aus. Gezeigt, durch den Auftrag, den er mir durch seine Eminenz Ucurian Yago hat überbringen lassen.


Das Festmahl in der Casa Rondario war überraschend üppig. Magister Rondario – Held von Greifenfurth – hat alles organisiert. Das wäre früher niemals möglich gewesen. Doch die Zeiten ändern sich, und so auch die Menschen. Die Tafel war reich gedeckt, und ich muss eingestehen, dass die Gesellschaft ein behagliches Gefühl aussandte. Alte Bekannte offenkundig. Es herrschte eine Wärme, die sich seit meiner Flucht von der Burg Falkenstein vermissen ließ. Zu meiner Überraschung waren beide Falkenstein Kinder anwesend. Ob des Auftrags war ich mir bereits bewusst, dass Tselda anwesend sein musste. Tsapold, meine große Hoffnung und dennoch zugleich eine ebenso große Enttäuschung, war ebenfalls zugegen.
Als ich in die Gesellschaft trat, beendete Tselda offenbar gerade die Verkündung ihres Auftrags, den ich zu unterstützen beauftragt wurde. Seine Eminenz Ucurian Yago beauftrage sie, ein verfluchtes Buch nach Gareth bringen – „Die 13 Lobpreisungen des Namenlosen". Der Name allein erfüllt mich mit Unbehagen. Das ausgerechnet sie damit betraut wurde, sagt viel über die aktuelle Lage aus, will ich meinen.
Es war ein merkwürdiger Moment, als Rondario mich hereinführte. Ich hatte Tselda seit Jahren nicht gesehen. Sie ist erwachsen geworden, unabhängig. Das hätte mich freuen sollen. Und doch – es gibt da etwas an ihr, das ich nicht ganz einordnen kann. Eine Distanz, und eine Gleichgültigkeit, ja geradezu Aufmüpfigkeit, die früher nicht da war. Mein Leben hat sich seit dem Fall der Burg Falkenstein grundlegend verändert. Meine Aufgabe als Familiengeweihter und Lehrer ist obsolet geworden. Tsapold zog in die Welt hinaus wie ein junger Narr, und Tselda... nun, sie verschwand einfach. Die Orks überfielen uns während der Orkkriege, in jenen auch mein Schützling Philopraios, Tseldas und Tsapolds Vater, sein tragisches Ende gefunden hat. Die Familie, der ich diente, zerstreute sich wie Asche im Wind.
In der Unergründlichkeit des Herrn allein verbirgt sich der wahre Grund, warum gerade mir diese Gnade und Pflicht zugetragen wurde.
Später am Abend beschlossen wir die die Reise zu Pferde. Das Wetter war nicht günstig, doch wir konnten nicht warten. Ginda, Yako-Te, Benjulf, Khorim, Edgenion und ich sollten Tselda nach Gareth begleiten. Eine eher, sagen wir farbenfrohe Gruppe ergab sich als Begleitung für Tselda – in diesen Zeiten scheint jeder mit jedem unterwegs zu sein.

Am nächsten Morgen begegneten wir einem Händler namens Jost, genannt „Fässchen". Ein redsseliger Kerl, der Olivenöl transportierte. Er warnte uns vor der westlichen Route – dort würde „Orkabwehrgebühr" verlangt. Eine Geldschneiderei, wie er sagte. Nun, das Recht ist auf der Seite des Lichts, was sich zweifelsohne gezeigt hätte, hätten wir diesen Weg gewählt. Wir nahmen den anderen. Der Wald wurde immer dichter und dunkler. Plötzlich hörten wir den Schrei einer Frau.
Geschwind eilten wir zum Lärm und fanden eine schreckliche Szene vor: eine Kutsche, ein toter Kutscher, gefallene Soldaten. Räuber – finster und bewaffnet – versuchten, eine Frau aus dem Fahrzeug zu zerren. Dies konnte nicht geduldet werden. Ich ritt vor, konfrontierte die Räuber im Namen des Herrn mit der Frage, was hier vor sich gehe. Recht und Ordnung steht stets über Unrecht und Chaos und wird obsiegen. Dieses Gottlose Gesocks Antwortete mit einem Pfeil, der fast sein Ziel traf. Ich versuchte auszuweichen, fiel jedoch vom Pferd. Der Pfeil verfehlte, ich erlitt nur wenig Schaden. Gnade des Herrn.
Der Kampf war kurz. Wir besiegten die Räuber – alle außer einem, dieser floh feige ins

Dickicht. Das war bedauerlich, aber nicht zu ändern. Die Frau, die wir retteten, stellte sich als Celissa von Tannenfels vor. Sie war der Überzeugung, dass sie entführt werden sollte – der Grund dafür war ihr unbekannt. Sie bat uns, ihre Dienerschaft zu ihrer Burg zu bringen, die sich in der Nähe des Dörfchens Tannenwald befand. Wir willigten ein. Die Toten legten wir in die Kutsche. Es war wenig würdevoll doch unter den gegebenen Umständen notwendig. Für ein ordentliches Begräbnis an Ort und Stelle, fehlte es uns an so etwas profanem, wie einer Schaufel.
Das Dorf Tannenwald empfing uns mit besorgten Blicken. Die Dorfbewohner kamen uns entgegen und erkannten Celissa auf dem Kutschbock. Sie nahmen die Leichen an sich – keiner von ihnen konnte die Räuber identifizieren. Mit vereinten Kräften wurden alle beigesetzt. Khorim, ein Geweihter des Halbgottes Kor übernahm die Segnung der Leichen. Für einen Kurzen Moment, nahm ich wohlwollend zur Kenntnis, dass auch Tselda betend vor den Gräbern kniete. Vielleicht besteht noch Hoffnung sie.
Die Burg selbst liegt hinter einer hohen Mauer. Ein einzelner Zugangsweg – praktisch, doch auch isolierend. Das Wetter verschlechterte sich zusehends. In der Ferne hörte ich das erste Grollen eines Gewitters. Baron Tannenfels empfing uns mit großer Dankbarkeit. Der Lehrer Celissas, Yantur war ebenfalls zugegen. Der Baron lud uns in seine Burg ein – eine Geste der Gastfreundschaft, Travia zum Gruße. Wir wurden in das Gästezimmer geführt und erhielten ein Abendessen.

Es war ein seltsamer Tag. Von einem Festmahl zu einem Kampf, von Rettung zu Geheimnis. Die Räuber waren unbekannt – wer waren sie? Wem dienten sie? Und warum sollte Celissa von Tannenfels entführt werden? Ist all dies von Bedeutung, angesichts unseres höheren Auftrags im Dienste der Kirche?
Dank und Chaos
Das Abendessen war durchaus großzügig. Der Baron hatte uns reichlich bewirtet, und ich musste zugeben, dass die Speisen vorzüglich zubereitet waren – wenn auch die Räumlichkeiten, wie ich beobachtete, eher spartanisch wirken. Ein Haus, das schon lange keine Dame des Hauses mehr beherbergt. Auf meine unverblümte Frage hin, begann der Baron zu erzählen, dass seine Gemahling, die Mutter Celissas bereits vor Jahren starb und dass die Orkkriege ihre Spuren hinterlassen haben. Ein Mann, der die Verluste tragen muss, allein mit seiner Tochter. Der Herr stellt uns vor Prüfungen an denen wir nur wachsen können. Nahm mir Tselda - durchaus vorlaut und Respekt vermissend - bereits die angemessene Vorstellung, sprach ich das Tischgeben und segnete Praios' Gaben. An Tselda bemerkte ich etwas. Ein feines Verziehen der Lippen, eine Handbewegung, die beinahe... reflexartig wirkte. Es war kaum merklich, doch für einen, der die Rituale der Götter kennt, war es deutlich genug. Ist sie mehr als nur gläubig? Welcher Gott ihr Herz gehört, konnte ich nicht mit Sicherheit sagen – doch zumindest war sie nicht völlig gottlos. Das war ein schwacher Trost, mehr nicht.Dieses kleine verbale Scharmützel indes, welches sich etwas später zwischen uns ereignete, war zur Gänze unnötig. Gegeneinander zu Kämpfen ist eine Verschwendung, obgleich ich keinen Grund sag, dies jetzt auszusprechen. Es gab wichtigere Dinge zu klären – etwa die Sicherheit dieser Baronie und die Gründe für den Überfall auf das Kind des Hauses. Ganz zu schweigen von unserer heiligen Pflicht, dieses verfluchte Buch in Sicherheit zu bringen.
Ich hatte Fragen gestellt, die der Baron nicht zufriedenstellend beantworten konnte. Räuberbanden? Nein. Familienstreitigkeiten? Nein. Gold? Vielleicht. Doch irgendwas an dieser Geschichte erschien nicht sonderlich logisch. Irgendetwas lag verborgen. Dann kam Benjulf mit seinen Gaukeleien – ein Rauchschiff durch den Raum, ein kleiner Naturgeist aus seiner Tasche. Ein Spektakel, das in diesem würdevollen Haus fehl am Platze wirkte. Sollen die Kinder ihren Spaß haben, dachte ich mir. Nachden sich zuerst Yantur und dann auch der Baron zurückzogen und wir noch Zerstreuung in den Klängen von Celissas Harfe und Edgenions Stimme fanden, gingen auch wir zur Ruhe. Der hiesiger Gebetsraum erschien mir etwas zu bunt, barg er doch einen Schrein jedes der Zwölfe, doch es sollte genügen.
Die Nacht war kurz.
Ein Schrei riss mich aus meinen Gedanken. Dann ein zweiter. Ich war nicht überrascht, die anderen aus ihren Betten springen zu sehen. Ob der Dunkelheit gelang es uns nicht, etwas zu erkennen, also gingen wir hinunter. Im Burghof fanden wir Losiane Nattel. Aufgelöst. Jammernd. Sie hatte es mit eigenen Augen gesehen, sagte sie: Der Baron, im Schlafzimmer, würgend, tötend. Yantur lag leblos am Boden. Ich folgte den anderen zu dem Leichnam. Es war wahr. Yantur war tot, erstickt, ermordet. Jedem von uns erschien es bar jeder Motivation ausgerechnet Yantur zu töten. Zudem vom Baron herbeigeführt, geradezu absurd.

Und doch... etwas stimmte nicht. Der Baron war verschwunden. Einfach weg. Ein Mann, der eben noch seine Tochter liebevoll um sich hatte, ein Mann mit Burg und Besitztum – warum würde ein solcher Mann einen langjährigen Lehrer, Berater und Freund erdrosseln? Und dann fliehen wie ein Räuber in der Nacht? Dies ergab alles wenig Sinn und wir konnten zu jetziger Stunde wenig zuträglich sein. Celissa bat sich Ruhe aus, verständlich. Wir gingen wieder zu Bett. Der Südländer Yako-Te und die Zwergin waren offenbar zu aufgewühlt und hielten Wache, anstatt zu ruhen.
Nachdem nächsten Morgen versammelten wir uns in Celissas Arbeitszimmer. Sie war verzweifelt – ihr Vater verschwunden, ihr Lehrer ermordet, aber sie konnte in der Nacht nichts finden. Ich fand, sie war erstaunlich gefasst für diesen Umstand. Sie bat uns, ihr dabei zu helfen, dieses Sache aufzuklären und wir waren bereit zu helfen. Nicht des Geldes wegen jedenfalls ich nicht. 15 Dukaten waren durchaus keine Wenigkeit, aber die Wahrheit zu finden und Ordnung ins Chaos zu bringen ist Berufung.
Wir begannen unsere Fragen zu stellen. Zwanzig Personen leben in dieser Burg. Zwanzig mögliche Zeugen. Zwanzig mögliche Lügen. Zwanzig verschiedene Geschichten. Wir wollten das Zimmer des Barons und Yanturs Zimmer untersuchen und entschieden uns zuerst zu Yantur zugehen. Celissa begleitete uns, denn nur sie hatte den Schlüssel.
Doch dann – auf der Treppe – sah Benjulf eine Gestalt. Gekleidet wie der Baron. Die Gestalt bekerte uns und lief davon. Die Verfolgung begann. Ich blieb bei Celissa. Es war das Richtige, denn um mich waren die Beine aller jünger uns schneller. Zudem vermochte ich Celissa noch etwas moralischen Beistand zu leisten. Doch bald folgten auch wir, immer den Geräuschen nach, hinab in den Keller. Eine Öffnung im Boden. Eine Treppe in die Finsternis. Tselda sprang. Benjulf folgte ihr auf dem Fuße.
Ein Rumpeln. Ein Krachen. Die Decke stürzte ein. "Du kommst hier nicht durch." Tselda war abgeschnitten von uns, es gab kein Druchkommen für Benjulf. Es fiel mir Schwer, dies für einen Zufall zu halten, um ehrlich zu sein. Welche Hände sind hier im Spiel?


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