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LEUENPRAIOS' Memento - Mord auf Burg Tannenfels

Aktualisiert: 11. Feb.


Gnade und Pflicht

Es ist ein seltsames Gefühl, wieder in Greifenfurth zu sein. Heimat, hatte ich sie genannt, der Ort, an dem ich dem Herrn schon immer am nächsten war. Der Ort, an dem alles begann. Die grüne Brut, Tiere, ohne jede Moral und Anstand haben mir alle genommen, was ich einst hatte. Eben jene Heimat, meine Berufung, meine Aufgabe. Nun, bezüglich Letzter sieht der Herr offenbar weitere Verwendung für mich und spricht mir sein Vertrauen aus. Gezeigt, durch den Auftrag, den er mir durch seine Eminenz Ucurian Yago hat überbringen lassen.

vlnr.: Syrixia, Khorim, Minobe, Benjulf, Ginda, Gom, Baktash, Persephone, Edgenion, Rondario
vlnr.: Syrixia, Khorim, Minobe, Benjulf, Ginda, Gom, Baktash, Persephone, Edgenion, Rondario
vlnr. Atansio, Tselda, Tsapold, Rhayad, Yako-Te, Reto
vlnr. Atansio, Tselda, Tsapold, Rhayad, Yako-Te, Reto

Das Festmahl in der Casa Rondario war überraschend üppig. Magister Rondario – Held von Greifenfurth – hat alles organisiert. Das wäre früher niemals möglich gewesen. Doch die Zeiten ändern sich, und so auch die Menschen. Die Tafel war reich gedeckt, und ich muss eingestehen, dass die Gesellschaft ein behagliches Gefühl aussandte. Alte Bekannte offenkundig. Es herrschte eine Wärme, die sich seit meiner Flucht von der Burg Falkenstein vermissen ließ. Zu meiner Überraschung waren beide Falkenstein Kinder anwesend. Ob des Auftrags war ich mir bereits bewusst, dass Tselda anwesend sein musste. Tsapold, meine große Hoffnung und dennoch zugleich eine ebenso große Enttäuschung, war ebenfalls zugegen.


Als ich in die Gesellschaft trat, beendete Tselda offenbar gerade die Verkündung ihres Auftrags, den ich zu unterstützen beauftragt wurde. Seine Eminenz Ucurian Yago beauftrage sie, ein verfluchtes Buch nach Gareth bringen – „Die 13 Lobpreisungen des Namenlosen". Der Name allein erfüllt mich mit Unbehagen. Das ausgerechnet sie damit betraut wurde, sagt viel über die aktuelle Lage aus, will ich meinen.


Es war ein merkwürdiger Moment, als Rondario mich hereinführte. Ich hatte Tselda seit Jahren nicht gesehen. Sie ist erwachsen geworden, unabhängig. Das hätte mich freuen sollen. Und doch – es gibt da etwas an ihr, das ich nicht ganz einordnen kann. Eine Distanz, und eine Gleichgültigkeit, ja geradezu Aufmüpfigkeit, die früher nicht da war. Mein Leben hat sich seit dem Fall der Burg Falkenstein grundlegend verändert. Meine Aufgabe als Familiengeweihter und Lehrer ist obsolet geworden. Tsapold zog in die Welt hinaus wie ein junger Narr, und Tselda... nun, sie verschwand einfach. Die Orks überfielen uns während der Orkkriege, in jenen auch mein Schützling Philopraios, Tseldas und Tsapolds Vater, sein tragisches Ende gefunden hat. Die Familie, der ich diente, zerstreute sich wie Asche im Wind.


In der Unergründlichkeit des Herrn allein verbirgt sich der wahre Grund, warum gerade mir diese Gnade und Pflicht zugetragen wurde.


Später am Abend beschlossen wir die die Reise zu Pferde. Das Wetter war nicht günstig, doch wir konnten nicht warten. Ginda, Yako-Te, Benjulf, Khorim, Edgenion und ich sollten Tselda nach Gareth begleiten. Eine eher, sagen wir farbenfrohe Gruppe ergab sich als Begleitung für Tselda – in diesen Zeiten scheint jeder mit jedem unterwegs zu sein.



Am nächsten Morgen begegneten wir einem Händler namens Jost, genannt „Fässchen". Ein redsseliger Kerl, der Olivenöl transportierte. Er warnte uns vor der westlichen Route – dort würde „Orkabwehrgebühr" verlangt. Eine Geldschneiderei, wie er sagte. Nun, das Recht ist auf der Seite des Lichts, was sich zweifelsohne gezeigt hätte, hätten wir diesen Weg gewählt. Wir nahmen den anderen. Der Wald wurde immer dichter und dunkler. Plötzlich hörten wir den Schrei einer Frau.


Geschwind eilten wir zum Lärm und fanden eine schreckliche Szene vor: eine Kutsche, ein toter Kutscher, gefallene Soldaten. Räuber – finster und bewaffnet – versuchten, eine Frau aus dem Fahrzeug zu zerren. Dies konnte nicht geduldet werden. Ich ritt vor, konfrontierte die Räuber im Namen des Herrn mit der Frage, was hier vor sich gehe. Recht und Ordnung steht stets über Unrecht und Chaos und wird obsiegen. Dieses Gottlose Gesocks Antwortete mit einem Pfeil, der fast sein Ziel traf. Ich versuchte auszuweichen, fiel jedoch vom Pferd. Der Pfeil verfehlte, ich erlitt nur wenig Schaden. Gnade des Herrn.


Der Kampf war kurz. Wir besiegten die Räuber – alle außer einem, dieser floh feige ins

Dickicht. Das war bedauerlich, aber nicht zu ändern. Die Frau, die wir retteten, stellte sich als Celissa von Tannenfels vor. Sie war der Überzeugung, dass sie entführt werden sollte – der Grund dafür war ihr unbekannt. Sie bat uns, ihre Dienerschaft zu ihrer Burg zu bringen, die sich in der Nähe des Dörfchens Tannenwald befand. Wir willigten ein. Die Toten legten wir in die Kutsche. Es war wenig würdevoll doch unter den gegebenen Umständen notwendig. Für ein ordentliches Begräbnis an Ort und Stelle, fehlte es uns an so etwas profanem, wie einer Schaufel.


Das Dorf Tannenwald empfing uns mit besorgten Blicken. Die Dorfbewohner kamen uns entgegen und erkannten Celissa auf dem Kutschbock. Sie nahmen die Leichen an sich – keiner von ihnen konnte die Räuber identifizieren. Mit vereinten Kräften wurden alle beigesetzt. Khorim, ein Geweihter des Halbgottes Kor übernahm die Segnung der Leichen. Für einen Kurzen Moment, nahm ich wohlwollend zur Kenntnis, dass auch Tselda betend vor den Gräbern kniete. Vielleicht besteht noch Hoffnung sie.


Die Burg selbst liegt hinter einer hohen Mauer. Ein einzelner Zugangsweg – praktisch, doch auch isolierend. Das Wetter verschlechterte sich zusehends. In der Ferne hörte ich das erste Grollen eines Gewitters. Baron Tannenfels empfing uns mit großer Dankbarkeit. Der Lehrer Celissas, Yantur war ebenfalls zugegen. Der Baron lud uns in seine Burg ein – eine Geste der Gastfreundschaft, Travia zum Gruße. Wir wurden in das Gästezimmer geführt und erhielten ein Abendessen.


Baron Ulfried von Tannenfels
Baron Ulfried von Tannenfels

Es war ein seltsamer Tag. Von einem Festmahl zu einem Kampf, von Rettung zu Geheimnis. Die Räuber waren unbekannt – wer waren sie? Wem dienten sie? Und warum sollte Celissa von Tannenfels entführt werden? Ist all dies von Bedeutung, angesichts unseres höheren Auftrags im Dienste der Kirche?


Dank und Chaos

Das Abendessen war durchaus großzügig. Der Baron hatte uns reichlich bewirtet, und ich musste zugeben, dass die Speisen vorzüglich zubereitet waren – wenn auch die Räumlichkeiten, wie ich beobachtete, eher spartanisch wirken. Ein Haus, das schon lange keine Dame des Hauses mehr beherbergt. Auf meine unverblümte Frage hin, begann der Baron zu erzählen, dass seine Gemahling, die Mutter Celissas bereits vor Jahren starb und dass die Orkkriege ihre Spuren hinterlassen haben. Ein Mann, der die Verluste tragen muss, allein mit seiner Tochter. Der Herr stellt uns vor Prüfungen an denen wir nur wachsen können. Nahm mir Tselda - durchaus vorlaut und Respekt vermissend - bereits die angemessene Vorstellung, sprach ich das Tischgeben und segnete Praios' Gaben. An Tselda bemerkte ich etwas. Ein feines Verziehen der Lippen, eine Handbewegung, die beinahe... reflexartig wirkte. Es war kaum merklich, doch für einen, der die Rituale der Götter kennt, war es deutlich genug. Ist sie mehr als nur gläubig? Welcher Gott ihr Herz gehört, konnte ich nicht mit Sicherheit sagen – doch zumindest war sie nicht völlig gottlos. Das war ein schwacher Trost, mehr nicht.Dieses kleine verbale Scharmützel indes, welches sich etwas später zwischen uns ereignete, war zur Gänze unnötig. Gegeneinander zu Kämpfen ist eine Verschwendung, obgleich ich keinen Grund sag, dies jetzt auszusprechen. Es gab wichtigere Dinge zu klären – etwa die Sicherheit dieser Baronie und die Gründe für den Überfall auf das Kind des Hauses. Ganz zu schweigen von unserer heiligen Pflicht, dieses verfluchte Buch in Sicherheit zu bringen.


Ich hatte Fragen gestellt, die der Baron nicht zufriedenstellend beantworten konnte. Räuberbanden? Nein. Familienstreitigkeiten? Nein. Gold? Vielleicht. Doch irgendwas an dieser Geschichte erschien nicht sonderlich logisch. Irgendetwas lag verborgen. Dann kam Benjulf mit seinen Gaukeleien – ein Rauchschiff durch den Raum, ein kleiner Naturgeist aus seiner Tasche. Ein Spektakel, das in diesem würdevollen Haus fehl am Platze wirkte. Sollen die Kinder ihren Spaß haben, dachte ich mir. Nachden sich zuerst Yantur und dann auch der Baron zurückzogen und wir noch Zerstreuung in den Klängen von Celissas Harfe und Edgenions Stimme fanden, gingen auch wir zur Ruhe. Der hiesiger Gebetsraum erschien mir etwas zu bunt, barg er doch einen Schrein jedes der Zwölfe, doch es sollte genügen.


Die Nacht war kurz.


Ein Schrei riss mich aus meinen Gedanken. Dann ein zweiter. Ich war nicht überrascht, die anderen aus ihren Betten springen zu sehen. Ob der Dunkelheit gelang es uns nicht, etwas zu erkennen, also gingen wir hinunter. Im Burghof fanden wir Losiane Nattel. Aufgelöst. Jammernd. Sie hatte es mit eigenen Augen gesehen, sagte sie: Der Baron, im Schlafzimmer, würgend, tötend. Yantur lag leblos am Boden. Ich folgte den anderen zu dem Leichnam. Es war wahr. Yantur war tot, erstickt, ermordet. Jedem von uns erschien es bar jeder Motivation ausgerechnet Yantur zu töten. Zudem vom Baron herbeigeführt, geradezu absurd.


Starbucks Stock Foto: Loisane Nattel
Starbucks Stock Foto: Loisane Nattel

Und doch... etwas stimmte nicht. Der Baron war verschwunden. Einfach weg. Ein Mann, der eben noch seine Tochter liebevoll um sich hatte, ein Mann mit Burg und Besitztum – warum würde ein solcher Mann einen langjährigen Lehrer, Berater und Freund erdrosseln? Und dann fliehen wie ein Räuber in der Nacht? Dies ergab alles wenig Sinn und wir konnten zu jetziger Stunde wenig zuträglich sein. Celissa bat sich Ruhe aus, verständlich. Wir gingen wieder zu Bett. Der Südländer Yako-Te und die Zwergin waren offenbar zu aufgewühlt und hielten Wache, anstatt zu ruhen.


Nachdem nächsten Morgen versammelten wir uns in Celissas Arbeitszimmer. Sie war verzweifelt – ihr Vater verschwunden, ihr Lehrer ermordet, aber sie konnte in der Nacht nichts finden. Ich fand, sie war erstaunlich gefasst für diesen Umstand. Sie bat uns, ihr dabei zu helfen, dieses Sache aufzuklären und wir waren bereit zu helfen. Nicht des Geldes wegen jedenfalls ich nicht. 15 Dukaten waren durchaus keine Wenigkeit, aber die Wahrheit zu finden und Ordnung ins Chaos zu bringen ist Berufung.


Wir begannen unsere Fragen zu stellen. Zwanzig Personen leben in dieser Burg. Zwanzig mögliche Zeugen. Zwanzig mögliche Lügen. Zwanzig verschiedene Geschichten. Wir wollten das Zimmer des Barons und Yanturs Zimmer untersuchen und entschieden uns zuerst zu Yantur zugehen. Celissa begleitete uns, denn nur sie hatte den Schlüssel.


Doch dann – auf der Treppe – sah Benjulf eine Gestalt. Gekleidet wie der Baron. Die Gestalt bekerte uns und lief davon. Die Verfolgung begann. Ich blieb bei Celissa. Es war das Richtige, denn um mich waren die Beine aller jünger uns schneller. Zudem vermochte ich Celissa noch etwas moralischen Beistand zu leisten. Doch bald folgten auch wir, immer den Geräuschen nach, hinab in den Keller. Eine Öffnung im Boden. Eine Treppe in die Finsternis. Tselda sprang. Benjulf folgte ihr auf dem Fuße.


Ein Rumpeln. Ein Krachen. Die Decke stürzte ein. "Du kommst hier nicht durch." Tselda war abgeschnitten von uns, es gab kein Druchkommen für Benjulf. Es fiel mir Schwer, dies für einen Zufall zu halten, um ehrlich zu sein. Welche Hände sind hier im Spiel?


Prüfung und Demut

Ich konnte nur Staub sehen, welcher durch ein Einsturz aufgewirbelt wurde. Es entstand eine Stille, die vermutlich nur wenige Augenblicke dauerte, jedoch danke ich dem Herrn, mich Fassung gelehrt zu haben, denn diese Augenblicke voller Stille zerissen mich geradezu. Ich hörte, wie Benjulf rief, dass er glaube gesehen zu haben, wie Tselda durch einen Felsbrocken niedergeschlagen wurde. Ich ließ meinen Kopf im Gebet sinken. Er traf mit Ginda , Yako-Te und Kohrim zusammen. Yako-Te entschied sich oben an der Einsturzstelle zu graben, die anderen blieben unten und ließen nach Werkzeugen rufen.


Ich entschied mich, nach dem Ende des Tunnels zu forschen und fand auf dem Weg einen Brunnen, groß genug, um als Eingang oder gar Ausgang zu dienen. Ich setzte gerade an, nach Hilfe schicken zu lassen, da hörte ich hinter mir Schritte. Schwer verletzt, aus Richtung des Bergfrieds kommend, Blut im Gesicht - Tselda! Ohne weiter nachzudenken sprach ich den Heilsegen. Es war intuitiv, es war notwendig – und für einen kurzen Moment vergaß ich alle Vorbehalte und Zweifel. Es erschin mir selbstverständlich für meine Schutzbefohlene, einst gemeinsam unter einem Dach gelebt und gelehrt. Diese Bande kann man nicht einfach durchschneiden. Der Herr vergibt uns, dass wir unvollkommen sind. Er vergab mir in diesem Moment auch meinen Starrsinn. Die anderen kamen umgehend hinzu und halfen ihr auf. Sie berichtete: Ein Gang, ein Hebel am Ende, eine Tür – und sie kam im Kerker des Bergfrieds heraus. Beide Eingänge haben je einen Hebel innen. Das bedeutet nur eines: Es gibt einen dritten Hebel. Irgendwo außen.


Im Kerker fanden wir Yantur. Auf einem Tisch, zugedeckt, tot. Khorim bestätigte es. wir beide untersuchte den Leichnam – Würgemale, gemäß dem Bericht der Magd, allerdings sonst nichts. Ebenso keinerlei Hinweis auf Magie. Allerdings fanden wir drei Schlüssel. Der eine besonders aufwendig gefertigt, klein und scheinbar kostbar. Der andere beiden wirkten eher alltäglich. Welchen Zweck erfüllen sie? Ist dieser kleine Schlüssel eventuell die Motivation für den Mord.

Währenddessen durchsuchte Ginda die Zelle gründlich, die anderen den gesamten Keller, aber, kein Hebel. Nichts. Nur Stein und leere, schon lange nicht mehr genutzte Zellen.


Im ersten Stock die Quartiere der Wachen – nichts Ungewöhnliches. Auch die nicht wachhabenden berichteten, dass sie nichts ungewöhnliches gehört oder gesehen haben. Im Nebenraum, nur mehr Betten, von welchen drei derzeit nicht in Benutzung zu sein. Im zweiten Stock. befand sich die Kapelle, in der ich bereits am Vorabend das Gebet zu meinem Herrn suchte. Weiterhin. neben der Kapelle, das Zimmer des Hauptmanns - verschlosen. Tselda und Edgenion gingen zum Haupttor, um den Hauptman ausfindig zu machen. Ginda und Khorim gingen ganz nach oben, fanden dort aber, abseits eines durchaus beeindruckenden Ausblicks, nichts weiter.


Ich hielt es für geboten, abermals zu beten, wenngleich auch die Vielfalt der vetretenen Götterschreine noch immer eher befremdlich anmutete. Das sollte aber nicht einzige Botschaft dieser Kapelle bleiben. Der Raum war angenehm kühl und als ich zum Gebet ansetzte, spürte ich es. Etwas war anders. Gestern war es nicht da. Heute war es überall. Eine Präsenz, eine Warnung, eine... wie soll ich es nennen? Ich kann es nur als ein Zeichen des Herrn des Lichts beschreiben. Khorim kam hinzu. Sein Gesicht verdüsterte sich. Er spürte es auch. Verstärkt sogar noch, wenn eine Opfergabe erbracht wurde. Selbst der wilde Yako-Te war - der Spiritualität zugewandt - in der Lage zu spüren, dass uns die Götter ein Zeichen geben. Nicht drohend – nein – eher eine dringende Bitte. Sieh' hin und verstehe.


Hauptmann Gerion Durenwald
Hauptmann Gerion Durenwald

Als Tselda und Edgenion mit dem Hauptmann erschienen, sahen wir in seinem Zimmer nach, allerdings getattete er dies auch nur in seinem Beisein. Um die Burg herum, berichtete Tselda, hinter den Mauern, fand sie bei einem Rundgang, keine Möglichkeit anders, als durch das Haupttor auf das Gelände zu gelangen. Sie war schon immer, ein Kind sehr scharfen Verstandes.


Später, alle gemeinsam im Arbeitszimmer, befragten wir Celissa erneut. Ihr Vater – war sein Verhalten in letzter Zeit ungewöhnlich gewesen? Nein. Kein seltsames Verhalten. Keine Veränderung. Aber dann: Sie hätten vor Längerem schon eine Magd eingestellt. Die war plötzlich wieder weg. Ohne Grund. Ohne Erklärung. Sie dachten sich nichts weiter dabei. Das war ein Fehler. Man denkt sich immer etwas dabei. Sie ließ uns noch wissen, dass der Schreibtisch eine verschlossene Schublade barg. Der Hauptmann bat um ein Wort mit Celissa, allerdings erst nachdem dieser seinem Misstrauen gegenüber uns freien Lauf ließ. Diese, ja geradezu unverhohlene Beschuldigung, ist weder zu tolerieren noch zu entschuldigen. Die unumstößliche Gerechtigkeit des Herrn wird am Ende auch seine Augen öffnen und ihm die Gnade der Offenbarung zu teil werden lassen. Manche Menschen bedürfen Konsequenzen, um Demut zu lernen.


In Celissas Abwesenheit wurde versucht, zuvor erwähnte Schublade, mit dem kleinen Schlüssel Yanturs zu öffnen, ohne Erfolg. Dann öffnete Ginda das Fach mittels sehr zweifelhafter Methoden. Ich sagte nichts. Aber ich sah es. Und ich missbilligte es zutiefst. Ihnen allen fehlt das Vertrauen in Praios, dass er uns zu Recht und Ordnung geleitet. Doch die Zeit für solche Vorwürfe war nicht gekommen.


Wir fanden das Tagebuch des Barons. Die letzte Eintragung war vor sechs Monaten. Davor hatte er regelmäßig geschrieben. Dann plötzlich – Stille. Nicht einmal die versuchte Entführung seiner Tochter, empfand er als bemerkenswert genug, um es niederzuschreiben?


Tagebuch des Barons
Tagebuch des Barons

Dies ergab wenig Sinn, zugegeben. Das Licht möge unseren Geist erhellen.


Glaube und Wahrheit

Nachdem wir diese Missachtung Göttlicher Ordnung hinter uns gelassen haben, wandten wir uns dem Ankleidezimmer zu. Ein Raum, der stumm von Trauer spricht – die Kleidung der längst verstorbenen Baroness hing noch immer im Schrank. Es muss ein schwerer Schlag

gewesen sein, als die Familienbande zerschnitten wurden. In diesem Zimmer gab es nichts zu entdecken. Das Schlafgemach selbst war der Tatort. Trotz Gindas feinem Gespür für das Verborgene fanden wir keinen Geheimgang, keine versteckten Schätze, keine versteckte Nachricht. Doch unter dem Kissen lag ein Tagebuch. Nicht des gegenwärtigen Barons – sondern eines seiner Vorfahren, einige hundert Jahre aus der Vergangenheit. Robak von Tannenfels. Auf der letzten Seite ein Hinweis auf einen versteckten Schatz. Ein Geheimnis über Generationen hinweg bewahrt. Warum sollte so ein Buch unter dem Kopfkissen weilen? Robak von Tannenfels war offenbar niemand, an den man sich gerne erinnert. Ich fand es ungewöhnlich, der Rest von uns schien wenig verwundert. Ihnen fehlt der Glaube, der Tür und Tor des Geistes zu öffnen vermag.


Yanturs Zimmer war aufschlussreicher, wenngleich auch beunruhigender. Auf seinem Schreibtisch lag ein Pergament, gerade begonnen – unterbrochen. Der Empfänger war deutlich zu erkennen: Ein Glaubensbruder des Herrn Praios des nächstgrößeren Ortes. Ein Brief an einen meinesgleichen. Warum? Was war so dringend, dass Yantur dies dem Herrn anvertrauen wollte? Im Nachtschränkchen fanden wir einen reich verzierten Dolch. Ein Meisterwerk der Handwerkskunst, fast elfisch grazil und fein gearbeitet und ganz sicher von großem Wert. Ginda schien mir ein wenig zu viel Interesse zu bekunden, so gab ich ihr zu verstehen, dass dieser Dolch an Ort und Stelle zu verbleiben hat. Es war keine Bitte. Es war eine klare Mahnung. Sonst gab es im Zimmer nichts weiter.


Später, vor Celissa, zückte Ginda den Dolch. Sie hatte ihn dennoch an sich genommen. Heimlich. Gegen meine ausdrückliche Weisung. Ich sah sie an. Nur einen Moment lang. Ein Blick, der sagte, was meine Lippen nicht aussprechen würden. Verurteilung. Verachtung. Die stille Feststellung, dass sie die Ordnung missachtet hatte, die ich zu halten versuchte. Sie erwiderte meinen Blick mit jenem schelmischen Ausdruck, der mir sagte, dass sie meine Mahnung verstanden und bewusst ignoriert hatte. Ich sagte nichts. Es gab nichts zu sagen. Doch das Urteil war gesprochen, auch sie wird eines Tages erkennen, dass dieser Weg nur zu noch mehr Chaos führen wird.


In Celissas Raum stellte ich die entscheidenden Fragen:

Habt Ihr eine Idee, warum Yantur einen Praiosgeweihten anschreiben wollte?

Celissa: Nein.

Kennt Ihr diesen Dolch?

Celissa: Nein.

Zwei Fragen. Zwei Neins. Beide Male vermutete ich Unwahrheit, jedoch ist die Zeit der Wahrheit noch nicht gekommen.


Wir ließen Celissa zurück, um uns der zweiten Etage zuzuwenden. Die Bibliothek offenbarte ihre Schätze. Die Geschichte der Burg und Barone von Tannenfels – ein Buch, das mehr erzählte als wir zunächst ahnten. Darin erfuhren wir vom Schatz. Und noch wichtiger: Von einem Tunnelsystem unter der Burg mit drei Eingängen. Drei. Nicht zwei, wie wir bislang angenommen hatten. Das drittes wartete noch auf Entdeckung. Im offensichtlich Firun gefälligen Andachtsraum, der sich hinter der Bibliothek befand, suchte Khorim nach Bestätigung des Gefühls aus der Kapelle. Und er fand sie. Die gleiche Präsenz, die wir zuvor in der Kapelle gespürt hatten. Nicht ortsgebunden. Überall. Das Patheon begleitet uns und wird uns geführt vom Licht zur Wahrheit geleiten.





Die Information über den dritten Tunneleingang, ließ uns direkt ins Erdgeschoss gehen. Hier bestätigten wir zunächst, was bereits sein musste. In der Waffenkammer befand sich auch ein Mechanismus, um den Tunnel öffnen. Tselda, die zuvor abermals ihres scharfen Verstandes bediente, brachte uns darauf´, im Rittersaal nach dem dritten Eingang zu suchen. Und auch dort gut behütet im Geweih des Zwölfenders, Herrn Firuns Geschick zum Dank, gab es einen Mechanismus, der einen Eingang hinter einem Regal offenbarte. Ein staubiger Gang dahinter und eine staubige Treppe führte hinab. Und dort – vergessen, verloren – lag die Kleidung einer Magd, vermutlich jener, die als verschunden galt. Weiter unten, nur wenige Meter vom nächsten Einsturz entfernt, fanden wir sie: Eine entkleidete, stark verweste und vor den Göttern verborgene Leiche. An einem Finger glänzte noch immer ein Rubin-Ring. Pietätlos und erwartet nahm ihn Ginda an sich. Dies wird Folgen haben, möglicherweise nicht unmittelbar, aber Gier war noch niemals eine Helferin.


Wir standen nun vor dieser verwesten Gestalt und begannen plötzlich Alles zusammenzusetzen. Das Tagebuch des Barons endete vor sechs Monaten. Diese Leiche... wie lange mag sie hier schon verweilen? Vielleicht gleichermaßen sechs Monate? Und wenn der Baron – der Mann, der diese Burg regierte, der mit uns speiste, der uns bat, für ihn nach Gerechtigkeit, ob der Taten gegen seine Tochter zu verlangen – bereits hier unten verweste, gestorben, entkleidet lag.


Dann wer war der Mann oben? Alte Geschichten fallen mir ein. Geschichten, die die Kirche lieber verschloss. Von Wesen, die nicht ganz menschlich sind. Gestaltwandler. Ist das möglich? Hier, in dieser verfluchten Burg? Oder bin ich ein alter Narr? Der Herr schweigt, aber sein Licht scheint in seiner Gnade auch für uns an diesen dunklen Orten.


Verblendung und Offenbarung

Wir standen noch immer vor dieser verwesten Leiche und sprachen von Gestaltwandlern – bloße Spekulation, eine letzte Verzweiflung der Logik angesichts des Unerklärlichen. Benjulf überraschte uns mit einer Demonstration: Er zeigte uns, wie man mittels Magie die Gestalt eines anderen annehmen kann. Es verdeutlichte, wie einfach es ist, obgleich diese Zurschaustellung seiner Kunst geradezu pralerisch wirkte. Es war allerdings nicht was er Tat, was wirklich von Bedeutung war. Es war, was er sagte, denn er hatte auf seinen Reisen ebenso bereits natürlichle Gestalwandler gesehen. So wurde aus Spekulation, unangenehme Wirklichkeit. Yantur war dem Gestaltwandler auf die Schliche gekommen. Das war die einzige logische Schlussfolgerung. Und deshalb musste er sterben.


Alrik Fernel
Alrik Fernel
Albin Panankis
Albin Panankis

Wir bemühten uns, weitere Information zu sammeln, also gingen wir ins Nebengebäude und sprachen mit den Knechten und Stallburschen. Alrik Fernel, der Holz hackte, war nicht sonderlich hilfreich. Die Treibjagd war ungewöhnlicherweise abgesagt worden. Emma Erwald, die Magd, welche vor etwa sechs Monaten verwandt. Und Yantur – so sagte Alrik – musste früher ein großer Abenteurer gewesen sein. Albin Panenkis, der sich um die Pferde kümmerte, erzählte uns etwas Merkwürdiges: Er habe gesehen, in Yanturs Zimmer sei ein Stein lose.


Dies allein war genug, um Ginda und Benjulf davon zu überzeugen, jetzt gleich nachzusehen. Die ewige Gier - Sie spendet keinen Trost, sie ist nicht gerecht und niemals ewig, wie der Herr, dessen ewiges Licht uns allen eben jeden Trost und Gerechtigkeit zuteil werden lässt. Nun, sie fanden das Versteck, einen Mauerstein, lose, dahinter eine metallene Klappe mit kleinem Schlüsselloch. Der Schlüssel, den wir bei Yantur gefunden hatten, welcher sich in Khorims Besitz befindet erschien passend. Ginda rannte los, um Khorim zu holen.


Tselda entschied sich, anders als wir alle, allein den Burghof in Augenschein zu nehmen. Sie untersuchte wohl Fluchtmöglichkeiten, warf eine Fackel in den Brunnen, befragte die Wachen. Ein methodisches, gründliches Vorgehen, so dachte ich.


Der Schmied - Nortgram, Sohn des Gurthag
Der Schmied - Nortgram, Sohn des Gurthag

Khorim, Yako-Te und ich gingen vom Stall zur Schmiede. Der Zwerg Notgram, der seit zwei Generationen hier Ambos und Feuer nutzte, konnte uns bedeuerlicherweise nichts Neues erzählen. Wir gingen weiter zur Küche – Gissa, die Köchin, redete viel, ähnlich wie es dieser Halbelf Edgenion vermag, wusste aber wenig Neues. Auch hierbei sind sich die beiden gleicher, als sie sie das vielleicht ahnen. Lediglich die Information, dass der Baron aufhörte Wein zu trinken, erschien uns von Belang, war es doch vor etwa sechs Monaten.


Ginda hatte bei all dem nur einen kurzen Auftrtt, schrie lauthals etwas von einem Schlüssel und zog Khorim von uns fort.


Yako-Te und ich befragten die Magd in ihrem Zimmer. Sie fühlte sich besser, aber sie weiß nicht mehr, als das, was sie bereits berichtet hat. Sie sah den Baron, wie er Yantur würgte. Mehr nicht, aber auch nicht weniger. Gepolter kündigte die anderen an, Ginda musste uns etwas wichtiges berichten. --


In einen Nebenraum verlas Khorim das Pergament, welches sie im Versteck in Yanturs Zimmer gefunden hatten. Yanturs Beobachtungen waren gleichermaßen erhellend, wie auch schockierend. Der Baron liebte früher das Harfenspiel seiner Tochter – nun verließ er den Raum, wenn Celissa spielte. Der Baron trank sein Glas Wein nach dem Mahl – nun lehnte er Alkohol ab. Der Baron liebte die Treibjagd über alles – nun ließ er sie absagen. Und die Bewegungen – kleine, merkwürdige Veränderungen in der Art, wie er ging, wie er aufstieg. Am gestrigen Abend wollte Yantur den Baron darauf ansprechen. Wir wissen alle, wie das ausgegangen ist.


Yanturs Beobachtungen
Yanturs Beobachtungen

Der Brief bestätigte eindrucksvoll, was wir bereits spekulierten: Ein Imitator, ein Gestaltwandler, musste am Werk sein.Wir schmiedeten einen Plan. Der Gestaltwandler verträgt keine Musik, keinen Alkohol – das war die Schwachstelle. Wir würden Celissa bitten, für uns zu musizieren unter dem Deckmaltel einer kleinen Darbietung für alle auf der Burg. Edgenion sollte mit ihr spielen. Wir würden Wein servieren. Und wir würden sehen, wer sich damit unwohl fühlt.


Wir gingen zu Celissa. Sie war in ihrem Zimmer. Wir fragten sie, ob sie uns mit einem kleinen Konzert erfreuen würde. Sie stimmte zu. Wir baten sie, mit Edgenion zu proben. Sie setzte an.


Und in diesem Moment – als würde die Welt stillstehen – zog Tselda ihre Dolche.


Tselda! Das Mädchen, welches ich erzogen hatte. Das Kind welchem ich Werte, Recht und Ordnung beigebracht glaubte. Die Frau, der ich noch gestern einen Heilsegen gab, im Glauben meine Pflicht zu tun. Nicht Tselda - der Gestaltwandler.


Ich verstehe nicht, wann es passiert ist. Im Tunnel? Oder früher? Wie lange schon befindet dieser... diese Kreatur in meiner Nähe? Wie lange schon beobachte ich ein Echo, ein Phantom einer Frau, die ich zu kennen glaubte? Die Warnung in der Kapelle. Das Gefühl im Andachtsraum. Überall. Überall war es präsent, und ich – verblendet – konnte es nicht deuten. Ich konnte die Stimme Praios' nicht verstehen. Das ist mein Versagen.


Der Kampf war kurz und heftig. Ginda versucht Celissa zu helfen. Was sie nicht vermochte, gelang Khorim. Er stieß Celissa fort – sie fiel bewusstlos, aber sicher. Benjulf verzauberte ihn, sodass jeder Schritt ein Geräusch machte, das ihn ablenkte. Durch mich traf Praios' Licht auf die Kreatur und blendete sie. Edgenion spielte laut auf seiner Laute, für das Wesen, eine wirkungsvolle Waffe. All dies ließ de Gestaltwandler keine Chance. Seine Fratze veränderte sich mit jedem Hieb, dem wir ihm versetzen. Ginda war es schließlich, die ihn schließlich tötete. Nun offenbarte er seine wahre Erscheinung. Nahezu ohne Kontur und ohne Gesicht. Bizarr und wider der göttlichen Ordnung. Das Warum, werden wir nun nie erfahren, jedoch viel Entscheidender die Frage nach Tselda. Wo war sie? Womöglich noch am Leben, aber ebenso möglich auch..., ich wage diesen Gedanken nicht zuende zu denken...

 
 
 

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