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Atansio's Tagebuch - Das Schweigen von Asterwacht

20. Sept.
31 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 10. Okt.


Ich sags euch, es wundert mich nicht, dass man im Mittelreich keinen Spaß hat. Nicht nur, dass es da irgendwie jedem dreckig geht, man sieht das in jedem Winkel, in jedem Kaff. Naja, außer Gareth vielleicht. Diese Dämonennummer in Arras de Mott hat dem Fass den Boden ausgeschlagen. Dieses Arschloch in Raschdul, Adnan Nuhi, war nicht mal zur Hälfte so krass, wie dieser sechs Finger Wichser. Und als wenn das nicht schon genug wäre, ist das Wetter hier auch noch kacke. Rhayad geht's genau so. Naja fast, dieser Irre fand diesen ganzen Dämonenscheiß und die Magienummern interessant. Hallo?! Wir hätten auch alle ohne Probleme drauf gehen können. Das alles dann für fünf ver.... Nein, halt! Ich reg' mich nicht schon wieder auf. Ich hau hier einfach ab und gehe in den Süden. Der Schwarzmagier kommt mit, sagte er. Alles zu provinziell hier und seinen Ork hat er auch nicht bekommen. Er ist bestimmt nicht mein liebster Begleiter, aber wenigstens sind wir bei gewissen, sagen wir zweifelhaften Dingen, sowas wie "Brüder im Geiste".


Es ist nicht besonders schwer, sich aus diesem Familiendrama der von Falkenstein-Geldsäcke wegzustehlen und dieses verfluchte Buch mit Tselda nach Gareth zu bringen, ist mir 'n bisschen zu praidiotisch. Scheinbar waren wir nicht die einzigen, die diesen Plan hatten. Nummer 9 und der Singvogel wollten auch gehen. Also, dann eben zu viert. Ich mach's kurz, gelandet sind wir schließlich in Punin. Um genau zu sein in einer Kneipe Namens irgendwas mit Einhorn. Trällerchen hat nicht lange gefackelt und Khorim jede Menge Plakate aufhängen lassen und rausposaunt, dass er heute Abend hier ne Vorstellung gibt. Fragt mich nicht wie und wann, aber Edgenion hat irgendwoher so nen grünhaariges Nervenbündel aufgegabelt, das hier mit am Tisch saß. Naäni heißt sie. Viel mehr war nicht rauszukriegen. Erfrischenderweise redet sie ... ähh, eher kaum. Und mit kaum meine ich nicht. Der Laden hier ist randvoll mit Gelegenheiten, wie die ganze Stadt. Gut fürs Geschäft, sage ich mal. Nebenan sitzen nen paar besoffene Trottel, die ich um ein paar Goldstücke erleichtern wollte, da springt die Tür zur Kneipe auf und plötzlich steht eine zwei Schritt große Wuchtgrazie vor unserem Tisch. "Naäni?!", schallts aus ihr raus und ihr honigkuchenpferdgrinsendes Gesicht macht sich gefolgt von 120 Stein Grazie elfengleich zur Umarmung bereit. Die rosa Schleife in ihrem Haar rundet das Bild grandios ab. Das kannst du dir nicht ausdenken. Ne verdammte Thorwalerin hat mir zu meinem Glück noch gefehlt. Jedenfalls scheint Druna, wie sie wohl heißt unser Nervenbündel zu kennen. Nummer 9 wird ganz blass im Gesicht, als er sie sieht und sie ihn förmlich anstrahlt. Was da zwischen beiden gelaufen ist? Der Brummer hier tänzelt auf den Spuren von so 'ner Schundroman-Geschichte und Khorim war wohl zur falschen Zeit am falschen Ort.


Dann geht's los, Edgenion macht seinen Auftritt und zu meiner Überraschung stiefelt Naäni auch los. Hätte ich nicht gedacht. Was das Lied betrifft, muss ich wohl nachher nochmal nen Wörtchen mit unserem Singvogel drüber reden. Diese verschissenen fünf Silbertaler hatte ich schon fast wieder vergessen und da trällern er und das Nervenbündel nen Lied von. Danke für nichts. Als er dann endlich fertig war, waren auch zwischenzeitlich Rondario und die kleine Kopfgeldjägerin eingetroffen. Ich glaube, die ist auf der Suche nach nem bisschen Entspannung. Was auch immer sie getrieben hat in den letzten Monaten, es muss anstrengend gewesen sein. Wie auch immer, jedenfalls flog plötzlich ne Tür auf und ne Eule zu Randalio. Er selber wusste wohl nicht so genau, ob er puterrot werden sollte oder kreidebleich. Der Schwarzmagier hatte einmal höflich nachgefragt, aber als der jetzt auch noch schwitzende Rondario nicht antworten wollte, hat er wohl "nachgeholfen". Es war nen Brief von einer Verflossenen. Scheinbar war oder ist die nen ziemlicher Besen, also hat er uns gebeten, ihn zu begleiten. Hah, da kann er drauf wetten. Wenn ich die Chance habe zu sehen, wie er den Arsch versohlt bekommt. Der Rest hat auch zugestimmt, also so mehr oder weniger.


Am nächsten Tag machen wir uns auf den Weg zur Magierakademie, wie ich erfahren hab. Ich komme wohl nie mehr aus diesem Hokuspokus-Scheiß raus. Apropos, Persephone scheinbar auch nicht, denn auf dem Weg erzählt sie vom Tsa Tempel. Sie ist in so ein komisches Steingerät reingeschoben worden. Sie wollte wissen, warum Katzen sie meiden. Ich stelle mir eigentlich die Frage, was daran nicht gut ist. Die Viecher nerven doch eh nur. Lange Rede, kurzer Sinn. Sie hat einen bunten Lurchenanhänger bekommen und jetzt wird alles wieder gut. Wenn du mich fragst, hätte sie sich auch nen Eisentrichter auf den Kopf ziehen können. Sieht scheiße aus und bringt absolut nichts.

TOR - Tsa'sches Offenbarungs-Rondell
TOR - Tsa'sches Offenbarungs-Rondell

Naja, an der Akademie angekommen, sind wir auch alle ganz ordentlich empfangen worden und wurden dann zu Hesindiane Vistelli vorgelassen. Sie hat uns andere nur kurz gemustert. Rondario, du bist am Arsch, dachte ich bei mir, als ich ihre hochgezogene Augenbaue sah. Aber da wir schon mal da waren, hatte sie auch was für uns. In einen Kaff hier um die Ecke, gibt's wohl Probleme mit einem ihrer Magierfreunde. Da soll irgendwas nicht stimmen. 'N Goldstück pro Tag, wenn wir mal gucken gehen. Ich hab noch nen Taler rausgeschunden aus der Alten, aber mal ehrlich: Das Vierfache von dem, was wir bei diesem Borbatyp-Dreck eingefahren haben. für mal gucken gehen. Klingt doch ok. Wir sind noch am palavern, da

Hesindiane Vistelli
Hesindiane Vistelli

klopfts und so'n Schmierlappen steht gefesselt vor der Tür. Die Wachidioten stammeln was von Belhanka und ist wohl einfach so hier im Keller aufgetaucht. Sofort fängt der an sich rauswinden zu wollen. Quatscht irgendwas von seinem Onkel und ner Party. Er hätte was für die besorgt. Es scheint. als wäre er im Nimbus falsch abgebogen. Nimbus am Arsch, dachte ich grinsend. Der will die Alte hier nur um den Finger wickeln. Die ist aber zu abgebrüht und will ihn loswerden, als schiebt sie ihn zu uns rüber. Na toll, ich besorge mir schon mal Watte zum in die Ohren stecken. Dieser Damiano-Junge und der Singvogel? Womit hab ich das verdient? So richtig glücklich sah Rondario nicht aus, als wir die Tür vom Büro der Alten zugemacht haben.


Als wir am späten Abend in diesem Kaff ankommen, hab ich mich gefragt, warum das die Alte überhaupt interessiert. Ich sags Euch, hier willst du nicht tot über'm Zaun hängen. Finsterquell. Der Name ist Programm. Aber was solls, nix los hier, also sind wir erstmal in die Kneipe. Erstaunlich, dass es hier sowas gibt, dachte ich. Nachdem wir uns zwei Zimmer besorgt haben, wollten wir uns hier erstmal umhören. Irgendwie landet Rhayad am Tisch von nem Bauernehepaar und dieser arrogante Arsch redet kein Wort mit denen. Ich hab mich fast bepisst vor Lachen. Dafür muss man ihn lieben. Als das Kneipenmädchen kam, wars um unseren Jüngling geschenen und zack, hing er an ihrem Rockzipfel. Also nachdem er erstmal ziemlich dämlich gegen den Tresen geknallt ist. Aber offenbar nicht ganz blöd, fragt er sie zum Turm aus und bringt sie zum Tisch zurück. Viel weiß die Kleine nicht, aber es soll wohl ein Heulen gegeben haben. Der Magier, Agelion Silberquell ist auch schon seit Wochen verschwunden. Er soll auch irgendwelche Experimente mit Wasser gemacht haben. Das erzählt uns auch die "Sicherheitsbeauftragte" hier. Alrike, wie auch sonst, sagt, der Magier hätte vor einiger Zeit das Wasser vom Fluss umgeleitet. Der hat da im Turm komplett alleine gelebt und jetzt ist es schon seit Wochen dunkel. Auf die Idee da mal nachzugucken, ist sie noch nicht gekommen. Offensichtlich ist hier wohl auch das Ende, ihrer Karriere.


Das wird wohl wieder an uns hängen bleiben, dachte ich. Zwei glänzende Taler. Wie schlimm kanns schon werden.



Zu billig verkauft

Zwei glänzende Taler, hatte ich gesagt. Wie schlimm kanns schon werden. Ich sollte lernen, solche Sätze für mich zu behalten, denn Phex hört mit und der Kerl hat Humor.



Bosper
Bosper

Der Morgen fängt schon gut an. Kaum haben wir gefrühstückt, wartet am Traviaschrein auf dem Dorfplatz so ein Bauernbengel auf uns, zwölf Sommer alt, und das Mundwerk von dreien. Bosper heißt er. Die Wuchtgrazie hat wohl gestern Abend mit seinen Eltern gequatscht, und jetzt hält der Kleine uns für die Attraktion des Jahrhunderts. Erst löchert er Rhayad, ob er ein Schwarzmagier sei — der Junge hat einen Instinkt, das muss man ihm lassen —, dann fällt er über Persephone her, die aussieht, als würde sie ihn am liebsten kopfüber im Brunnen versenken, dann über Nummer 9, der ihm mit gewohnter Wortkargheit ungefähr eine Silbe gönnt. Und dann steht er vor mir.


Ich halte ihm meine Kippe hin. Zieh mal, Kleiner. Rein aus Neugier, ob er's tut — ich hätte mich halb totgelacht, wenn ihn der erste Zug in die Büsche geschickt hätte, würgend wie eine Katze mit einem Haarballen. Aber der Bengel ist nicht dumm. Nimmt sie, hält sie, zieht nicht, gibt sie zurück. Schade eigentlich.


Was ich ihm lassen muss: Er hatte einen Schlüssel vom Magier, und dazu einen Spruch, den ihm der Alte mitgegeben hat. Wenn der Turm einmal schweigt, gib den Schlüssel einem Menschen, der mehr wissen will, als er fürchtet. Hübsch. Klingt nach einem, der zu lange allein in einem Turm gehockt und mit seiner Katze geredet hat. Wobei — mehr wissen wollen als fürchten, das trifft auf keinen von uns zu. Wir fürchten nichts und wissen wollen wir auch nichts, wir wollen zwei Taler. Ganz anderes Geschäft.


Zunder
Zunder

Der Turm liegt außerhalb, auf einem Hügel, und sieht erstaunlich gut in Schuss aus. Der Schuppen daneben weniger, der fällt bald von selbst um. Eine rote Katze duckt sich hinter den Blumenkübeln an der Mauer und macht sich dünn, sobald Persephone auch nur in ihre Richtung schaut. Ich sag ja, mit der stimmt was nicht, seit dieser Tempelnummer mit dem Lurch. Aber gut, nicht mein Problem.


Die Turmtür allerdings ist ein Problem. Keine Klinke, kein Schlüsselloch, nichts. Nur glatter Stein. Druna schaut die beiden Hexer erwartungsvoll an, ob sie da was drehen können, und die zwei gucken sich an und zucken die Schultern. Großartig. Zwei Magier im Gepäck, und wenn's drauf ankommt, sind sie so nützlich wie ein Kamm für einen Ork. Also gehen wir hintenrum in den Anbau, das alte Gesindehaus. Türe zu, aber nicht verschlossen. Drinnen Staub, alte Betten, seit Monaten kein Mensch mehr da. Nichts, was man mitnehmen wollte, und glaubt mir, ich hab geschaut.



Draußen ist die Katze weg, dafür findet Persephone hinter den Kübeln einen Bruchstein mit

Turm Asterwacht
Turm Asterwacht

einem eingeritzten Katzenkopf drauf. Damiano, der Schmierlappen, weiß natürlich sofort Bescheid: ein Translokationszauber, für Katzen. Ein ganzer Zauber, damit ein Vieh durch die Wand spazieren kann, ohne dass sein Herrchen aufstehen muss. Da sieht man mal, wofür diese Leute ihre Macht verschwenden. Damiano hält ein Stück Katzenkot davor — fragt nicht, woher er das so schnell hat —, und tatsächlich schwingt die Tür auf. Durchgucken kann man trotzdem nicht. Rhayad tastet die Türfläche ab, murmelt, und nach ein paar Herzschlägen öffnet auch sie sich. Er geht rein und zieht sie hinter sich zu. Edgenion und Damiano rütteln, drücken, fluchen — kommen nicht durch. Ich lehne mich an die Mauer und genieße den Anblick. Zwei Möchtegern-Helden, ausgesperrt vor einer Tür, während drinnen einer allein das Kaff rettet. Kann der Tag doch noch was.


Als wir schließlich alle drin sind, sieht es aus, als wäre der Hausherr nur kurz vor die Tür getreten. Sein Reisegewand hängt noch am Haken. Aus dem Wasserhahn kommt nur dunkles Restwasser, das aussieht, als hätte jemand hineingehustet. Die Bücher unauffällig, die Truhen leer bis auf Kram — nicht ein einziges Goldstück, nichts, was den Weg hierher aufwiegt. Ein komisch gefliester Fleck im Boden, kein Griff, kein Mechanismus, einfach nur seltsam. Später oben findet Persephone hinter einem Regal eine Steinplatte, keine zwei Spann breit, genau dort, wo eigentlich der Schacht vom Abort langlaufen müsste. Ein Geheimversteck neben dem Donnerbalken. Der Mann hatte Sinn für Lagen.


Zur Quelle
Die Veränderungen des Quellwassers sind eindeutig dämonischen Ursprungs. Unter Asterwacht verläuft eine beschädigte Kraftlinie. An ihr liegt ein uralter Bann, in dem eine dämonische Wesenheit gebunden ist. Der Bann hält noch, doch ihr Einfluss dringt bereits in das Quellwasser. Ich habe Traviane gebeten, Kinder und Vieh vom unteren Quelllauf fernzuhalten.
Über den Bann
Ein einfaches Erneuern der alten Zeichen genügt nicht. Die Wesenheit muss kurzzeitig von der Kraftlinie getrennt, gebunden und anschließend vernichtet werden.
Drei Sicherungen sind dafür unerlässlich. Der eingeschwungene Rauchquarz bindet die Wesenhei Die Madablüten schließen ihre Verbindung zur dämonischen Sphäre.Die Trennrune löst sie von der Kraftlinie.Versagt eine dieser Sicherungen, ist das Ritual gefährlich. Versagen mehrere, dürfte der Ritualführende kaum überleben.
Der Fokuskristall
Der große Rauchquarz ist nun vollständig auf die Kraftlinie eingeschwungen, ohne diesen Prozess wäre er wirkungslos. In seiner Fassung am Rand des Bannkreises soll er die herausgelöste Wesenheit binden. Ich werde ihn vor Beginn des Rituals nochmals prüfen.Zunder hat schon wieder auf meinen Sternkarten geschlafen.

Kurz vor dem Ritual
Kiesel hat erneut dreimal geklopft. Es liegt ein sonderbarer Geruch in der Bibliothek. Vielleicht war jemand im Turm.Ich kann keinen Zugang und keine Manipulation feststellen, werde vor dem Ritual aber die Sicherungen nochmals prüfen, so die Zeit es zulässt – es drängt.

Tagebuchseite
Tagebuchseite

Dann wird's ungemütlich. Oben in der Bibliothek liegt sein Forschungstagebuch, und Rhayad liest vor, während ich zuhöre und mir wünsche, ich hätte Watte dabei. Beschädigte Kraftlinie. Gebundene dämonische Wesenheit. Ein uralter Bann, der langsam durchsickert und das Quellwasser vergiftet. Und der Kerl wollte das Ding nicht bloß neu versiegeln, sondern rauslösen und vernichten, mit drei Sicherungen, allein, in einer Nacht.


Ist das euer verdammter Ernst. Ich sitze im hinterletzten Kaff am Arsch der Welt, in einem Nest, das Finsterquell heißt, weil selbst die Namensgeber keine Hoffnung hatten — und schon wieder Dämonen. Schon wieder dieser Sphärenscheiß, schon wieder einer, der zu klug für sein eigenes Wohl war und meinte, er müsse die Welt retten. Ich bin aus dem Mittelreich weg, um genau diesem Dreck zu entkommen. Und jetzt steht er wieder vor mir, in einem Turm, für zwei Taler.


Aber es kommt dicker, und das ist der Teil, bei dem selbst ich still werde. Eine Etage höher, im Labor, steht seine Prüfausrüstung — eine Madalampe, drei Schalen mit Blüten. Wir machen den Test, den er selbst notiert hat: Madablüte leuchtet silbrig unter der Lampe, Nachtflor gar nicht. Und in der Schale, in der Madablüten liegen sollten — die Blüten, die im Ritual die Verbindung zur Dämonensphäre schließen —, liegt Nachtflor. Kein Leuchten. Getauscht. Sauber getauscht, in einem Turm, in den keiner reinkommt.



Da fällt mir eine Zeile aus dem Tagebuch wieder ein, die Rhayad vorgelesen hatte. Ein sonderbarer Geruch in der Bibliothek. Vielleicht war jemand im Turm. Und noch eine, die keiner von uns einordnen konnte: Kiesel hat erneut dreimal geklopft. Wer oder was zum Henker Kiesel ist, weiß niemand zu sagen, und mir gefällt das ganz und gar nicht. Ein Name ohne Gesicht in den letzten Zeilen eines Mannes, der kurz darauf in seinen eigenen Bannkreis stieg — mit einer Sicherung, die nicht mehr taugte, ohne es zu wissen.


Was aus ihm geworden ist, weiß hier keiner. Tot, verschollen, von seinem eigenen Dämon geholt — such's dir aus, wir haben nur einen leeren Turm, ein Reisegewand am Haken und eine vertauschte Schale voll Nachtflor. Aber eines steht fest, und das ist der Teil, der mir den Nacken kalt macht: Der Alte ist nicht bloß in ein zu großes Ritual gestolpert. Jemand hat nachgeholfen. Wobei, ist hier die Frage.


Ich hasse diesen Auftrag jetzt schon. Und das Schlimmste ist: Ich will verdammt nochmmal wissen, wer es war. Und wer Kiesel ist.


Ritualskizze
Ritualskizze
Bum! Bum! Bum!

Der Schrank im Labor hat uns den halben Morgen gekostet. So ein kommodengroßes Ding mit drei Glastüren, und wir legen rein, was wir finden, und nichts passiert. Bis Nummer 9 die Geduld verliert und alle drei Madablüten reinlegt, die wir noch hatten. Druna quäkt noch dazwischen, er solle das lassen — und ausgerechnet weil sie es sagt, höre ich weg. Die Frau redet mehr als Singvogel und Schmierlappen zusammen, und dabei immer mit diesem Prinzessinnengetue, als würde gleich ein Barde ihre Ballade anstimmen. Wer so klingt, den nimmt man nicht ernst, das ist ein Naturgesetz. Also lasse ich Nummer 9 machen. Fump. Drei Madablüten, zu Asche. Weg. Im Nachhinein hatte die Wuchtgrazie natürlich recht, und das ist das Ärgerlichste an der ganzen Sache — nicht die Asche, sondern dass ich ihr das jetzt lassen muss.


Da unten kommen wir nicht weiter, also eine Etage höher. Ein Schlafzimmer, Regal als Raumteiler, und der Schmierlappen ist als Erster drin und hat schon die Nase in allem. Auf dem Schreibtisch drei Briefe der Akademie, ein verschlossenes Metallkästchen, Schreibkram. Im Regal Sternkarten und so ein messingnes Sterngucker-Gerät. Im Kleiderschrank Kleider, das Bett gemacht und verstaubt — nur eine Liegemulde ist staubfrei. Jemand oder etwas hat hier geschlafen, während der Hausherr weg war.


Argelion Silberquells letzter Wille.
Argelion Silberquells letzter Wille.

Druna kriegt das Kästchen mit dem Schlüssel auf, und siehe da, die Frau kann auch mal was Nützliches. Drin ein länglicher Rauchquarz — den merke ich mir, das Zeug ist Geld wert —, eine Notiz mit einem Rätselspruch über einen Raben, der am tiefsten steht, und ein zusammengerolltes Papier. Silberquells letzter Wille. Für den Fall, dass er stirbt oder „dauerhaft außerstande" ist. Beendet, was ich begonnen habe, steht da, und darunter etwas über eine Gefahr, die niemals frei sein darf. Wer das Ding bannt, kriegt den ganzen Turm mit allem Drum und Dran. Da werde ich zum ersten Mal hellhörig, ich gebe es zu — ein voll ausgestatteter Magierturm als Lohn, das rechnet sich anders als zwei Taler. Nur steht in demselben Testament auch, dass ein gewisser Kiesel im Turm bleiben soll, „sofern er selbst seine neuen Bewohner annimmt". Ein Erbe mit Untermieter, den ich noch nicht mal gesehen habe. Mit sowas im Haus schrumpft der Käuferkreis beträchtlich, so viel ist sicher.


Dann wird es albern, und zwar in mehreren Anläufen. Erst ruft Druna oben im Schlafzimmer in den Abort hinein — „Kiesel, bist du da?" — und es klopft zurück. Ein Klopfen Ja, zwei Nein, und die Frau führt eine ganze Unterhaltung mit einem Loch im Boden. Irgendwer steckt im Schacht, eine Tür soll geöffnet werden, welche, weiß keiner.


Druna und ich gehen hinunter, und irgendwo auf dem Weg streift mich ein Gefühl, das ich nicht zu fassen bekomme — als wäre etwas anders als vorhin, ich könnte nicht sagen, was. Ehe ich dem nachgehen kann, sind wir schon draußen, und hinter uns fällt die Turmtür ins Schloss. Die Tür ohne Klinke, ohne Schlüsselloch. Natürlich. Jetzt stehen wir vor einem Turm, in den wir nicht zurückkommen, und die halbe Gesellschaft ist noch drin.


Immerhin gibt es von außen den Zugang zum Abortschacht. Druna reißt das Gitter mit bloßen Händen heraus — das muss man ihr lassen, Kraft hat das Weib für drei — und will hineinsehen. Und dann meint sie, ich solle da hochklettern und nachschauen. Willst du mich verarschen, sage ich, meinst du, ich mime freiwillig die Scheißhausbürste? Also steckt sie selbst den Kopf hinein. Ihre albernen Zöpfe drohen in den Dreck zu hängen, und weil ich weiß, dass sie sonst hinterher auch noch darüber quäkt, halte ich sie ihr — mit einer Hand. Die andere brauche ich für die Nase, denn was da aus dem Schacht steigt, ist kein Rosenduft. Und weil ich nicht dumm bin, stelle ich mich dabei genau hinter sie.


Druna, den Kopf tiefer im Loch. Ich, eine Hand am Zopf, eine an der Nase. Oben die kleine Kopfgeldjägerin, die gerade auf die glänzende Idee kommt, eine brennende Lampe an einem Seil in den Schacht zu lassen. Druna, noch tiefer. Ich, reglos. Die Lampe, die sinkt.


Puff!


Eine Stichflamme fährt aus dem Schacht — irgendein Gas, Löschkalk, was weiß ich —, und Druna kommt heraus, das Gesicht schwarz wie ein Köhler, stinkend, hustend. Ich stehe dahinter, sauber wie zuvor, die Nase noch zugehalten. Für die anderen sieht es aus, als hätte ich gewusst, was kommt. Ich lasse sie in dem Glauben. Und sauber geblieben ist außer mir nur eines: ihre Zöpfe. Die, die ich gehalten habe. Ich habe der Menschheit an diesem Tag keinen Dienst erwiesen, aber zwei Zöpfe habe ich gerettet, und darauf bin ich auf eine sehr dumme Art stolz.


Irgendwann lassen die anderen uns wieder hinein. Während Druna dann noch die Steinklappe hinter dem Bücherregal aussucht, nichts findet und sich schließlich kopfüber in den Schacht hinabzwängt — kopfüber, in einen Donnerbalken, in den sie gerade so hineinpasst —, gehe ich denselben Weg rückwärts zurück, den wir gekommen sind. Dem Gefühl nach, das mich vorhin gestreift hatte und das ich nicht loswerde. Was sie sich von der Kletterei versprach, hat mir bis heute niemand erklären können. Und da ist es wieder, mein Gefühl, diesmal deutlicher. Ein Schaben. Steht dieser Steindrache nicht ein wenig anders als eben?


Kiesel
Kiesel

Ich trete näher, und das Knarzen kommt tatsächlich von dem Ding. Es dreht den Kopf. Im Schneckentempo, aber es dreht ihn, und die Augen folgen mir. Ich rufe sofort nach Rhayad — soll der Schwarzmagier sich mit dem Hokuspokus abgeben, ich habe in Raschdul genug mit Elementaren zu tun gehabt, um zu wissen, dass belebter Stein nichts ist, wovor ein vernünftiger Mensch stehen bleibt. Aber die Frage muss raus. Bist du Kiesel? Bum! — der Schwanz schlägt aufs Regal. Da ist er also, der Untermieter aus dem Testament. Kein Gespenst, kein Dämon, sondern ein steinerner Drache von der Größe einer fetten Katze. dem vor langer Zeit jemand mit Elementarmagie Leben eingehaucht hat. Er klopft mit dem Schwanz, was er nicht sagen kann, und er hat sechs Wochen lang in diesem Turm auf jemanden gewartet, der nie zurückkam, und trotzdem jedem, der reinkam, brav geantwortet. Ich sage nichts dazu. Es geht mich nichts an. Nur denke ich kurz, dass es schlimmere Arten gibt, allein zu sein, als gar nicht zu wissen, dass man es ist. Dann wische ich den Gedanken weg, wo er hingehört.


Nützlich ist das Vieh allemal. Weißt du, wo der Beschwörungskreis ist? Bum. Kannst du ihn uns zeigen? Der Drache hoppelt vom Regal, spannt die Flügel, will fliegen und stürzt wie ein Sack Kies zu Boden — auch das noch, ein Drache, der nicht fliegen kann —, hoppelt in die Küche, springt auf die Arbeitsfläche und tippt mit der Pfote auf einen Stein. Rhayad drückt, es knirscht, und mitten im Steinkreis am Boden senkt sich eine Treppe in die Tiefe. Da staunen sogar wir.


Rhayad tut dann etwas, das selbst mir ein wenig unheimlich ist: Er greift mit einem Zauber in Kiesels Kopf, um zu sehen, was der Drache gesehen hat. Viel ist es nicht, denn so ein Steinvieh nimmt die Welt anders wahr — Menschen nur als Schemen, dafür sieht es durch Fels hindurch. Aber es reicht: Jemand ist damals durch den Abortschacht heraufgeklettert, hat im Labor an den Blütenschalen herumgemacht, ist wieder hinab und hat die Klappe sorgfältig hinter sich geschlossen. Kein Gesicht. Nur eine eiserne Gürtelschnalle und ein Schlüssel. Und, was mir am meisten sagt: Es war einer, der schon öfter hier war. Kein Fremder, der sich reingeschlichen hat, sondern jemand, den der Turm kannte. Ob aus dem Dorf, kann Kiesel nicht sagen. Aber ein Schlüssel und ein vertrauter Weg — das riecht nach jemandem, der zum engeren Kreis gehörte. In meinem Gewerbe lernt man: Bestohlen wird man selten vom Fremden. Fast immer vom Bekannten.


Wir gehen die Treppe nicht hinunter. Nicht aus Feigheit — aus Rechnung. Unten wartet vielleicht ein Dämon, vielleicht liegt da Silberquell tot, vielleicht ist das Ding längst frei. Und die eine Sache, die wir bräuchten, um es zu bannen, hat Nummer 9 heute Morgen zu Asche verpuffen lassen. Ohne Madablüten da runterzusteigen wäre, als ginge man ohne Wasser gegen ein Feuer. Also verschließen wir die Treppe wieder, und Kiesel klopft dreimal, als er sieht, dass wir überhaupt daran denken hinabzusteigen. Selbst der Steindrache hält uns für zu blöd, ungerüstet dort hinunterzugehen. Wenn schon das Inventar mahnt, sollte man hören.


Zum Abschied streicht die rote Katze einmal um Persephones Beine, macht einen Buckel und ist wieder weg, ehe man sie greifen kann. Auch die gehört zum Testament. Auch für die soll gesorgt werden. Ein Turm voller Erbstücke, die man nicht verkaufen kann, ein Beschwörungskreis, den wir nicht betreten dürfen, ein Dieb ohne Gesicht und ein Auftraggeber, der seit sechs Wochen verschollen ist. Zwei Taler.


Zurück ins Dorf. Wir brauchen Blüten, und wir brauchen Antworten — und ich fürchte, beides kostet mehr, als die Alte uns zahlt.



Gelernt ist Gelernt

Man lernt eine Menge über ein Kaff, wenn man den Leuten beim Reden zusieht statt zuzuhören. In der Kneipe ist es erstaunlich voll für einen Ort mit ner Hand voll Hütten, und wir machen das, was man eben so macht: Fragen stellen und abwarten, wer dabei nervös wird.


Der Wirt ist direkt eine Sackgasse. Hatte nie viel mit dem Magier zu schaffen, sagt er, und man glaubt es ihm, weil er zu dumm wäre, überzeugend zu lügen. Immerhin erfahren wir, wer im Turm ein und aus ging: der neunmal kluge Bengel Bosper, ein fahrender Händler namens Phexlin Riedel, und Joram, der Müller, der zweimal im Jahr den Abort ausgehoben hat. Na, der wär' doch schon mal ein Kandidat, würde ich meinen.


Dargel Eisenwacht - Schmiedin
Dargel Eisenwacht - Schmiedin

Druna schleppt mich derweil zu einer Schmiedin, Dargel Eisenwacht, breit wie ein Scheunentor und halb so gesprächig. Ihr Name klingt eher wie ne verdammte Krankheit. War nie im Turm, hat dem Alten nur ab und zu was gerichtet, erwähnt beiläufig, dass er öfter bei einer gewissen Mara Kräuter gekauft hat. Von Madablüten weiß sie so viel wie ich von Stickerei. Eine weitere Enttäuschung. so wie dieser beschissene Ort.


Wie von ner Tarantel gestochen, springt die Wuchtgrazie auf und will unbedingt mit Nummer 9 Armdrücken. Als wären wir hier in einem ihrer Schundromane, nimmt sie wie selbstverständlich an, er könnte eine Herausforderung gar nicht ablehnen — Ehre und Ritter und der ganze Scheiß. Ich sage ihr nicht, dass Khorim seine Mutter töten würde, wenn die Kasse stimmt. Drunas Gelaber scheint unserem Rotauge ziemlich auf den Sack zu gehen. Er springt auf, der Tisch mit ihm — und bleibt mitten im Flug stehen, weil Rhayad ihn mit einer gelangweilten Geste festhält, als wäre das Umwerfen von Mobiliar unter seiner Würde. Damiano fuchtelt beschwichtigend herum, Khorim stampft fluchend in die Nacht hinaus. Ich habe keinen Finger gerührt und keine Sekunde bereut. Das kannst du dir nicht ausdenken.


Während ich das Chaos genieße, sitzt der Schwarzmagier in seiner Ecke und erträgt das alles mit dem Gesichtsausdruck eines Mannes, dem man zumutet, in einem Schweinestall zu speisen. Er macht sich Notizen, penibel, und was in seinem Kopf vorgeht, erfahre ich erst viel später und nur durch Zufall — denn Rhayad lässt niemanden in seine Aufzeichnungen sehen. Hätte ich gewusst, was er da kritzelt, wäre mir der Mann fast sympathisch gewesen.


Rhayad's Notizen
Rhayad's Notizen

Zwei brauchbare Fäden bleiben am Ende hängen. Der Jäger, der sich zu uns setzt, erzählt vom Vieh: mehr krank und tot als sonst, aber keine Missgeburten, keine Raubtiere, nichts, was man nicht mit schlechtem Wasser erklären könnte. Und dann, fast beiläufig, der Satz, der mir kurz den Nacken kalt macht: Als der Magier noch da war, vor ein paar Wochen, stand er mal um Mitternacht draußen und sah ein grünes Leuchten am Turm. Bodennebel, wo keiner hingehört, und über dem Bach ein Schimmern in derselben kranken Farbe. Ich halte nichts von Hokuspokus, das weiß jeder, aber ich halte auch nichts davon, solche Sätze zu überhören. Die Frage ist, wer das war. Magister Silberlocke oder der verfluchte Dämon.


Firunian Kord - Jäger
Firunian Kord - Jäger
Joram Binsenbeck - Müller
Joram Binsenbeck - Müller



















Der zweite Faden ist der Müller. Joram setzt sich an die Theke, und ich setze mich dazu, denn plötzlich hab ich ein unerklärliches Interesse an Scheißhäusern. Er redet bereitwillig, zu bereitwillig, wenn mans genau nimmt: Zweimal im Jahr hat er den Schacht ausgehoben, der Magier hatte einiges springen lassen dafür, und schon sein Vater hat das für den Vorgänger des Alten getan. Klasse Referenz: Und was machst du so? "Also ich karre schon in der zweiten Generation die Scheiße anderer." Ich nicke und lächle und denke an das, was Kiesel durch den Stein gesehen hat. Einen Schlüssel und jemanden, der durch eben diesen Schacht gekrochen ist. Bingo!


Damiano macht sich mal nützlich und bringt Joram dazu, uns den Schlüssel noch heute Nacht zu zeigen. Er hat ihn in der Mühle, also gehen wir hin, und er gibt ihn uns tatsächlich heraus. Damiano nimmt ihn, freut sich und trottet schon mal Richtung Taverne zurück, zufrieden mit sich wie ein Hund, der einen Stock gebracht hat.


Ich nicht.


Denn Joram will nicht mit. Er bleibt in der Mühle, und das ist der Fehler, der mich schon ein verdammtes Vermögen gekostet hat. Wer nichts zu verbergen hat, geht mit. Wer bleibt, hat was vor. Ich drücke mich in den Schatten der Mühlenwand und warte. Es dauert nicht lange. Erst ein Scharren, ein Rascheln. Dann der Geruch. Rauch. Frisches Feuer. Ich kenne diesen Trick. Ich habe diesen Trick erfunden.


Durchs Fenster sehe ich ihn über der Flamme stehen, ein Blatt Papier in der Hand, schon halb zum Feuer gesenkt. Ab da denke ich nicht mehr, ab da arbeite ich. Die Peitsche ist in meiner Hand, noch bevor ich den Entschluss fasse, die Tür fliegt auf, und der erste Schlag holt Joram von den Füßen, seine dämliche Fresse schlägt auf den Boden. Er brüllt, er schreit. Ich lache nur und bin schon auf ihm, halte ihn im Dreck liegen, das Papier ist noch in seiner Faust. Mein Arm umschlingt langsam seinen Hals. Während ich zudrücke, bin ich ganz nah an seinem Ohr. "Junge, das Papier oder das Letzte, was du hören wirst ist das Brechen deines Genicks." Das Feuer spiegelt sich auf unserer schweißnassen Haut, es stinkt nach Rauch und Angst, und ich merke, wie mühelos mir das von der Hand geht. Wie ein alter Handgriff, den die Finger nie verlernen.


Irgendwo im Gepolter baut sich Druna im Türrahmen auf — stößt sich erst den Schädel am Sturz, flucht, richtet sich wieder auf und füllt dann die ganze Tür aus wie ein zugezogener Vorhang. Später wird mir auffallen, dass sich in diesem Moment etwas in ihrem Blick verschiebt. Die Thorwalerin, die mich für den letzten Dreck unter ihren Stiefeln hält, sieht mir zu, wie ich arbeite, und was sie sieht, gefällt ihr nicht — und flößt ihr trotzdem Respekt ein. Tja, irgendwer muss ja die Drecksarbeit machen und glaubt mir, ich hab schon Schlimmeres gemacht.


Joram lässt los. "Braves Hündchen", flüstere ich, noch immer ganz dicht an seinem Ohr. Ich lasse ihn los und frage ihn aus. Noch röchelnd packt er aus, erbärmlich: Er hat das Ritual sabotiert, die Blüten gestohlen und verbrannt, weil der Magier den Bach umgeleitet hat und seine Mühle seither stillsteht. Nur deshalb. Mein Versuch, ihm beizubringen, wie groß der Haufen Scheiße ist, den er jetzt vor sich hat, bringt absolut nichts. Er will es nicht hören. In seinem Schädel ist nur Platz für seine bekloppte Mühle. Ich lasse es einfach. Es ist mir, ehrlich gesagt, auch gleich, ob der Mann begreift. Ich hab das Papier und wenn er dabei krepiert wäre, was solls.


Ich drehe mich mitten in seinem Gezeter einfach weg und nicke Druna zu. Sie wuchtet ihn sich über die Schulter wie einen Sack Mehl, der er im Grunde ist, und wir gehen.


Auf dem Rückweg kommen wir wieder an Damiano vorbei, der inzwischen offenbar beschlossen hat, dass das alles irgendwie sein Verdienst war. Ich höre gar nicht richtig hin und gehe ein paar Schritte vor den anderen, Kippe in der einen Hand, das zusammengefaltete Papier in der anderen. Damiano schuldet Joram noch ein Bier.


Ich glaube nicht!


Hin, her, rauf, runter

Die Tür der Schänke knallt auf, und alle drehen sich um. Genau so soll das sein.


Druna trägt den Müller über der Schulter wie einen nassen Sack Mehl, und ich gehe direkt um Tresen. Damiano steht mit offenem


Mund da, ich grinse ihn nur an und schnapp mir das Bier. Geliefert wie bestellt, sage ich und gönne mir nen großen Schluck.


Druna setzt den Müller ab, speckig grinsend, stolz wie ein Gör, das den Hof gefegt hat, und schaut in die Runde, als müsse man sie nun endlich ernst nehmen. Und das ist das Problem mit Druna. Zwei Schritt Thorwalerin, eine Axt, mit der man Scheunentore halbiert — und darüber ein Gesicht, bei dem man ihr spontan ein Stück Kuchen anbieten will. Eine verdammte Eintreiberin soll nicht liebenswert sein. Ich bevorzuge eher gebrochene Knochen. Aber bitte.


Ich wedele mit dem Stück Papier, das ich dem Müller abgenommen habe. „Das wollte der Idiot verbrennen." Die herausgerissene Seite. Wochenlang versteckt, und als es brenzlig wird, ab damit ins Feuer. Man kann sich diese Trottel nicht ausdenken.


Der Schwarzmagier lässt ein bisschen arkanes Leuchten über die Finger spielen und zwingt das Joram sich zu verbeugen. Genau mein Humor, dachte ich. Rhayad fragt den Wirt höflich nach dem Keller. "Zehn Minuten?". Der Wirt nickt, wie man nickt, wenn man lieber nichts Genaues wissen will. "Aber die Vorräte bleiben da, ja?", ruft er eher kleinlaut hinterher. Druna wuchtet den Müller die Stiege hinab.


„Du solltest jetzt besser reden", sagt der Schwarzmagier. „Ich weiß nicht, ob dir klar ist, was du angerichtet hast."


Und der Müller: „Ich bin hier doch der Geschädigte."


Der Geschädigte?! Was für ein verschissener Vollpfosten. Die halbe Gegend steht am Abgrund wegen seiner Dummheit, und er ist der Geschädigte? Druna haut ihm einmal in die Fresse, kräftig, aus reiner Verzweiflung über so viel Schwachsinn, und ich kann's ihr nicht verdenken. Kommt trotzdem nichts Brauchbares aus ihm raus. Wir schleifen ihn wieder hoch.


„Sitz." Ich drücke ihn auf den Hocker neben den Schwarzmagier. „Du bist doch ein braves Hündchen. Und jetzt sei still."


Damiano hatte die rausgerissene Seite in der Zwischenzeit gelesen und teilt mir was draufsteht. Der Schwarzmagier begreift es im selben Atemzug wie ich: Der Kerl hat das gelesen. Hat schwarz auf weiß gelesen, was passiert, wenn man die Sicherung austauscht — und hat die Blüten trotzdem vertauscht. Und er lässt durchblicken, dass er da oben nicht allein war.


Und Rhayad legt noch eins drauf und ich schaue es mir mit Vergnügen an. Der Schwarzmagier spricht ein Wort, Corpofesso, und der Müller krümmt sich, als steckte ihm ein Messer zwischen den Rippen. "Nett.", sage ich grinsend. Halb im Spott hatte ich anfangs mal gesagt, Rhayad und ich seien "Brüder im Geiste". Hier sehen, wie warum ich das sagte. Ich kenne das Handwerk — man holt die Wahrheit aus den Leuten raus, mit Klinge und Tonfall. Er macht's mit einem Spruch und ein bisschen Licht. Dasselbe Gewerbe, nur saubere Fingernägel.


Während der Müller wimmert, liest der Schwarzmagier in seinem Schädel. Erzählt hinterher, was er gesehen hat: eine Höhle, silberne Kreise auf dem Boden, dunkel, eine zweite Gestalt an einem Bronzeständer, die etwas austauscht. Kein Gesicht. Er gräbt tiefer — und findet den Namen. Die Schwester. Alrike. Ist das euer beschissener Ernst? Nen Familiending?


„Warum habt ihr das Ritual gestört?"


„Na, weil wir das Wasser brauchten."


Das Wasser, das Wasser, das verfickte Wasser! Wenn ich das noch einmal höre, dann regnets hier gleich Körperteile. Aber gut, wie brauchen die Schwester.


Also raus. Druna, Persephone und ich zum Haus der Schulzin. Persephone hämmert gegen die Tür, Druna baut sich daneben auf, bestimmt, aber freundlich — viel zu freundlich, dieses „kommt doch bitte mit", als lüde sie zum Tanz. Ich steh daneben mit dem Bier un der Hand und sage gar nichts. Die Schulzin versteht kein Wort, aber eine Thorwalerin vor der Tür ist ein ziemlich überzeugendes Argument. Sie kommt mit.


Zurück in die Kneipe, Schulzin neben den Schwarzmagier platziert, ich an den Tresen, noch ein Bier. Damiano macht den Erklärbär, als würde das hier überhaupt noch was bringen. Und die Frau — offenbar ehrlich entgeistert. „Das höre ich alles zum ersten Mal." Sie habe nur den Rauchquarz getauscht, von Dämonen weiß sie nichts. Und ich glaube ihr sogar. Brunder und Schwester, jeder pfuscht irgendwas herum, keiner ahnt, dass sie zusammen ihre eigene Welt ein Stück aus den Angeln heben. Nicht mal verschworen. Bloß doppelt bescheuert. "Keine Madablüten und keinen Kristall. Sehr unglücklich.", murmelt Rhayad. Und Alrike, als ob sie über nichts besseres nachzudenken hätte: "Madablüten? Die gibts bei Mara".


Mara Siedekraut
Mara Siedekraut

Noch ein Gang nach draußen — Alsikes Rauchquarz liegt zu Hause, ein Brocken, deutlich größer als unserer. Die Kräuterhexe holen wir gleich mit ab. Tür auf, an den Tresen, noch ein Bier und Mara direkt zu Rhayed. Die weiß gar nichts und besitzt genau eine verfluchte Madablüte. Eine. Zehn Jahre in ihrem Besitz, seither keine zweite gefunden, pflücken verboten, selten wie ein ehrlicher Al'Anfaner. Klasse und Sackgasse. Und dann, als wär's nichts, bietet sie ihre eine Blüte an. Zieht los, kommt zurück, legt sie hin. Beinahe hätte ich mich bedankt. Beinahe.


Je länger das dauert, desto mehr Taler — so rechne ich. Normalerweise. Zwei glänzende Taler am Tag hatte ich rausgeschunden und war noch stolz drauf. Für einen Dämon an einer gerissenen Kraftlinie und was auch immer. Manchmal verrechnet man sich schon beim Feilschen und merkt's erst, wenn man die Scheiße schmeckt in der man steht. Heute kriegen wir nichts mehr.


Das Hündchen sperren wir in eine Kammer. Damiano schläft im Schankraum, damit keiner auf dumme Gedanken kommt. Ich liege wach. Das Haus knarrt, der Müller ist weggeschlossen, Druna schnarcht wie ein Sägewerk. Es gibt schlimmere Arten, eine Nacht zu verbringen. Einsamere auch. — Schluss. Schlafen.


Am Morgen erzählt der Schwarzmagier beiläufig, zwischen zwei Bissen, er hätte nachts eine Stimme gehört. Wie seine Mutter habe sie geklungen. „Komm zu mir, mein Sohn, lass mich raus." Er zuckt mit den Schultern. Er höre öfter Stimmen, sagt er. Ist wohl Berufsrisiko. Keine Ahnung, was ich davon halten soll. Er macht sich keine Sorgen, ich mache mir dann auch mal keine - ist vermutlich ein Fehler, aber was solls.


Hinauf zum Turm, Müller und Schulzin im Schlepptau. Und wieder kann nur der Schwarzmagier die Tür öffnen. Keiner sagt's laut. Alle denken's.


Kiesel blinzelt uns entgegen, winkt mit einem Flügel. Wir zeigen auf den Müller. „Ist das der Mann, den du gesehen hast?" Ein Klopfen. Ja. Immerhin einer hier, der klare Antworten gibt.


Dann nach unten. Ich öffne die geheime Treppe, wir steigen hinab. Ein Kellerraum, ein Spiegel an einer Tür — und im Spiegel, düster, die Höhle mit dem Ritualplatz. Eine zweite Tür führt in einen Flur mit sieben weiteren Türen. Alles verstaubt bis unter die Decke, keine einzige Fußspur, seit Menschengedenken nicht betreten. Im größten Raum stochert Druna mit dem Schwert in einem Stück kaputter Wand, bis ihr ein Lederköcher in die Hand fällt. Bauzeichnungen. Nichts, womit man was anfangen kann. Es ist schon komisch, was der ganze Mist hier soll, aber es bringt uns auch nicht weiter.


Die zweite Tür im ersten Raum ist aus Metall, kein Griff, kein Schloss, nichts. Daneben ein Spiegel, der im Dunkel die Höhle zeigt und den Ort vom Ritual. Irgendwer oder irgendwas sitzt in der Mitte. Ich hasse sowas. Muss es denn immer so eine Magiescheiße sein.


Da fällt dem Trällerchen der Spruch wieder ein: „Der Weg nach unten liegt dort, wo der Rabe am tiefsten steht." Also, Rhayed wieder rauf ans Astrolabium. Wir verteilen uns im Turm, Damiano in der Küche, Druna im Labor und Persephone in der Bibliothek. Der Schwarzmagier dreht das Ding einmal im Kreis und zurück, bis der Rabe am tiefsten steht. Es klickt — bei mir, eine Etage höher im Observatorium. Aus dem Sternenring springt ein kleines Plättchen, direkt unter dem Auge des Raben. Ich drücke es zurück.


Noch ein Klicken, tiefer im Turm, unten bei Nummer Neun. Dann wird es sehr still. So still, dass ich das Metall fast selber höre, wie es nachgibt — ein Knarren, ein Spalt, fingerbreit, und dahinter nichts als Schwarz.


Und Kiesel, der bis eben nur genickt hat, klopft.


Bum.


Bum.


Bum.


Turm zu vermieten: Sechs Etagen, Küche, AborT

Kiesel will uns nicht durch die Tür lassen und klopft sich die Seele aus dem Leib. Oben rudert mit seinen lächerlichen Stummelflügeln und deutet irgendwie nach oben. Das ist schon fast rührend.


Druna geht vor ihm in die Hocke und fragt ihn geduldig aus, Klopfer für Klopfer, wie man mit einem begriffsstutzigen Balg redet. Was noch fehlt, liegt im Labor, und es sind die Blüten. Er glaubt zu wissen, wie der Apparat da oben arbeitet, aber nachmachen kann das verdammte Ding die Blüten nicht. Natürlich nicht, das wäre ja zu einfach, und einfach ist in diesem Turm noch keine Stunde irgendwas gewesen.


Also wieder rauf ins Labor, an diesen Schrank. Rhayad bittet den Kleinen, es uns zu zeigen, aber so bereitwillig spuckt die Mechanik nichts aus, und wir müssen raten. Die Grazie kommt auf die erstaunlich schlaue Idee, dass wir ja unsere Haare reinlegen könnten, um es zu testen. Wir legen also schwarzes Haar von Persephone, vom Schwarzmagier und von mir hinein, aber alles, was wir dafür kriegen, ist ein müdes Fump und eine Prise Asche. Großartig. Wieder ein Griff ins Klo.


Während wir noch fummeln, kommt die Katze oben die Wand heruntergelaufen, lautlos, und verschwindet in einem Stein. Silberlocke hat diese magische Katzenklappe im ganzen Turm eingebaut. Soviel Mühe für so nen laufen Flohzirkus.


Am Ende ist es Druna, die Kiesel auf den Tisch hebt, und von dort oben dirigiert der Kleine uns: drei verschiedene Blüten, in jedes Fach eine. Es klickt, der Schrank geht auf, und dahinter steht ein ganzes Gefäß voll Madablüten als Reserve — die ganze gottverfluchte Zeit war der Vorrat hier, während wir das halbe Dorf nach einer einzigen umgepflügt haben. Daneben steht die Linse. Rhayad prüft erst, ob die Blüten überhaupt echt sind, und das sind sie. Ich sage dazu besser nichts. Zwei Tage Lauferei für eine Blume, und hier lag der ganze Topf. Das erzählen wir besser mal nicht weiter, würde ich sagen.


Wir nehmen mit, was wir brauchen, und steigen hinab.


Unten setzen wir die Linse vor den Spiegel, und das Bild kippt vollständig. Es zeigt nicht mehr die Höhle, sondern das, was einmal war — abgehackt und zusammengeschnitten, als hätte jemand die Vergangenheit in Fetzen gerissen und in die Luft geworfen. Argelion, wie er vorbereitet, Das Hündchen, wie er und seine dämliche Schwester sich am Ritualplatz zu schaffen machen. Dreht man am Sockel, wird das Ganze heller oder dunkler. Eigentlich hübsche Spielerei, von der mir trotzdem schlecht wird.


Dann die Tür. Edgenion drängt hinter uns heran und will mit, aber die Metalltür fällt ihm vor der Nase ins Schloss, und ich höre das Trällerchen von drinnen noch dagegenhämmern. Pech gehabt. Diesmal muss er die Vorstellung ohne Publikum spielen.



Vor uns liegt eine Höhle in fahlem Licht, dahinter schwarzes Wasser, so schwarz, dass es noch das bisschen Helligkeit auffrisst, und über allem ein Flüstern, das von überall und nirgends kommt. In der Mitte hockt etwas, das von der Hüfte aufwärts fast ein Mensch ist und darunter längst nichts mehr.


Zwei Stimmen aus demselben Ding. Die eine ist alt und brüchig und sagt, wir sollen nicht näher kommen. Die andere kriecht einem ins Ohr und bleibt dort kleben: Kommt, ich zeige euch, was in der Dunkelheit wohnt. Wieder der Alte, flehend jetzt — bei allem, was euch heilig ist, tretet nicht über die silberne Linie —, und darunter, sanft und geduldig, das Biest: Kommt ruhig näher. Mir fällt wieder ein, warum genau ich Dämonen scheiße finde.


In dem Moment begreife ich, was wir hier vor uns haben. Der Magier und der Dämon sind verwoben wie zwei Fäden im selben Strick. Eine zersprungene Kreisrune, die falschen Blüten — und der alte Narr hat sich am Ende selbst hineingeworfen, hat sein eigenes Fleisch als Riegel vor das Ding geschoben, damit es nicht herauskommt. Sechs Wochen hält er das Biest jetzt schon mit nichts als seinem Willen fest. Ich habe schon tapferere Dinge gesehen, und ich habe schon dümmere gesehen, und meistens waren das dieselben.


Persephone entdeckt die zersprungene Linse, ich sehe weiter rechts zwei Tuben mit silbriger Paste liegen und merke mir die Stelle. Dann bricht die Hölle los, und sie ist kein sauberer Kampf von Klinge gegen Klaue. Sie ist Arbeit — dreckige, zähe, viel zu lange Arbeit.


Wir verteilen die Aufgaben, und der Rest des Abends ist ein einziges Ringen darum, drei Sicherungen zu setzen, ohne dass einer von uns über die Linie geht. Ich lege als Erster meine Blüte in die Schale, und kaum liegt sie drin, legt Druna ihre hinterher — der Al’Anfaner ist nicht blöd, und das spricht sich offenbar herum. Nummer Neun dagegen legt überhaupt nichts rein, sondern tanzt - schon wieder. Er fuchtelt, schwingt und murmelt irgendwas vor sich hin. Ehrlich, für mich sieht das aus wie ein Besoffener, der gegen den Wind boxt. Bescheuert!


Damiano kümmert sich um den Rauchkristall, und der Bengel macht aus jedem Handgriff eine kleine Theatervorstellung. Jede Geste kriegt eine Schleife, jeder Spruch einen Schnörkel, als male er Ranken um sein mittelmäßiges Können, damit keiner merkt, wie mittel es wirklich ist. Ich frage ihn, ob das auch ohne das ganze Ballett geht, und es gefällt ihm nicht. Ich kann mit das Grinsen nicht verkneifen.


Und der Schwarzmagier malt. Er greift sich die silbrigen Tuben und zieht die Trennrune nach, Strich für Strich, und er braucht dafür eine halbe Ewigkeit — es klappt nicht, und es klappt wieder nicht, und genau deshalb zieht sich das Ganze so endlos. Ich hab nix gegen Nervenkitzel, aber die Nummer war mir ne Spur zu spannend.



Dazwischen lässt das Biest keine Ruhe. Immer wieder greift es sich einen von uns, nicht mit Klauen, sondern mit seiner widerlichen Stimme, und zieht, bis man sich innerlich mit beiden Händen festhalten muss, um nicht den Schritt nach vorn zu machen. Mal ist es der Schwarzmagier, mal Persephone, die einen Lidschlag lang nicht weiß, ob sie kämpfen oder zuhören soll und sich dann doch fürs Kämpfen entscheidet. Unseren Tänzer erwischt es schlimmer — der macht tatsächlich einen Schritt näher an den Kreis, der Idiot. Und dann, als wäre keiner von uns fein raus, bin ich an der Reihe, und ich mache diesen Schritt ebenfalls. Nur einen. Für einen halben Herzschlag hat die Stimme vollkommen recht gehabt, und meine Füße waren schneller als mein Verstand. Scheiße, dann stehe ich wieder, wo ich hingehöre. An meinem Strick zieht keiner außer mir, und ganz sicher kein Dämon.


Wenn das Flüstern mal nicht zieht, schlägt das Ding eben mit den Klauen, und dann ist für ein paar Herzschläge jeder nur noch damit beschäftigt, am Leben zu bleiben. Der Alte hilft, so gut ein halb aufgefressener Mann noch helfen kann — nicht der äußere Kreis sei das Verbotene, ruft er, sondern der innere, über die silberne Linie dürfen wir nicht. Schön, das zu wissen. Die ganze Zeit hatten wir Bammel vor dem falschen, beschissenen Strich.


Irgendwann sitzt Damianos Kristall, und das ist die erste Sicherung. Ich schnappe mir die Linse, stelle mich auf einen Absatz und will dem Biest mit der Peitsche kommen, während Rhayad weiter malt und Persephone und Druna weiter kämpfen und Nummer Neun weiter ins Leere tanzt, bis ihn das Ding dagegenhält und sein großer Rundumschlag verpufft wie — nun ja, wie Tanzen eben. Dann setzt der Schmierlappen zum zweiten Mal an, ein Krötensprung quer durch die Höhle, natürlich mit Pirouette, um Khorims liegengebliebene Blüte doch noch in die Schale zu legen. Ich könnte schwören, dass er mir bei diesem Manöver die Zunge rausgestreckt hat. Normalerweise bin ich doch das Arschloch hier. Egal, zweite Sicherung, der äußere Kreis beginnt zu leuchten. Zu irgendwas ist das Geschnörkel also doch gut.


Ich wechsle hinüber zu der Stelle, wo die zersprungene Linse lag, und ziehe die Dolche, weil ich mir denke, wenn das Mistvieh schon nicht brennen will, dann schneide ich es eben auf. Da sagt Argelion, ich soll durch die Linse auf sein Herz schauen, und Rhayad ist zur selben Zeit drauf gekommen, er hat nur die Linse nicht. Im selben Moment klickt die dritte Sicherung, weil Rhayad endlich fertig geworden ist. Und ich stehe da, mit zwei richtig guten Dolchen in der Hand, die hier keinen roten Heller wert sind, und dem einzigen, worauf es ankommt: einem Stück geschliffenem Glas.


Ich lass die Dolche also wieder fallen und hebe die Linse ans Auge. Ausgerechnet ich — der Mann, der für zwei glänzende Taler losgezogen ist, um nach einem Magier zu sehen, der Dämonen hasst und Magie nur eine Spur weniger. Und jetzt mache ich beides auf einmal kaputt, durch eine Linse, mit der ich das Herz eines Fremden suche, der uns anfleht, es ihm zu zerbrechen. Es wäre zum Lachen. Egal. Durchatmen. Schauen. Dann ist nichts mehr — kein Biest, kein Flüstern, kein alter Mann. Das schwarze Wasser liegt glatt und leer, und Argelion hat bekommen, worum er die ganze Zeit gebeten hat: beendet, was er begonnen hatte. Ich habe nicht einmal ein Wort für ihn übriggehabt. Was solls, wir haben gewonnen.


Der Rest ist Abrechnung, und die geht schneller als der Kampf. In Punin ist die Vistelli wenig begeistert, dass ihr Magier tot ist, nimmt aber trotzdem gern, dass der Dämon weg ist — so laufen diese Dinge eben, einer krepiert, einer rechnet, und wir sind irgendwo dazwischen. Im Dorf machen wir Jorams und Alrikes kleines Wasserabenteuer öffentlich, und die beiden dürfen sich der Reihe nach bei jedem entschuldigen, dem sie fast die Welt über dem Kopf zusammengezogen hätten. Mir reicht das als Strafe. Gebrochene Knochen hätten besser gepasst, aber bitte.


Und den Turm bekommen wir tatsächlich. Asterwacht, uns zu Füßen, mitsamt einem Steindrachen und einer Katze, die durch die Wände rennt. Es kommt sogar noch ein Magier, um die Tür auf uns alle einzuschwingen, und dabei kommt endlich heraus, warum die ganze Zeit nur der Schwarzmagier das verdammte Ding aufbekommen hat. Er hatte das Siegel der Akademie in der Tasche. Das war alles. Kein Zauber, kein Schicksal, keine große Prophezeiung — nur ein verfluchtes Stück Metall.


Ich stehe hier auf dem Balkon des Turms, die Kippe im Mundwinkel und rechne schon, wie viel Kohle mein Teil wert ist.

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